großer Sibirien-Expedition 1719-1727
© Werner Robl, Berching, Dezember 2025
![]() Stele am Schiffsbahnhof in Chanty-Mansijsk, geschaffen von V. A. Sargsyan, aufgestellt 2010 am Ufer des Irtysch, die den großen Expeditionen der Forscher Vitus Johnassen Bering (1681-1741), Dimitri Leotjewitsch Owzyn (1708-1757), Gerhard Friedrich Müller (1705-1783) und Daniel Gottlieb Messerschmidt (1685-1735) gewidmet ist.
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Messerschmidt traf Ende 1719 in Tobolsk ein. Im Laufe des folgenden Jahres bereitete er seine Expedition gründlich vor, unternahm kleinere Reisen in die Umgebung und sah sich nach geeigneten Reisebegleitern um. In Tobolsk lebte eine Gruppe schwedischer Kriegsgefangener, von denen sich einige mit Sibirien und seiner Geschichte beschäftigten. Dazu zählte vor allem Kapitän Tabbert [nobilitiert: von Strahlenberg], der bei den Vorbereitungsarbeiten sehr nützlich war und Messerschmidt auch auf dem ersten Teil der Reise begleitete.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die körperlichen Strapazen, die Gefahren, die Einsamkeit und Abgeschiedenheit von der Welt vorzustellen, denen ein Reisender ausgesetzt war, der Anfang des 18. Jahrhunderts die Weiten Sibiriens durchquerte. Die Tagebucheintragungen berichten auch darüber, daß der Arzt Messerschmidt auf seiner langen Reise nicht nur, wie es sein Auftrag war, seltene und epidemische Krankheiten behandelte und beschrieb, sondern oft genug auch bei "gewöhnlichen" Krankheiten seiner ärztlichen Pflicht nachkam. [2]
Nach ertragreicher und anstrengender Reise kehrte Messerschmidt im März 1727 nach Petersburg zurück. Sein sehnlichster Wunsch war es, die von ihm gesammelten Materialien so schnell wie möglich zu bearbeiten und der wissenschaftlichen Welt zugänglich zu machen. Doch die politische Situation war für Messerschmidt ungünstig. Sein großer Auftraggeber war tot, und den Nachfolger schien anderes zu interessieren, als sich um das Schicksal der von Peter I. begonnenen Projekte zu kümmern. Messerschmidt beeilte sich, nach Deutschland zu kommen, u. a. in der Hoffnung, dort sein Vorhaben voranzutreiben. Doch bevor er Petersburg verlassen konnte, musste er das Versprechen abgeben, "über Forschungsergebnisse aus Sibirien Stillschweigen zu bewahren und über seine Reise nichts ohne Bewilligung der Petersburger Akademie zu veröffentlichen." [3] Er hielt sich an diese Zusage. Teile seines Reiseberichtes konnte Tabbert [alias von Strahlenberg] in Schweden veröffentlichen. Einiges nutzten die Wissenschafter, die nach ihm im Auftrage der Petersburger Akademie Sibirien bereisten. [...]" [4]
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Mehr als 43 Jahre sind seit Ludmila Thomas' "Geschichte Sibiriens" vergangen, und Messerschmidts Sibirien-Expedition hat inzwischen erhebliche Aufmerksamkeit in der Fachwissenschaft gefunden, sowohl in Russland als auch in Deutschland. Seine mehrere hundert Seiten umfassende Übersicht "Sibiria perlustrata" liegt inzwischen in einer Faksimile-Ausgabe vor. Dennoch harrt der zum großen Teil in den Archiven der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften liegende wissenschaftliche Nachlass D. G. Messerschmidts einer kritischen Gesamtausgabe.
Wenigstens hat inzwischen Prof. mult. Dr. mult. Werner Lehfeldt, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Slawische Philologie an der Universität Göttingen (1992-2011), den Lebenslauf und das Schaffen Messerschmidts in einer umfassenden Übersichtsarbeit dargestellt - wohlwissend, dass auch damit wegen des Umfangs an Material im Archiv von St. Petersburg nur ein Anfang gemacht war. So gab dieser renommierte Slawist seinem Werk von 747 Seiten den bescheidenen Untertitel: "Versuch einer Annäherung an einen großen Wissenschaftler".
Zu diesem umfassenden Werk hier die ausrührliche Referenz:
Werner Lehfeldt (unter Mitwirkung von Larisa D. Bondar und Michael Knüppel): Daniel Gottlieb Messerschmidt 1685–1735. Der erste Erforscher Sibiriens. Versuch einer Annäherung an einen großen Wissenschaftler.
Das Buch ist erschienen in der Reihe Abhandlungen der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Neue Folge, Band 54, Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2023.
Herr Prof. Lehfeldt hat uns anlässlich der Verleihung der Brüder-Grimm-Medaille im November 2025 [Link] dankenswerter Weise dieses sein größtes Werk - wohlgemerkt das Werk eines "Ruheständlers im Unruhezustand" (Cicero: "otium com negotio") - als Geschenk überreicht, und wir haben es hinterher mit großem Interesse und zunehmender Begeisterung durchstudiert. Herr Prof. Lehfeldt hat als Sprachwissenschaftler in weiten Teilen seines biografischen Berichts darauf verzichtet, Messerschmidts Originalaufzeichnungen der aktuellen deutschen Orthografie anzupassen. D. h., er hat sämtliche aus den Quellen entnommenen Dokumente in der Sprache und dem Tenor des frühen 18. Jahrhunderts belassen, sowohl, was die deutschen als auch, was die lateinischen und russischen Textanteile betrifft. Deshalb spricht hier D. G. Messerschmidt sozusagen im Originalton mit dem Leser, was Lehfeldts Werk ungeheure Frische und Authentizität verleiht.
Wir verzichten an dieser Stelle auf eine umfangreichere Rezension dieses Werkes, empfehlen es aber wärmstens unseren Freunden und allen Lesern dieser Seite zur Lektüre. Dem Autor zufolge hat D. G. Messerschmidt nicht nur einen begründeten Anspruch darauf, zu den größten Söhnen Danzigs gezählt zu werden, sondern er war noch viel mehr! Herr Prof. Lehfeldt scheut sich nicht, diesen ersten bedeutenden Erforscher Sibiriens in einem Atemzug mit dem weitaus bekannteren Alexander von Humboldt zu nennen, denn das, was der preußische Adelige als Erforscher Mittel- und Südamerikas leistete, das hat der Humanmediziner Messerschmidt in nicht minderem Umfang in Sibirien erbracht, und er hat dieses riesige Territorium so gründlich geografisch, geologisch, botanisch, zoologisch, ethnologisch, linguistisch, paläontologisch und prähistorisch erschlossen, dass selbst heute noch diverse fachwissenschaftliche Disziplinen davon profitieren.
Im Zusammenhang mit der Lektüre von Prof. Lehfeldts Werk über Messerschmidt haben wir der Übersicht halber einiges zusätzliche Material, vor allem Kartenmaterial, zusammengestellt, welches nur für eine Internet-Publikation in Frage kommt. Wenngleich dieses Anschauungsmaterial in Zusammenhang mit Lehfeldts Publikation von eher marginaler Bedeutung ist, so fördert es doch die konkrete Vorstellung vom damaligen Sibirien und macht Lust, das Leben und die Expedition Messerschmidts nun auch lesend nachzuvollziehen. Deshalb stellen wir es hier den Interessenten zur Verfügung:
![]() Philipp J. von Strahlenberg, Selbstporträt 1750.
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Im Jahr 1720 stieß er zu D. G. Messerschmidt und begleitete dessen Expeditionen bis zum späten Frühjahr 1722. Am 28. Mai 1722, nach dem Frieden von Nystad, mussten die beiden Männer, die sich allezeit gut verstanden und in ihren Forschungen auch ergänzt hatten, Abschied von einander nehmen, bei den Jurten von Ornoschajew, am Zusammenfluss der Flüsse Kemtschug und Bolschoi Terechtjul: "Mit bitteren Tränen verabschiedete ich mich von meineehrlichen, frommen, treuen und fleißigen Helfer", bedauerte Messerschmidt.
Ph. J. von Strahlenberg kehrte nach Stockholm zurück und veröffentlichte 1730 seine Aufzeichnungen in einem Buch. Dazu gehört die folgende Karte.
Alle weiteren Orte der Messerschmidt'schen Expedition nach dem Abschied der Männer am 28. Mai 1722 hatte von Strahlenberg nicht mehr persönlich in Augenschein nehmen können, insofern lässt seine Karte, die so zeitnah zur Messerschmidt'schen Reise entstand, stellenweise erheblich an Genauigkeit missen. Dennoch soll sie hier zur Darstellung kommen:
![]() Die sogenannte "Strahlenfeld-Karte" von 1730.
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Auch die Karte von Kitchin ist, nach heutigen Maßstäben gemessen, keineswegs perfekt. Aber sie gleicht die Mängel der Strahlenberg-Karte von 1730 doch zum großen Teil aus.
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Wir haben die Kitchin-Karte von 1788 benutzt, um in sie alle Etappen der Messerschmidt'schen Expedition von 1719 bis 1727 einzutragen. Die Eintragungen sind stellenweise ungenau, da uns bei der Erstellung nicht alle notwendigen Orts-Informationen zur Verfügung standen, und wir manche Orte und Routenabschnitte aus bekannten Daten heraus extrapolieren mussten. Nachträgliche Ergänzungen oder Korrekturen erkennt man an neuen Versionsnummern.
Wiederum gelangt man durch Klick auf das Bild zu einer stark vergrößerten Darstellung, auf welcher die Etappenpunkte und Teilrouten besser erkennbar sind.
Es folgt die Darstellung der kleinen und großen Messerschmidt-Expedition auf einer interaktiven -Karte von "Yandex Maps". Erfasst sind jeweils die An- und Abfahrtsorte sowie die benutzten Trassen. Da hier nur 1000 Messpunkte insgesamt zur Verfügung stehen, sind die z. T. stark gewundenen Flusstrecken nur summarisch und damit relativ grob erfasst. Auch hier ist die Darstellung stellenweise ohne Gewähr, spätere Anpassungen sind noch möglich. Dazu bitte auf die jeweiligen Versionsnummern achten!
Die Stadt Tobolsk mit ihrer erhabenen Festung, Stich von 1771.
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D. G. Messerschmidt kam mit seinem Expeditionsteam zweimal nach Chakassien - 1721 und 1722 - und jedesmal fand er ein von weitläufigen Grassteppen geprägtes, überwiegend flachhügeliges Land mit weiten Horizonten vor, das nicht nur aus botanischer und zoologischer Sicht, sondern vor allem aus archäologischen und ethnischen Gründen hochinteressant war. Es handelte sich um eines der ältesten Kulturzentren der Menschheit. Fast die gesamte archäologische Systematisierung Sibiriens basiert auf Entdeckungen, die in irgendeiner Weise mit Chakassien in Verbindung stehen. Es ist das einzige Gebiet Asiens, das in toto aus archäologischen Landschaften besteht, mit mehr als 40.000 sichtbaren Denkmälern, hauptsächlich Kurganen (Grabhügel), Menhiren und Steinskulpturen, deren schönste und bedeutendste Exemplare heute in der Ausstellung des "Chakassisches Museum für Heimatgeschichte" in Abakan präsentiert werden.
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Der Salbyk-Kurgan bei Abakan aus der frühskythisch-eisenzeitlichen Tagar-Kultur (9. Jahrhundert v. Chr.), mit Steinkreisplatten und Stele auf der Spitze (vor dem Reiter), Foto um 1910.
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Wenn wir im Folgenden immer wieder von "Chakassien" und den "Chakassen" sprechen, so geschieht dies der Einfachheit halter. Es ist aber insofern nicht ganz korrekt, als diese Bezeichnungen, die sich auf die ca. 80000 indigenen Einwohner der heutigen Republik Chakassien, links des Stromes Jenissei, beziehen, erst zur Sowjetzeit geschaffen wurden, abgeleitet vom chinesischen "Xiaquiasi", ein Begriff, der eigentlich nur als Ersatz für die Ethnie der alten "Jenissei-Kirgisen" steht. Dieses turk-sprachige, als hellhäutig und rothaarig beschriebene Volk hatte von 3. bis zum 13. Jahrhundert am Oberlauf des Jenissei, im Bereich des sogenannten Minusinkser Beckens - noch ein moderner Begriff -, gesiedelt und über 7 Jahrhunderte ein eigenes Großkhanat gebildet. Später kam es immer wieder zur Durchmischung mit nomadischen Stämmen samodijischen, ketischen und anderen Ursprungs, und es bildeten sich aus russsicher Sicht auch alternative Stammesbegriffe wie z. B. "Abakan-Tataren", "Minusinsk-Tataren" oder auch "Jenissei-Türken" heraus.
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Sogenannte "Tataren" in einem Jurtendorf bei Minusinsk, um 1910.
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Wenn D. G. Messerschmidt zu seiner Zeit auf diese höchst heterogene, auch geheiumnisumwitterte Urbevölkerung abzielte, sprach er in der Regel einfach wie die Russen von "Tataren", was einen großen Sammelbegriff für nomadische, in Jurten lebende Turkvölker darstellt, oder seltener von "Kirgisen", vor allem dann, wenn er deren Vorläufer meinte.
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Frau in Jenissei-Kirgisischer Tracht, mit Reittier, Fotografie um 1910. |
Heute ist der Begriff "Kirgisen" allerdings äußerst missverständlich, denn er ist nun auschließlich der Bevölkerung des heutigen Staates "Kirgisistan" vorgehalten. Deren Vorfahren hatten zwar einst auch zu den Jenissei-Kirgisen gezählt, waren aber schon vor langer Zeit 1700 Kilometer weiter nach Südwesten gewandert und hatten sich zu Füßen des chinesischen Grenzgebirges Tienschan niedergelassen, wo sie z. T. mit kiptschakischen Stämmen verschmolzen.
Auch der Begriff "Tataren" könnte heute missverstanden werden, da er doch überwiegend den 5-6 Millionen "Wolga-Tataren" in der "Republik Tatarstan" oder den ca. 300-500 Tausend "Krim-Tataren" vorbehalten ist, die alle westlich des Ural leben, während die tatarischen Völker östlich davon nur noch eine verschwindende Minderheit darstellen.
Um keine derartige regionale Verwechslung zuzulassen, bleiben wir im Folgenden überwiegend bei der Bezeichnung "Chakassen" - wohlwissend, dass in den Jahren 1721 und 1722 noch nicht davon die Rede war. Und ihr Siedlungsland, das ist eben das heutige "Chakassien".
Wenden wir uns nun einer entscheidenden Frage zu:
War die politische Lage sicher, als D. G. Messerschmidt in den Jahren 1721 und 1722 die Flüsse, weiten Steppen und Berge Chakassiens befuhr? Oder war das ein waghalsiges Verfahren?
In der Tat waren jahrzehntelange Auseinandersetzungen der russischen Eroberer mit den Ureinwohnern Chakassiens vorausgegangen, wobei es sich allerdings meistens nur um regionale Unruhen, um Überfälle und Kriegszüge einzelner Fürsten gehandelt hatte, vor allem in den 1660er bis 1680er Jahren. Ab dem Jahr 1703 herrschte allerdings weitgehende Ruhe im Land, denn der entscheidende Widerstand der Chakassen war schon in diesem frühen Jahr gebrochen worden, durch die im Süden wohnenden Dschungaren. Diese waren ein mächtiges westmongolisches Nomadenvolk, das im 17. und 18. Jahrhundert in Zentralasien ein großes Reich beherrschte, das "Dschungarische Khanat" (von ca. 1640 bis 1750).
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Links französische Karte von 1720: Das Dschungarische Khanat (grüne Zone) reichte damals von Ural-Fluss bis nach West-Tibet. Charkassien und das Jenissei-Gebiet (fast bis Krasnojarsk) ist durch einen weißen Kreis gekennzeichnet. Rechts der letzte, zuletzt entmachtete Khan der Dschungen namens Dawatschi (in chinesischer Tracht). |
Als die Russen schließlich Chakassien einnahmen, war die lokale Restbevölkerung vom dschungarischen Überfall her noch so geschwächt, dass sie der Errichtung der russischen Stützpunkte wie in Abakan oder Sajan kaum etwas entgegensetzten. Mit anderen Worten: Chakassien konnte 1707, als am Jenissei der erste Ostrog Abakan errichtet wurde, unter relativ friedlichen Umständen in das Zarenreich eingeliedert werden. So war schon vor Messerschmidts Zeit die russische Herrschaft in Chakassien , in der man noch immer das Aufbrechen erheblicher Konflikte befürchtete, bereits dauerhaft stabil: Der "Abakanski Ostrog" (Baujahr 1707) und der "Sajanski Ostrog" (Baujahr 1718) waren alsbald errichtet und mit festen Besatzungen versehen; die Chakassen zahlten ihren Jasak (Pelztribut) und leisteten keinen organisierten Widerstand mehr.
Speziell in den Sommern 1721 und 1722, in denen D. G. Messerschmidt mit seinen Gefährten Chakassien bereiste, gab es im Minusinsker Becken und in den angrenzenden Gebieten keine dokumentierten kriegerischen Auseinandersetzungen mehr; die Experditionstour war also von daher relativ sicher. Auch von Seiten der Dschungaren drohte damals keine Gefahr mehr, das dschungarische Khanat war zu sehr in militärische Konflikte mit Qing-China und Kasachstan verwickelt. Zur selben Zeit, als Messerschmidt hier eintraf, im Frühjahr 1721, hatte Khan Tsewang Rabtan sogar von sich aus eine Gesandtschaft nach Petersburg geschickt und die Unterwerfung unter Russland angeboten, um Hilfe gegen China zu erhalten - frustran. Ob dies allerdings auf Dauer so blieb, war in den Jahren 1721/22 noch dahingestellt.
Gleichwohl war Messerschmidts Reise quer durch das Land nicht gänzlich problemlos, denn er selbst und seine Expeditions-Truppe wurden von den Einheimischen als "russisch" wahrgenommen, und Chakassen und Russen schätzten sich auch weiterhin nicht. Da lokale Raufhändel der Einheimischen mit russischen Kosaken oder Siedlern immer möglich waren, überließen die Russen später bewusst das linke Ufer des Jenissei und die angrenzenden Steppen bis zum Alatau-Gebirge ganz den Chakassen - woraus später die Republik Chakassien entstand - und zogen sich überwiegend auf das rechte, weniger attraktive Ufer zurück, das direkt der Krasnojarsker Militärverwaltung unterstellt wunde. Dort waren schon zuvor die besagten Ostrogs, und zwar in deutlicher, geradezu respektvoller Distanz zu den Siedlungskernen der Chakassen in Abakan und Sajan errichtet worden, also zu jenen Städten, aus denen heute die Hauptstadt Abakan und der Ort Sajanogorsk entstanden sind.
Zum ersten Mal kam D. G. Messerschmidt und sein Expeditionskorps im Sommer 1721 nach Chakassien, von Ostrog Tomsk her. Es sei vorweggeschickt, dass man unter einem Ostrog (Plural Ostrogi) eine von russischen Kolonisten errichtete, von hohen Wänden aus Baumstämmen umgebene Holzfestung versteht, die in Sibirien bis in das 18. Jahrhundert hinein errichtet wurden.
Diese russische Grenzfestung war erst 2 bis 3 Jahre zuvor, zwischen 1717 und 1718, von 300 Krasnojarsker Kosaken unter dem Kommando des Edelmannes Ilja Naschiwoschnikow errichtet worden. Auf Dauer war sie nur mit ca. 60 Garnisonsoldaten, meistens Rekruten, besetzt. Sie diente so der Sicherung der russischen Gebiete in Chakassien von Süden her, konkret dem Schutz vor erneuten Überfällen der Dschungaren und Mongolen, welche allerdings nicht mehr zustande kamen.
Der Ostrog lag direkt am Ufer des Jenissei, etwa 10 Werst (11 km) unterhalb des Ausgangs der Westsajan-Schlucht und 160 Werst (170 km) stromaufwärts des Ostrog Abakan. Heute befindet sich dieser Ort in unmittelbarer Nähe der Stadt Sajanogorsk (mit ca. 45000 Einwohnern), am linken Ufer des Jenissei. Der Ostrog selbst stand etwas flussabwärts von Sajanogorsk am rechten Ufer, in der Nähe des Dorfes Sajansk, das heute zum Rajon Schuschenskoje des Krasnojarsk-Gebiets gehört.
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Die Stadt mit dem Namen "Sajanogorsk" befindet sich am linken Ufer des Jenissei, am Rand des Sajanischen Gebirges (blauer Kreis). Das Dorf Sajansk dagegen liegt am rechten Ufer des Jenissei, ca. 10-12 km nördlich des Gebirges. Der rote Kreis markiert das archäologische Areal des Ostrog Sajan (alias "Sajanski Ostrog"), von 1718.
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Die Wälle und Gräben der Befestigungsanlagen sind noch erhalten und von der Straße nach Sajanogorsk aus sichtbar.
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Der "Sajanski Ostrog" am Ufer des Jenissei, gut erkennbar auf einer winterlichen Satellitenaufnahme in Google Maps (2025). Links unten sind gerade noch ein paar Anwesen des Dorfes Sajansk erkennbar.
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Heute hat man an der Stelle des Ostrog ein paar Palisaden mit Glocke und Spießen aufgestellt, ein Monument, das mit einer Inschrift an den geschichtsträchtigen Ort erinnern soll: "Sajanski Ostrog - gegründet 1718 laut Ukas Peters I. zum Schutz der chakassischen Bevölkerung und zur Befestigung der Grenze. Zu diesem Zeitpunkt wurde die vieljährige Anfangsperiode der Integration des Chakassisch-Minusinsker Gebietes in das Russische Reich bereits beendet. Im kirgisischen Land herrschte endlich Frieden."
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Das Monument ist etwas missverständlich aufgebaut, denn der Ostrog Sajan wurde, wie im Folgenden aufgezeigt werden wird, nicht mit vertikal stehenden Palisaden, sondern mit horizontal liegenden Stämmen errichtet.
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Das Monument und nebenstehend ein kyrillisches Kreuz stehen auf der Geländeterrasse, auf der einst die Holzfestung stand. Im Hintergrund die Häuser des Dorfes Sajansk und die Silhouette des westsajanischen Gebirges.
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Links die Südecke der ehemaligen Festung, mir Wall und Graben. Rechts die Nordecke, am Ufer des Jenissei, ebenfalls etwas falsch mit aufrecht stehenden, oben zugespitzten Palisaden markiert.
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Blick von der Uferkante des Ostrog hinüber zur Stadt Sajanogorsk und den Sajaner Bergen.
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Ein jüngeres Schild an der Ostecke des Areals zeigt nun auch bildhaft die Rekonstruktion des Sajanski Ostrog.
Ein weiteres Schild mit der Überschrift "Herzlich willkommen" steht am Ortseingang von Sajansk. Man sieht hier auch einen berittenen Kosaken als ehemaligen Garnisonsoldaten. Es folgt der Text "Dorf Sajansk, vormals 'Stanica Sajanska', im Jahr 1825 ersterwähnt, entstanden in unmittelbarer Nachbarschaft zum Sajanski Ostrog, der von den Jenissei-Kosaken im Jahr 1718 gegründet wurde."
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Links das neuere Schild mit der Abbildung des Ostrog Sajan, rechts das Schild am Ortseingang von Sajansk.
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Die Fläche des Ostrog wurde vom russischen Bodenarchäologen S. G. Skobelew und Kollegen der Staatlichen Universität Nowosibirsk mehrfach Grabungkampagnen unterzogen, vor allem in den Jahren 1987 bis 1989, zuletzt 1995 und 1997. Die damaligen Funde sind heute im nahen Dorf Sajansk ausgestellt, in einem kleinen Museum zur Geschichte des Ostrog. Da es sich hier um einen der wenigen Ostrogs handelt, die später nie überbaut wurden und deshalb einer Exploration besonders gut zugänglich waren, folgt eine etwas ausführlichere Beschreibung. Sie folgt in Auszügen der Seite https://ostrog.ucoz.ru ( wo sich auch die Referenzen für alle Zitate finden), ergänzt durch eigene Angaben:
Es haben sich einige wenige schriftliche Beschreibungen des Ostrog, aus den Jahren 1735 und 1741/42, erhalten:
Strati- und planigrafische Beobachtungen von Y. S. Khudjakow am nahen Grabhügel Sojan-Seje und in den äußeren Eckbereichen des Ostrog lassen vermuten, dass hier bereits vor dem 12. bis 14. Jahrhundert Erdschanzen existierten. Fünf Objektfunde vor-russischer Kulturen im Bereich der Festung ermöglichen nun eine genauere Datierung dieser Befestigung. Sie wurde vermutlich schon im 8. Jahrhundert von den Jenissei-Kirgisen wegen drohenden Einfalls der Uiguren aus dem Sajangebirge errichtet und - möglicherweise mit Unterbrechungen - bis zur Ankunft der Russen genutzt. Die russischen Pioniere mussten also hier vermutlich nur renovieren und die Erdschanzen durch Holzkonstruktionen ersetzen.
Im Zuge der Ausgrabungen der Festung wurden über 1000 Quadratmeter des nördlichen Teils ihres Innenhofes freigelegt; außerdem wurden zwei Ecktürme und die erhaltenen Überreste der Befestigungsanlagen auf der gesamten Nordseite der Festung sowie ein kleiner Abschnitt der Außenwand an ihrer Westseite entdeckt. In der Nähe des nordwestlichen Turms wurde auch ein Querschnitt des Walls und des Grabens an der Westseite der Festung angefertigt.
Zunächst wurden die Überreste des nordöstlichen Eckturms freigelegt; zwei untere Balkenlagen des 6,2 × 6,2 m großen Baus hatten erhalten. Er wurde in Block-Bauweise oder russisch "Taras"-Bauweise als hölzerner "srub"-Kasten aus 30 bis 40 cm dicken, "in oblo" verblockten Stämmen errichtet. Der altertümliche Begriff "in oblo" - russisch "w oblo" - beschreibt dabei die überstehenden runden Balkenstummel typischer Blockhäuser.
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Im Inneren des Turms blieben Reste eines Fußbodens mit bis zu 30 cm breiten und 20 cm dicken Bohlen aus halbierten Lärchenstämmen erhalten. Der Fußboden ruhte auf drei Querbalken, zwischen denen sich eine Schicht Lärchenrinde befand, wohl der Abfall bei der Herstellung von Dachschindeln. Der Eingang zum Turm befand sich an der Südseite, die Tür links von der südöstlichen Ecke des Gebäudes. Hier haben sich zwei 80 cm hohe, parallele Pfeilerstummel erhalten, höchstwahrscheinlich die einstigen Stützen einer Vorhalle. Links vom Eingang, in der südwestlichen Ecke des Innenraumes, wurden die Überreste eines Ofens entdeckt, der aus großen, zusammengefügten Kieselsteinen errichtet und mit Lehm verputzt war. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes konnte die Form des Ofens nicht mehr bestimmt werden. Die Fugen zwischen den Wandbalken waren mit Lehm abgedichtet. Das Innere des Turms diente den Kosaken als beheizter Aufenthaltsraum. Dies belegen auch die genannten schriftlichen Quellen und weitere archäologischen Funde im Turmbereich (vorwiegend Alltagsgegenstände). Die Innenwände des Turms enthielten offenbar auch Glimmerfenster. Reste von Glimmerplatten mit Löchern zum Vernähen wurden im gesamten befestigten Siedlungsbereich gefunden.
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Rechts zwei Grabungshorizonte, links Aufsicht auf das ehemalige Grabungsareal. Zur Nummerierung: 1 = Überreste des südwestlichen Eckturms, 2-6 = Überreste der
äußeren (geraden) Festungsfront, 7-11 = Überreste von Stützpfeilern (Palisaden), 12-15 = Überreste der zackenförmig ausgekragten Festungsmauer (Spiron), 16 = Überreste des Pulver- und Munitions-Kellers
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Die Überreste des zweiten, nordwestlichen Turms waren etwas besser erhalten. Es handelte sich auch hier um einen quadratischen Bau in Blockbauweise, mit Ecken in "w oblo"-Form. Die Stämme waren jeweils 6,2 x 6,2 m lang und hatten einen Durchmesser von 35 bis 40 cm. Der Boden bestand wie im nordöstlichen Turm aus bis zu 30 cm breiten und 20 cm dicken Bohlen, die auf drei Querbalken verlegt waren. Der Eingang befand sich im ersten Meter links von der südöstlichen Ecke. Dies belegen zwei Rundhölzer, die offenbar einst den Eingang bildeten. Ein Großteil des Turmbodens war hier mit einer Sandschicht bedeckt, die wahrscheinlich zur Isolierung der Decke diente. Dieser Raum wurde genauer inspiziert, da sich unter den Bodenbalken Reste der Bretter der vorherigen Abdeckung fanden. Im Allgemeinen ist der nordwestliche Turm eine exakte Kopie des nordöstlichen. Beide wurden nach demselben Muster in Blockbauweise gemäß dem Gesamtplan errichtet. Es ist deshalb anzunehmen, dass die beiden anderen, nicht explorierten Ecktürme eine identischen Bauweise aufwiesen.
Bei den Ausgrabungen wurden auch zwei Arten von Wandstrukturen entdeckt. An der Ostseite, angrenzend an den nordwestlichen Turm, fanden sich die Überreste zweier längs verlaufender Wände, die durch Querbalken verbunden waren und einst einen 6 x 6 m großen Raum bildeten. Für den Bau der äußeren Holzwände wurden bis zu 30 cm dicke Baumstämme verwendet. Diese Querbalken wurden mit Zapfen in Schwalbenschwanzform verbunden, um eine möglichst glatte Außenfront zu erzielen, die an den Nahtstellen nur mit einem Palisaden-Halbstamm verblendet wurden.
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Eine sogenannte Schwalbenschwanz-Verbindung, hier allerdings über Eck und nicht in Reihe, mit eckigen Balken und nicht mit Rundhölzern,
bei denen diese Art der stabilen Verzapfung genauso möglich war.
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Überreste der beiden Gitterkäfige sowie einzelner Eckelemente der Wandkonstruktion sind erhalten geblieben. Die Innenräume der Käfige in den Festungen entlang der Westgrenze des Russischen Reichs waren normalerweise mit Steinen oder Erde gefüllt, um zuätzlichen Schutz vor dem Beschuss durch Belagerungsartillerie zu bieten. In Sibirien, wo diese Gefahr nicht bestand und die klimatischen Bedingungen zudem großflächige Erdarbeiten auch nicht zuließen, blieben die Käfige jedoch meistens innen leer; manchmal wurden sogar, wie in Mangaseja und Tobolsk, Schießscharten im unteren Bereich eingebaut. Das System dieser Hohlwände ermöglichte eine effektive Verteidigung entlang des gesamten Festungsumfangs.
Die gekonnt konstruierten Hohlkäfige wurden von den Russen "Tarase" genannt. Daraus leitet sich der Begriff "Taras"-Bauweise ab. Im Ostrog Sajan erfüllten die Hohlkäfige in der Außenwand neben ihrer rein defensiven Funktion auch wirtschaftliche Erfordernisse. Ihr Boden bestand in der Regel nur aus gestampfter Erde, ohne einen Bretterbelag. Manche Tarase dienten als Nutz- oder Lagerräume. So wurde einer der Käfige vermutlich zum Trocknen oder Lagern von Netzen und anderem Fischereigerät genutzt, erkennbar an der großen Anzahl an Netzgewichten, Angelhaken und Fischschuppen, die hier gefunden wurden. Andere Tarase dienten als Wohnraum. An einer Stelle stand auch eine Küche, wie zahlreiche kleine Fragmente von Tierknochen, Keramik usw. in der Nähe eines der Tarase belegen; an einer anderen Stelle stand eine russische "Banja", erkennbar am Fund eines verkohlten Birkenzweigbesens und zahlreicher stark verbrannter Flusskiesel, den Überresten eines Steinofens. Da Nutzräume wie Küche oder "Kochhaus", Badehaus oder "Waschraum" und ein Fischereischuppen viel Wasser benötigten, ist deren Lage in Ufernähe durchaus logisch.
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Zeichnungen von den Grabungen S. G. Skobelews von 1987/89.
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Der oben abgebildete Umlaufgraben der Festung Sajan wurde erst im zweiten Jahr der Erbauung ausgehoben. In den Wällen steckten vermutlich schräg gestellte zugespitzte Palisaden, wie bei einem weiter unten angebildeten Modell des Ostrog Abakan ersichtlich. Diese Art von "Panzersperre" ist aus schriftlichen Quellen bekannt; von diesen "Spießen" haben sich jedoch am Ostrog Sajan keine Überreste erhalten. Zum Zeitpunkt der Ausgrabungen war vom Wall nur ein eingestürzter, mit Gras bewachsener Hügel von etwa 80 cm Höhe und 4 m Breite übrig, der Graben war eine teilverfüllte Senke von etwa 50 cm Tiefe und 3 m Breite. Profilschnitte ergaben, dass der Wall aus Flusskieseln mit einer Füllung aus sandigem Lehm errichtet worden war und ursprünglich eine Höhe von bis zu 1,5 m aufgewiesen hatte. Das Baumaterial wurde zweifellos durch Ausheben eines Grabens im anstehenden Gestein gewonnen, das den ehemaligen Flussgrund bildete: Kiesel in sandigem Lehm. Der Graben selbst hatte eine ursprüngliche Tiefe von bis zu 2 m, eine Breite von ca. 2 m an der Oberfläche und 1 m am Grund. Demnach war die Wall-Graben-Anlage der Festung Sajan ein recht großes Gewerk und bildete einen wichtigen Bestandteil des Verteidigungssystems.
Beschäftigen wir uns noch ein wenig mit der Außenwand-Konstruktion des Ostrog, außerhalb der hohen Ecktürme. Die Beschreibung der Festung Sajan lautet: "...um die Festung herum verläuft eine Holzwand aus verzapften Stämmen."
Alle hier beschriebenen Elemente des Ostrog lassen sich in folgender Planzeichnung nachvollziehen:
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Aufriss der Nordseite des Sanjanski Ostrog.
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Eine ähnliche Auskragung wie an der Nordwand ließ sich an einem kleinen, ausgegrabenen Abschnitt der Westwand der Festung südlich des nordwestlichen Turms vermuten, allerdings nicht sicher nachweisen. Wie dem auch sei: Die Holz-Festung Sajan war trotz ihres geometrischen Grundrisses in Wirklichkeit polygonal angelegt, wie einige andere Ostrogs in Sibirien auch (z. B. in Kuznetsk, laut S. Remezow). Die stumpfwinklige Plattform, die über die Festungsanlage hinausragte, war höchstwahrscheinlich der westeuropäischen Festungsbaukunst entlehnt, die insbesondere seit der Zeit Peters des Großen weite Verbreitung im russischen Militärbau fand.
| Anmerkung des Verfassers dieser Seite: Derart dreiecksförmige Ausziehungen bei Wallgräben wurden in der barocken Feststungsbaukunst Europas "Spirone" genannt. Bei kilometerlangen Linearverschanzungen wie der kurbayerischen Landesdefensionslinie von 1702 wurden solche Spirone (dazwischen auch über Kante verbaute Viereckschanzen) in einem Maximalabstand von 300 m errichtet, weil dadurch die gesamte Außenfront der Linearverteidigung eingesehen und mit Musketenschüssen (bei einer Schussweite von ca. 150 m) bestrichen werden konnte. |
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Auszug aus einer Karte zur österreichischen Landesdefension.
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Im vorliegenden Fall des Ostrog Sajan denken wir bei diesem spironartigen Wandauszug weniger an einen zusätzlichen Batteriestand, sondern eher an einen Schützenstand, der es den Kosaken des Ostrog ermöglicht hätte, bei einem plötzlichen Piratenüberfall von der Flussseite her, durch Musketenschüsse das Entern des Ostrog durch die Angreifer mittels Enterhaken und Seile - oder auch eine Inbrandsetzung - effektiv zu unterbinden. |
Eine derart polygonale Wandanordnung hat allerdings trotz ihrer Effektivität bei der Außenverteidigung einen entscheidenden Nachteil für die Innenverteidigung: Denn die Innenwinkel erzeugen Toträume, die für das Feuer der Verteidiger unerreichbar waren - vorausgesetzt, die Angreifer hatten bereits das Innere der Festung erreicht, um sich unter den Dreiecksplattformen zu verbergen. Für den Ostrog Sajan bestand jedoch eine solche Gefahr kaum, da ja nur der Winkel der Nordwand etwas weiter hervorstand.
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Weitere Planzeichnung und die bereits oben abgebildete Rekonstruktion des Ostrog Sajan, von der Landseite her. Darunter Eisenfunde aus dem Haus des Kommandanten. Rechts oben erkennt man das Fragment einer innerhalb der Festung aufgefundenen Runenscheibe höheren Alters, darunter finden sich aus dem ufernahen Fischerhaus einige Netzgewichte.
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Der Ostrog Sajan war also, so klein er auch war, für die Verteidigung geschickt eingerichtet. Folgende 3-D-Darstellung erschließt dem Auge des Betrachters seine komplette damalige Konfiguration:
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3-D-Rekonstruktion des Ostrog Sajan.
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Glücklicherweise wurde der Ostrog nie belagert, sodass alle Angaben zur Verteidigungsfähigkeit unter dem Aspekt der Außenwandkonstruktion hypothetischer Natur sind. Der Quellenlage nach wurde aber die gleiche Konstruktionstechnik auch in einigen anderen sibirischen Festungen des 18. Jahrhunderts verwendet, sie muss sich also bewährt haben. Leider verfügt man heute kaum über andere Areale ehemaliger Ostrogs, die so gut für eine Exploration geeignet sind, wie das Terrain beim Dorf Sajansk.
Die Biografie D. G. Messerschmidts von W. Lehfeld gibt nicht wieder, wie lange der Forscher 1721 im Ostrog Sajan blieb. Lang kann es nicht gewesen sein, denn er damals vom Ostrog Abakan nur zu einer Stippvisite heraufgeritten. Eines ist jedoch sicher: Es sollte nicht bei diesem Kurzbesuch bleiben. Aber auch im Herbst des Jahres 1722 stand ihm nicht viel Zeit zur Verfügung, wie im Folgenden noch ausführlicher dargestellt werden wird.
Dieser Ostrog Abakan war die erste russische Festung in Chakassien; auf seinem Areal entstand die spätere Stadt Abakan. Von Anfang an befand sich in ihm die Administration von Abakan, eine Institution, welche die im Minusinsker Becken lebenden Chakassen und auch andere nicht-russische Bevölkerung verwaltete. Damit ist dieser Kosakenaußenposten Abakan untrennbar mit dem Prozess des Beitritts Chakassiens zum Russischen Reich verbunden.
Langen Bestand hatte dieser Ostrog jedoch nicht. Der Herrscher der Jenissei-Kirgisen, Irenak Khan, bestürmte die russische Festung im Sommer 1675 zweimal und versuchte, sie in Brand zu setzen, was ihm allerdings misslang. Als im Herbst 1675 Irenak Khan und andere kirgisische Fürsten in die Dschungarei abzogen, wo sie etwa ein Jahr blieben, war die größte Kriegsgefahr gebannt. Doch nun schlug die unbarmherzige Natur zu: Das Frühjahrshochwasser des Jahres 1676 beschädigte die Holzkonstruktion der Ostrog so stark, dass die russischen Kosaken die Festung aufgaben und sich zurückzogen.
Erst 30 Jahre später, genau im Jahr 1706, beschloss Zar Peter der Große, an der Mündung des Abakan am linken Jenissei-Ufer eine neue Festung errichten zu lassen, als Ersatz für die bereits 1675 erbaute, aber schon ein Jahr später wieder aufgegebene Befestigung. Per Ukas genehmigte er den Bau einer Festung auf "kirgisischem Gebiet", an der Mündung des Abakan-Flusses. Er forderte dazu die Beendigung aller Konflikte, die vollständige Annexion Chakassiens an Russland und die Erhebung eines möglichst hohen Jasak (Zobel-Steuer) von der Bevölkerung, für die Staatskasse. Etwa tausend Soldaten aus Tomsk, Krasnojarsk, Jenisseisk und Kusnetzk wurden der Bauexpedition zugeteilt, die von Ilja Zyzurin, einem Bojarensohn der Festung Tomsk, und von Konon Samsonow, einem Bojarensohn der Festung Krasnojarsk, angeführt wurde. Die Vorbereitungen für die Expedition dauerten sechs Monate. Die Soldaten brachen im Frühsommer 1707 von Tomsk und Krasnojarsk in drei Abteilungen auf:
Wir zitieren dazu aus der ins Deutsche transkribierten Originalquelle:
"Im Jahr 1707 sandte Euer großer Herrscher einen Ukas nach Krasnojarsk, in der uns, den Krasnojarsker Dienstleuten, befohlen wurde, in Eurem großen Dienst im kirgisischen Gebiet am Fluss Abakan zur Festung Abakan zu reisen. Dort sollten wir, Ilja Zyzurin, der Sohn des Bojaren von Tomsk, zusammen mit Konon Samsonow, dem Sohn des Bojaren von Krasnojarsk, dienen. Auch Dienstleute aus Tomsk, Kusnetzk und Jenisseisk sollten sich dort einfinden. Gemäß dieser Urkunde Eures großen Herrschers wurden wir, dreihundert Mann - zweihundert Reiter und hundert Fußsoldaten -, von Krasnojarsk in Eurem großen Dienst im kirgisischen Gebiet zur [ehemaligen] Festung Abakan entsandt. Als wir eintrafen, um Eurem großen Herrscher im kirgisischen Land zu dienen, nutzten wir den Wasserweg mit acht Flößen und unseren eigenen kleinen Kanus, die wir für den Eigenbedarf gebaut hatten. Andere ritten zu Pferd zum Gebiet gegenüber dem Fluss Kognu Karasu und berieten sich dort mit Soldaten aus Tomsk und Kusnetzk. Wir besichtigten den Standort für eine Festung am Fluss Abakan, auf der Suche nach einem geeigneten, fruchtbaren und bauwürdigen Platz. Wir fanden jedoch keinen solchen Ort, da es dort weder Ackerland für eine Bauernsiedlung noch Wälder in der Nähe der Festung gab. Die Ufer des Abakan sind niedrig und treten im Frühjahr über die Ufer. Der Wald aus Pappeln und Weiden eignet sich weder für eine Bebauung noch für etwas anderes [...]"
Wir unterbrechen hier den Bericht und halten fest: Möglicherweise handelt es sich hierbei u. U. nur um Ausreden. Eher werden die Krasnojarsker Dienstleute erneute Übergriffe der Chakassen befürchtet haben, wenn sie sich erbeut in ihrem Zentralraum niederließen!
"Unsere Soldaten schwammen auf der Suche nach einem geeigneten Standort über den Jenissei und suchten das für einen Ostrog geeignete Gelände am rechten Jenisseiufer ab, bis unterhalb des Turan-Berges, im Bereich seines weiten Wiesenlandes. An diesem Ort und für diese Befestigungsan-lage wird der dortige Wald benötigt, aber es gibt auch hier kein Ackerland für Bauernsiedlungen oder anderes Land. Doch wir, aus Furcht vor dem Dekret Eures großen Herrschers und unter Androhung seines Zorns, wagten es nicht, das kirgisische Land zu verlassen, ohne eine Festung errichtet zu haben.
"So errichteten wir in jenem erwähnten Gebiet unterhalb des Turan-Berges [60 Werst oder 64 km flussabwärts von Abakan] einen Ostrog [...] Und von dieser Festung aus entsandten Ilja und Konon in verschiedene Ulusen [Stammesgebiete] Dienstleute in die kirgisischen Gebiete zu den Jasauly, zu den Bolschebaikotowski nach Manita Tobtschakow, zu den Malo-Baikotowski nach Karenkyr Intygirow, zu den Jarschi nach Itimol Kulundajew, zu den Bogodschi nach Kilbe Saschijakow, nach Urgunow, Byschkak Menejew, Schiph, Tonas Kubakajew, zu den Kaibalski nach Turatschak Tebenjew, zu den Kojaki nach Tezenei Kogodajew. Aus diesen Ulusen [Stämmen] brachten sie die besten Jasaken, deren Namen oben stehen, in jene Festung, insgesamt 20 Personen. Diese, die besten Tataren und Jasaken, versprachen dem Großherrscher, in jener neu erbauten Festung jährlich pro Person 6 makellose Zobelfelle und in allen oben genannten Wolosten insgesamt 280 Jasak [Kronenzobel; Tribut] zu zahlen. Sicherheitshalber ließen sie zwei Geiseln aus den ersten Sippen zurück. Sie baten den Großherrscher, die Geiseln der Jasaken in jener Festung jährlich aus den oben genannten Ulusen und monatlich aus den ersten Sippen auszutauschen [...]"
Ein geeigneter Standort für den neuen Ostrog war also bald gefunden worden. Er lag jedoch 60 Werst (64 km) Luftlinie weiter nördlich und flussabwärts, am rechten Ufer des Jenissei, im Bereich der Mündung des Nebenflusses Syda, wo "Jenissei-Tataren" lebten. Trotz der Ferne zur Mündung des Abakan und den dortigen Siedlungen erhielt die neue Holzfestung den geschichtsträchtigen russischen Namen "Abakanski Ostrog" oder deutsch "Ostrog Abakan", wie historische Dokumente wiedergeben.
Es soll sich um eine Holz-Festung mit 4 Ecktürmen und einem großen Torturm gehandelt haben, umgeben von einem Wallgraben, Balkenhindernissen und einer Unfassungswand aus quer verlegten Baumstämmen, mit "Tarasen" im Inneren. Dieser Ostrog von 1707 wäre vergleichsweise größer als der spätere Ostrog Sajan gewesen, hätte aber wohl eine identische Bauweise aufgewiesen.
So berichtete zumindest Ilja Zuzurin an seine Vorgesetzten:
„Dieser Ostrog ist 50 Saschen [dt. "Klafter" à 2,13 m] lang, 33 Saschen breit und 2 Saschen hoch. An den Ecken befinden sich vier Türme. Der fünfte Turm ist ein großer Durchgangsturm mit oberem und unterem Wehrgang und einem Flügeltor zum Fluss Jenissei. Alle sind mit Schindeln gedeckt. Darin befinden sich eine Kapelle, der Hof des Herrschers, zwei Hütten, zwischen denen sich eine Veranda befindet, eine Gerichts-Hütte mit Veranda, drei Scheunen: eine für Getreide, eine für Zobelfelle und eine für das Schuießpulver. Darunter ein Keller von drei Saschen; 20 Kasakenhütten, jede 4 Saschen groß, alle ebenfalls mit Schindeln gedeckt. Und um die Festung herum ein Graben zurückgesetzt, drei Saschen breit und ein Saken tief. Hinter dem Graben, sieben Saschen zurückgesetzt, sind doppelte Pfähle um die Festung herum angebracht."
Der Bericht von Konon Samsonow enthält zusätzliche Details und Präzisierungen:
Die erbaute Kapelle mit Speisesaal wurde "Bogojawlenskaja" genannt. Im Hof des Befehlshaber, der aus zwei Hütten bestand, war eine Hütte "weiß", die andere "schwarz". Über dem Getreidespeicher "wurde ein Speicher für die herrschaftliche Zobeltruhe errichtet". Der andere Speicher, der grüne, war "drei Ellen hoch und hatte einen Keller darunter". „Die Kosakenhütten waren drei Saschen hoch" und nicht vier, wie I. Zuzurin berichtet hatte. Auf jedem Turm wurden Kanonen aufgestellt. Im Getreidespeicher wurden 174 Säcke Roggenmehl gelagert, insgesamt 692 Pud, die Reste des Brotes nach der Verteilung der Brotrationen an die Kosaken von Tomsk und Kuznetsk, die in der Garnison der Festung zurückgelassen worden waren. Später, in den folgenden zwei Jahren, wurden die Befestigungen verstärkt: Der Graben wurde verbreitert und vertieft: "seine Länge wurde auf 32 Saschenen und seine Breite auf 2 Saschenen vergrößert."
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Modell des Ostrog Abakan, im Heimatmuseum von Krasnoturansk. Es handelt sich um eine Rekonstruktion, rein nach der einstigen Schilderung Ilja Zyzurins. Am späteren Zustand konnte sich der Modellbauer nicht orientieren, da der Ostrog zur Zeit der Flutung des Krasnojarsker Stausees keine überirdischen Reste mehr aufwies und auch zuvor Grabungen nicht durchgeführt worden waren. Dass er aber laut Modell größer als der Ostrog Sajan war, verleiht dieser Darstellung ein gewisse Qualität, die allerdings durch fehlenden Tarasen beim Wandaufbau wieder gemindert wird. Die stachelförmigen Palisaden am Außenwall entsprechen dem, was von den Beschreibern des Ostro Sajan "Panzersperren" genannt wurde.
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So verkündet es zumindest das Heimatmuseum im heutigen Dorf Krasnoturansk, mit obigem Modell verkünden.
An dieser Stelle melden wir nun doch einen gewissen Zweifel an:
Dieser Konfiguration widerspricht eine Zeichnung Ph. J. von Strahlenberg von 1730, der den Ostrog mit eigenen Augen gesehen hat. Eine seiner Karten zeigt nämlich gar keinen Ostrog im "klassischen" Sinn, sondern eine förmliche kleine Stadt an der Uferkante des Jenissei, welche im Halbkreis von einer polygonalen Palisadenmauer mit einigen Halbtürmen umgeben worden war.
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Die Umgebung der Festung Abakan. Ausschnitt aus einem Plan aus dem Buch von Ph. J. von Strahlenberg, von 1730. Die Festung Abakan ist auf dem Plan unten rechts mit dem Buchstaben A gekennzeichnet, links oben findet sich eine Vergrößerung.
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Welches von beiden Modellen ist nun das richtige? Möglicherweise besteht gar kein Widerspruch, da zwischen beiden Darstellungen fast ein Vierteljahrhundert liegt. Am Bau des neuen Ostrog Abakan waren 272 Krasnojarsker, 50 Jenisseisker, 48 Tomsker und 10 Kusnetzker Reiterkosaken beteiligt gewesen; sie brauchten für die Errichtung nur 15 Tage, vom 4. bis zum 18. August 1707. Am 18. August 1707 wurde der Bau des Ostrog Abakan, nahe dem Berg Turan am rechten Jenissei-Ufer, abgeschlossen. Die besagten 380 Mann stellten hinterher auch nur kurz die Besatzung. Vielleicht wurde später unter der reduzierten Garnison von 100 "Einjährigen" die Rechteckform des Ostrog, welche übrigens Ilja Zuzurin zuvor gar nicht behauptet hatte, bald wiederaufgegeben, zugunsten einer größeren, nunmehr polygonalen Einfriedung.
Wer weiß? An Ende müssen wir die Sache offen lassen!
Trotz dieser Größe und der kurzen Bauzeit war diese Festung kein Provisorium, sondern eine Anlage, die für die Annexion der chakassischen Gebiete durch Russland von entscheidender Bedeutung wurde. Deshalb datiert auch der offizielle Zeitpunkt, in dem Chakassien ein Teil Russlands wurde, auf das Jahr 1707.
Konon Samsonow wurde zum ersten Schreiber der Festung Abakan ernannt.
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Der Aufstand von Krasnojarsk 1695 - Skizze eines nicht realisierten Gemäldes von W. I. Surikow (1848-1916), aus dem Jahr 1902.
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Konon Samsonow, dieser Bojarensohn, war eine schillende Figur. An den Krasnojarsker Unruhen der Jahre 1695 bis 1698 hatte er nicht nur teilgenommenm, sondern er war auch einer der Haupträdelsführer gewesen. Quellen benennen ihn als einen der aktivsten Widerstandskämpfer gegen den Woiwoden Alexei Ignatjewitsch Baschkowski, der 1694 in Krasnojarsk eingetroffen war. Durch Erpressungen und Raubzüge hatte dieser habgierige und verschlagene Mann nicht nur der Krasnojarsker Garnison, die gerade eine Missernte und eine Hungersnot überstanden hatte, sondern auch die Kaufleuten aus Krasnojarsk und Jenisseisk vor dem Kopf geschlagen, indem er von ihnen hohe Bestechungsgelder in Form von Münzen und Waren abpresste. Unter diesen unerträglichen Umständen kam es bald zum Volksaufstand: Angeführt wurden die Rebellen von den Bojarensöhnen Trifon Jeremejew, Dmitri Tjumentsow, Grigori Jermolajew, Alexei Jarlykow und eben - Konon Samsonow. Sie alle waren nicht nur lang gediente Offiziere der russischen Armee, sondern vor allem Einheimische, die derartigen Einfluss auf ihre Kameraden und deren Familien ausübten, dass sich diese ihnen mehrheitlich anschlossen. Am 16. Mai 1695 versammelten sie sich vor dem Prikas-Isba [wörtlich Befehls-Haus; Verwaltungs- und Gerichtssitz] und verkündeten dem Gouverneur A. I. Baschkowski, der aufgrund des Tumults herausgekommen war, dass sie ihm ab sofort das Gefolge verweigerten. Der Gouverneur drohte daraufhin der Volksmenge mit schwerer Bestrafung und forderte von ihr die Auslieferung der Hauptanstifter, doch sie lärmte weiter und beharrte auf der Ablehnung des Gouvernates. Einige der Aufständischen drangen in den Hof des Gouverneurs ein, plünderten sein Eigentum und drangen in sein Haus ein. Baschkowskis Frau wurde herausgezerrt, barhäuptig in einen Käfig eingesperrt und zur Schau gestellt, und speziell Konon Samsonow zwang diese Moskauer Adelige, sich vor ihm zu verbeugen. Einige Zeit später wurde Samsonow von den Krasnojarskern als Bittsteller nach Moskau zum Zaren geschickt, "um dort die Wahrheit zu suchen".
Es muss zu einem Kompromiss gekommen sein. Baschkowski wurde wohl von Krasnojarsk abgezogen und Konon Samsonow kam ohne Strafe davon. Seit dieser Zeit stand er aber unter besonderer Beobachtung des Zarenhofes. So konnte er sich, als er mit dem Bau und der Leitung des Festung Abakan betraut wurde, keinen Fehler leisten. Was auch ihm später wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.
Der Ostrog Abakan, in dem von Anfang an die Kanzlei von Abakan, zur Verwaltung der in der Minusinsk-Senke lebenden Chakassen, untergebracht war, verlor wie der Ostrog von Sajan in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an militärischer Bedeutung.
Laut der ersten Volkszählung von 1722 bestand die dortige Zivil-Bevölkerung nur aus 20 männlichen Seelen in 5 Höfen. Dieses kleine Dorf erhielt zunächst dem vom Ostrog abgeleiteten Namen "Abakanskoje". Nach und nach wurde es jedoch durch Zuzug immer größer. Im Jahr 1827 wurde es Sitz eines Wolost (Verwaltungsgemeinschaft), am 4. April 1924 auch eines nach ihm benannten Rajon. Im Zusammenhang mit der allmählichen Entwicklung der Stadt Abakan zur Metropole (ab Ende der 1920er-Jahre) erfolgte im Jahr 1933 zur Vermeidung von Verwechslungen die Umbenennung des Dorfes "Abakanskoje" in "Krasnoturanskoje" - nach dem "schönen Berg Turan", auch wenn dieser ganze 21 km Luftlinie weiter südlich lag. Auch der Rajon wurde entsprechend umbenannt.
Mit der Flutung des Krasnojarsker Stausees in den 1960er Jahren geriet das ganze Dorf unter den Wasserspiegel und wurde deshalb im Vorfeld an einer höher gelegenen Stelle gut 7 km nordöstlich der alten Lage neu errichtet. Der Ort liegt nun am rechten Ufer des Krasnojarsker Stausees des Jenissei, auf einem Promontorium der Bucht, die von der dort einmündenden Syda gebildet wird. Der Stausee markiert hier die Grenze zur Republik Chakassien. Als Gründungsjahr dieses zweiten Dorfes Krasnoturansk, gut 200 km Luftlinie südöstlich des regionalen Verwaltungszentrums Krasnojarsk gelegen, gilt das Jahr 1962; heute ist es ein großes Dorf ("selo") mit ca 5500 Einwohnern.
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Das heutige Dorf Krasnoturansk ist nach dem Berg Turan genannt - im Sinn von "das schöne Dorf am Turan". Dieser Bergstock liegt allerdings in 21 km Luftlinie stromaufwärts am Jenissei-Strausee und ist hier nicht mehr abgebildet (vgl. Fotografie oben). Die russischen Militärkarten zeigen unterhalb des Dorfes im Jenissei Stausee eine Uferbank ca. 20 m unterhalb der Wasserfläche (weißer Kreis), auf der wir, auf drei Seiten von tieferen Terrain geschützt, Dorf und Festung Abakan als untrennbare Einheit vermuten.
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Soweit unsere Ermittlungen zum Ostrog Abakan, bei dem D. G. Messerschmidt, als er im September 1721 seine übereilte Rückreise nach Krasnojarsk "... den Jenizee Strohm abwerts" angetreten hatte, am 30. des Monats eintraf. Dann war wegen Treibeises ein Weiterfahren nicht mehr möglich.
Messerschmidt und seine Mannschaft verbrachten deshalb im Ostrog Abakan die nächsten 4 ½ Monate, bis zum 15. Februar 1722, im Winterquartier. Erst dann war es so warm geworden, dass Messerschmied und seine Crew die Schlittenfahrt über den zugefrorenen Jenissei nach Krasnojarsk wagen konnten. Schon nach 8 Tagen Dauerfahrt über den vereisten Strom, am 24. Februar 1722, traf der Gelehrte mit seinen Reisegefährten in Krasnojarsk ein, um dort die restlichen 2 ½ Wintermonate, bis zum 12. Mai 1722, zu verbringen.
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Die Stadt Krasnojarsk im Jahr 1692, Prospekt von Nicolaes Witsen (1641-1717), aus seinem Werk "Nord- und Osttartarien". Die lange Stadtmauer bestand auch hier eindeutig aus den oben beschriebenen Palisadenwänden. In deren Nordostecke befand sich ein 5-eckiger Auszug, analog zu den Fünfeck-Schanzen Zentraleuropas, von wo aus man die Angriffseite der Stadt mit Schüssen bestreichen konnte! Dort, wo heute auf der Anhöhe "Karaulnaja" über dem Fluss Katscha die weithin sichtbare orthodoxe Kapelle "Paraskewa-Pjatniza", das Wahrzeichen von Krasnojarsk, steht, soll sich zu Messerschmidts Zeit die mythologische Felsskulptur eines Lammes befunden haben, ein Relikt aus uralten, heidnischen Zeiten.
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Der Ostrog Atschinsk, wiederholt vernichtet und 1710 wiedergebaut vom Bojarensohn I. Zizurin aus Tomsk. |
Über diese Expedition zu Wasser und Lande, die im Sommer 1722 von Krasnojarsk bis zum Ostrog Sayan und zurück ging, finden sich in der Biografie W. Lehfeldts nur kurze Angaben:
Ausführliche Angaben zu dieser 2. Expedition durch Chakassien finden sich im Reisejournal Messerschmidts. Dieses ist in gestraffter Form schon 1972 in Druckform erschienen, leider ohne die heutigen Anforderungen einer kritischen Edition zu erfüllen. [5] Seit 2021 liegt nun auch eine schön bebilderte, dadurch bessere russische Edition vor, die für Interessenten sogar online verfügbar ist. [Link] Aus diesen Projekt haben wir einige Abbildungen mit erloschenem Copyright übernommen.
Da einige Übersichten über diese Tour zu Fehlern neigen, haben wir mithilfe letzterer Edition den genauen Streckenverlauf mit den exakten geografischen Angaben Messerschmidts abgeglichen und zusammen mit Orts- und Datumsangaben in eine editierbare Yandex-Karte aufgenommen, die nun folgt.
Die Sunduki stellen eine Bergreihe dar. Sie zieht sich von dem Schira rajon bis zum Ordschonikidsewskoje [...] Der Name bedeutet "Truhe" und ist auf die truhenähnliche Form der dort vorzufindenden Gesteinsformationen zurückzuführen. Die Bergreihen besteht aus fünf "Sunduki", wobei der höchste Punkt bei 364 m liegt. Diese Bergreihe bietet Wanderern eine tolle Kulisse und wurde bereits im Jahre 1721 von Daniel Gottlieb Messerschmidt bewandert und abgezeichnet. Die Darstellungen wurden in Büchern über Sibirien bis ins 19. Jahrhundert übernommen [...]
Machen wir zu dieser Aussage die Nagelprobe!Gewiss: Messerschmidts Reiseroute von Atschinks aus bewegte sich im Großen und Ganzen entlang der Ostseite des Kuznetsker Alatau-Gebirges. Damit sollte er auch bei dieser größten Naturschönheit im nordwestlichen Chakassien vorbeigekommen sein - der Bergkette der Sunduki. Ehe wir nun Messerschmidts Weg und seine Angaben dazu in seinen Reisetagebüchern genau überprüfen, wollen wir diese Bergkette in Wort und Bild so darstellen, wie sie sich heute präsentiert.
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Die Bergkette "Sunduki".
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Das Sunduki-Gebirge, ein 2.100 Hektar großer Ausläufer des Kusnetzker Alatau, ist ein chakassisches Natur- und Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. Es liegt ca. 150 km Luftlinie nordwestlich der heutigen Republik-Hauptstadt Abakan sowie etwa 25 km nordwestlich des Rajonverwaltungszentrums Schira in der Nähe des Flusses "Weißer Ijus".
Die halbrunde Gebirgskette besteht aus 5 isolierten, bis zu 200 Meter hohen Felsmassiven. Ihren Namen verdankt sie dem nördlichsten Berg, auf dessen Gipfel sich ein Felsstock aus rot-braunem devonischem Sandstein namens "Sunduk", deutsch "Truhe", befindet. Die anderen Berge erhielten neben diesem Sunduk Nr. 1 entsprechende Ordnungszahlen: 2., 3., 4. und 5. Sunduk. Alle "Sunduki" zeichnen sich durch eine starke Asymmetrie aus: Der Osthang fällt vom Gipfel steil ab, während der Westhang sanft ins Tal hinab verläuft. Vier weitere Berge mit den Nr. 6 bis 9 liegen südlich des Weißen Ijus und werden ebenfalls zu den "Sunduki" gezählt.
Zwischen diesen Felsformationen befinden sich weite Steppen mit wertvollen und seltenen Pflanzen (u. a. der Großblütige Frauenschuh), mit seltenen Vogelarten (Wanderfalke, Sakerfalke, Rötelfalke, Kaiseradler, Uhu, Steppenadler), dazu frühe eiszeitliche Siedlungen mit Felsmalereien (Petroglyphen) sowie weitere, meist schamanische Kultur- und Geschichtskomplexe, zahlreiche prähistorische Grabhügel und Gräberplatten usw.
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Das Sunduki-Gebirge aus größerer Entfernung. Im Vordergrund der mäandernde
"Weiße Ijus".
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Vor allem am 4. Sunduk befinden sich zahlreiche Petroglyphen. Sie werden teils als Relikte der letzten Eiszeit vor ca. 11000 Jahren verstanden, teils der Zeit um 3500 v. Chr., teils der Eisenzeit und der frühskytischen Tagar-Kultur um 1000 v. Chr. zugeordnet - so genau weiß das keiner. Sie und erzählen interessante mythologische Geschichten, z. B. von den 3 Welten.
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Oben links ein speerwerfender und mit Pfeil und Bogen schießender "Schifahrer", sowie weitere Lebewesen. Ein weiterer bogenschießender Reiter findet sich rechts unten. Auf den anderen Bildern erkennt man männliche Figuren, rechts oben ein Krieger im Kampfrock mit Speer, links unten 3 nackte Männer mit überdimensioniertem Geschlechtsteil. Diese Bilder stellen nur einen sehr kleinen Ausschnitt aller Petroglyphen dar.
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Der Berg, auf dem sich die nördlichste und mit gut 500 m auch die höchstgelegene der genannten Felsformationen befindet, trägt den Namen "Sunduk" im Singular. Seine Felsriffe werden auch das "sibirische Stonehenge" genannt, denn laut Prof. Vitali Laritschew (Institut für Archäologie und Ethnografie an der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften) wurde hier entweder schon vor über 16.000 Jahren, oder nach anderen Autoren vor mehr as 2500 Jahren - im Rahmen der sogenannten "Okunew-Kultur" - ein Himmelsobservatorium errichtet, mit dem die damaligen Bewohner den Sonnenstand, die Mondphase, die Zeitpunkte der Sonnenwenden und vor allem der Tag-und-Nacht-Gleiche bestimmen konnten.
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Der Sunduk von unten und aus der Vogelperspektive
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Dazu war der geeignete Standpunkt mit einem Steinkreis markiert worden, der noch heute zu sehen ist. Für den Durchblick zum ferneren Horizont sei ein großer Teil eines Felsens entfernt und im Weiteren kleinere Löcher so in den Felsen gebohrt worden, dass an den bewussten Tagen die Sonne genau hindurchscheinen konnte. Eine gerade in den Felsen gehauene Rinne von beträchtlicher Länge habe ebenfalls der Beobachtung der Gestirne gedient.
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Der Kamm des Sunduk am Morgen, bei Sonnenaufgang.
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Datierung hin oder her: Es handelt sich bei diesem Sunduk vermutlich um das älteste bekannte Sonnen-Observatorium der Menschheitsgeschichte!
Was hat nun D. G. Messerschmidt davopn gesehen und wie hat er sich dazu geäußert?
Vorweg: Die großen "Gesichtszüge Chakassiens" haben D. G. Messerschmidt weniger interessiert - bzw. er sah es nicht als lohnenswert an, mehr als ein paar Sätze darüber zu verlieren -, als die kleineren Dinge, die für ihn sozusagen am Weg lagen und über die er bei Interesse genaue Aufzeichnugnen anfertigte: Seltene Tiere und und Pflanzen, sowie ihre Bezeichnungen in den diversen Dialekten, aber auch prähistorische Kurgane (Grabhügel, die er mitunter öffnen ließ), prähistorische Steinsetungen, Skulpturen, Standbilder und Felsmalerien.
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"Modell eines "skythischen" Grabhügels im Querschnitt.
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Betrachten wir zunächst im folgenden Messerschmidts Route in Nähe der Sunduki. Sie war geprägt durch die Ratschläge eines Tataren, der aus Kyschtym am Südural stammte und sogar verwandtschaftliche Beziehungen zu den Krim-Tataren hatte. Er war mit seiner Familie bereits zum russisch-orthodoxen Glauben übergetreten und hatte deshalb einen russischen Namen angenommen: Alexej Kurtukow.
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Tatarische Jurten. Stich aus "Das malerische Russland".
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Kurtukow und Messerschmidt verband mehr als nur eine flüchtige Reisebekanntschaft. Als der Tatar vom Nahen Messerschmidts und seiner Gefährten gehört hatte, war er ihnen bereits bis zum Boschje-See (= Gottes See) im Norden entgegengeritten und er hatte die Gruppe zu seinen 5 Jurten geleitet, welche am Ufer des Schwarzen Ijus standen, wenige Werst westlich des Zusammenflusses mit dem Weißen Ijus.
Das kleine Jurten-Dorf ist in folgender Übersicht mit einem violetten Punkt gekennzeichnet, die Bergkette der Sunduki liegt zentral im roten Kreis.
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Die Reiseroute D. G. Messerschmidts als schwarze Linien, vorbei an den Sunduki im roten Kreis, zur prähistorischen Statue von Kozen-Kesh (gelber Kreis).
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Alexej Kurtikow beschenkte Messerschmidt nicht nur reichlich, sondern er bot ihm für mehrere Tage seine Gastfreundschaft an und zeigte ihm auf Wunsch die größten Kuriositäten der Gegend: Das waren aber zunächst nicht die "Sunduki", sondern sehr viele Hügelgräber. Am wichtigsten war jedoch ein großes Steinmonumente aus grauer Vorzeit, welche fast im Winkel der besagten Flüsse stand: die genau nach Süden blickende Statue von "Kozen-Kesh" (oder "Kazan-Kys-Tash").
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Die Statue von Kozen-Kesh. Zeichnung von D. G. Messerschmidt zu den Tagebucheinträgen vom 20. Juli 1722.
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Messerschmidt hat diese große Skulptur aus Sandstein genau dokumentiert - ein Glücksfall, denn die Statue zerfiel im 19. Jahrhunderts (nach mutwilliger Zerstörung?) in diverse Fragmente und ist heute nicht mehr auffindbar.
Lesen wir dazu den Journaleintrag vom 20. Juli 1722:
"Die Statue war fünfeinhalb Fuß [1,7 m] hoch, aus rotem Felsgestein gehauen und stellte meiner Meinung nach einen Chinesen dar, der mit dem Gesicht nach Süden blickte. In seiner rechten Hand hielt der Chinese eine Urne, die einer Teetasse ähnelte, mit der linken Hand hielt er den Saum seines Gewandes fest. Um die Taille war er mit einem Gürtel umschlungen, an dessen beiden Seiten ein Beutel hing. Der Kopf war mit einer Kappe bedeckt, unter der die Ohren hervorschauten. Sie war einmal abgeschlagen worden, aber dann wieder ohne Eisenverstärkung angebracht worden. Der Schnurrbart ähnelte einem hängenden polnischen Schnurrbart, der Bart am Kinn war ziemlich lang und spärlich, sodass man sofort sehen konnte, dass es sich nicht um eine weibliche, sondern um eine männliche Figur handelte, wie aus der Zeichnung hervorgeht, die ich nach den Rheinischen Festungsmaßen angefertigt habe. Die vorbeifahrenden Tataren behandeln die Statue mit sehr großem Respekt und vergessen nie, vor ihr Opfergaben in Form von Fleisch, Wurzeln usw. darzubringen. Am Fuße der Statue sah ich viele Heuschrecken. Die Lippen der Statue waren mit Fett oder Öl bestrichen und glänzten in der Sonne, als wären sie mit Lack überzogen."
Der Ansicht heutiger Archäologen nach dürfte es sich bei dieser Statue um eine alt-turkische Skulptur aus dem 8. bis 9. Jahrhundert n. Chr. handeln. Nach der Besichtigung ritt Messerschmidt an diesem Tag noch allein zum Zusammenfluss von Schwarzen und Weißen Ijus und reflektierte über den weiteren gemeinsamen Verlauf der beiden Flüsse als Fluss Tschulym, den Messerschmidt ja erst wenige Tage zuvor nördlich von Atschinsk per Boot befahren hatte. Danach wandte er sich östlich des Weißen Ijus (russ. "Bely Ijus") noch weit nach Süden, ehe er in weitem Bogen zu den Jurten des Alexej Kurtukow nach Norden zurückkehrte.Hören wir noch einmal Messerschmidt, vom Nachmittag desselben Tages:
"Um 12:30 Uhr setzte ich meine Reise fort und wandte mich zunächst nach Südosten [...] Um mich herum erstreckten sich hügelige Steppen mit vereinzelten Birken und Fichten. Um 14:30 Uhr passierte ich einen kleinen Fluss, dessen Namen mir niemand nennen konnte, dann folgten waldlose Steppen. Unweit dieses Flusses sahen wir zu unserer Linken in der Ferne einen einstöckigen, ziemlich hohen Felsen in Form eines konischen Turms oder Wachturms. Er schien nicht mit den hier gelegenen Bergen verbunden zu sein. Auf der Spitze dieses Turms befand sich eine flache Plattform, die aussah, als wäre sie von einem Meisterhandwerker kunstvoll gestaltet worden. Da sie eine Stunde Reitzeit von uns entfernt war, konnte ich meine Neugier nicht befriedigen und sie mir genauer ansehen. In der Steppe entdeckte ich verschiedene Heilkräuter [...]"
Wir sind nicht abschließend sicher, halten es aber für möglich: Von seinem südlichen Umkehrpunkt aus konnte D. G. Messerschmidt tatsächlich den Sunduk in der Ferne sehen, denn die dazugehörige Blickachse war frei. Was er beschrieb, passt sehr gut dazu. Und die Entfernung 10-12 km passt auch; sie entsprach in der damaligen Zeit einer Reitstunde!
Nun wissen wir: Es hat nicht sein sollen!
Ein weiteres Mal hat D. G. Messerschmidt die Gelegenheit gehabt, die Sunduki in der Ferne zu sehen. Dies war am 25. Juli 1722. Am Vortag hatte er die Kurtikow-Jurten verlassen, um endgültiug über den Schwarzen See, vorbei an einem hohen Berg, nach Süden zu reiten. Schon am Vorabend, aber erst recht, als er an diesem Tag den Weißen Ijus überquerte, um über den Balyk-Kul-See den Schira-See anzupeilen, war der Blick auf die nahen Sunduki frei. Nur: Diese lagen zum einem bereits zur Linken im Rücken, zum anderen waren die einsehbare Westseite der Sunduki mit dem flachen Anstiegen so unspektakulär, dass sie kein Reiseziel mehr hätten darstellen können, zumal Messerschmidt an diesem Tag von einer seltenen Pflanze, die er gefunden hatte unnd ausführlich als "Quadruncinata foliis et facie Gentianae, coerulaee oris pilosis, flore luteo" beschrieb, mehr entzückt war.
An diesen Beispiel wird klar, wie problematisch es sein kann, wenn man sich nicht in die Situation eines Naturforschers vor 300 Jahren hineinzuversetzen versteht und sozusagen die Landschaft unter der Brille des "modernen" Touristen betrachtet!
Ein drittes und viertes Mal könnte in Messerschmidts Reisejournal ein indirekter Bezug zu den Sunduki vorliegen, deren Gipfelmassive bekanntermaßen wie die Truhen eines Riesenvolkes aussehen, nämlich als er am 19. Juli (anlässlich des bevorstehenden Besuchs der Statue "Kozen-Kesh") und dann wieder am 5. August 1722 berichtete, Tataren hätten ihm von Riesen berichtet, das hier einmal gelebt haben sollen.
Lesen wir dazu im Reisejournal:
"Und weder ihre Vorfahren noch die Kirgisen wussten, welche Völker vor ihnen hier diese Steine und Grabhügel errichtet hatten. Dass die Russen und Tataren glauben, dass sie von den 'Elbuge' (die von den Turkvölkern 'Ad', von den Katschin-Tataren 'Buke' und die Russen als 'Bogatire' bezeichnet werden), oder sogar von Riesen abstammten, war wohl eine Erfindung, da die Schädel und Skelette in diesen Hügelgräbern nicht größer waren als unsere eigenen [...]" (Eintrag vom 19. Juli 1722)
"Wegen des Regens fuhr ich schnell und erreichte meine Leute nach dreieinhalb Stunden Fahrt. Bei meiner Ankunft erzählte mir ein Tatar namens Tabdej-Tajatin, dass es beim Schwarzen Ijus einen sehr hohen Berg gibt. Auf dem Gipfel dieses Berges kann man einen eisernen Götzen sehen, der seit Urzeiten umgestürzt und mit Moos und Gestrüpp bewachsen ist [ein Sunduk?]. Ich beschloss, einen meiner Diener dorthin zu schicken, während ich selbst bei den Jurten bleiben wollte, um von den Tataren weitere Informationen zu erhalten. Als diese jedoch durch meinen Diener davon erfuhren, schüchterten sie Tabdei mit Drohungen so ein, dass er sich selbst nicht mehr wiedererkannte und zu entschuldigen begann, er habe davon von seinem Vater gehört, selbst kenne er diesen Ort gar nicht [...]" (Eintrag vom 5. August 1722)
Ziehen wir am Ende ein kurzes Resümee:
Die Aussagen der deutschen Wikipedia zu Messerschmidt und Chakassien sind falsch. Obwohl der Forscher in unmittelbarer Nähe war, hat er die Sunduki weder bestiegen noch bezüglich ihrer ehemaligen Funktion näher untersucht. Auch ihre Petroglyphen hat er nicht gesehen.
Dass er von der der astronomischen Bedeutung des letzen Sunduk noch nichts wissen konnte, liegt auf der Hand.
Zeit zum längeren Verweilen hatte Messerschmidt sowieso nichnt. Die weitere Reise musste vorangehen - und sie ging im Sommer 1722 noch viel weiter nach Süden, als uns die deutschen Herausgeber der Tagebücher in einer ihrer Karten glauben lassen.
"Um fünf Uhr abends erreichten wir den großen Felsen Turankaja, der sich auf der Ostseite des Baches Mali Sir befindet. Auf seiner Westseite befanden sich weitere Felsen. In der Nähe des Mali Sir fanden wir einen sehr schmalen und steilen Pass. Auf diesem Pass ereilte mich ein Unglück: Der Zweispänner, in dem ich saß, stürzte zusammen mit dem Pferd und all meinen Sachen von der Klippe in den Bach. Aber der liebe Gott half mir auf wundersame Weise. Ich sprang rechtzeitig aus dem Zweispänner und rettete mich, bevor er mich mitreißen und unter sich begraben konnte. Dieser Vorfall hätte mich zweifellos das Leben kosten können. Mein russischer Junge, der auf dem Pferd saß und allein für den Vorfall verantwortlich war, hatte sich leicht die Hüfte geprellt, aber sonst keine größeren Verletzungen davongetragen. Durch diesen und andere Vorfälle konnte ich den Schutz des gütigen Herrn deutlicher spüren. Ich blieb bis sechs Uhr abends hier, bis ich alle Sachen, die aus dem Zweispänner ins Gras und in den Bach gefallen waren, eingesammelt und aufgeräumt hatte [...]" (Eintrag vom 9. August 1722)
Diese Stelle beim heutigen Dorf "Siri" haben wir durch eine Satellitenaufnahme von Google Maps identifizieren und dokumentieren können:
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D. G. Messerschmidt und seine Gefährten kamen aus den Berghängen im Westen (von links oben, wo es keine Engstellen gab) und mussten diese Engstelle passieren, ehe sie einige Werst weiter westlich ihr Lager am Zusammenfluss des Mali Sir mit dem Bolschoi Sir aufschlagen konnten (rechts nicht mehr im Bild). Die wahrscheinlichste Stelle des Absturzes liegt dort, wo der Bach dem schmalen Weg am nächsten kam; sie ist mit einem roten Pfeil markiert.
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Das war nicht das einzige Mal, in dem sich D. G. Messerschmidt in unmittelbarer Lebensgefahr befand. Es folgt wenigstens ein weiteres Beispiel.
Mitte August erreichte das Expeditionsteam die Region, in der sich aus den westsajanischen Bergen heraus der große Fluss Abakan nach Nordosten ergoss. Dort fand Messerschmidt neben seltenen Pflanzen und Tieren auch viele Grabmäler, meist beschriebene Steinstelen der Okunew-Kultur, die er z. T. aich dokumentierte und abzeichnete. Wichtiger war ihm jedoch etwas anderes: Auf dem linken Ufer des Abakan suchte Messerschmidt am 18. August - nach der Statue von Kozen-Kesh - die zweite von den drei prähistorischen StatuenChakassiens auf, von der man ihm zuvor berichtet hatte, die Statue Kurtujak (heute "Hurtujaj"; vgl. unten). Lesen wir wieder in seinem Reisejournal:
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Die Steinskulptur "Ulug Hurtujaj Tas" oder "Ulug Khurtujakh Tas" (große Steinalte) aus der Okunew-Kultur, die Messerschmidt am 18. August 1722 in der Nähe des heutigen "Aaal Anchakow" gesehen hat. Links die Zeichnung von D. G. Messerschmidt zum Tagebucheintrag vom 18. August 1722, rechts Foto der Steinstatue aus dem frühen 20. Jahrhundert.
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"Eine Stunde Fahrt von diesen Gräbern entfernt, durch hügelige, kahle Steppen, erreichte ich endlich die unter diesen Völkern bekannte Statue von Kurtujak. Ich zeichnete sie sofort ab und fügte die Zeichnung dann meinem Reisetagebuch hinzu. Die Statue war aus grauem Sandstein gehauen und schräg in den Boden eingegraben. Auf dem Rücken ist ein dicker Zopf zu sehen, wie er noch heute von kalmückischen und tatarischen Frauen getragen wird. Ich habe keine Inschrift auf der Statue gesehen. Die heidnischen Tataren aus Es-Beltir, die mir Pferde zur Verfügung gestellt hatten, verehrten sie sehr. Jeder umrundete sie dreimal, dann brachten sie der Statue Opfergaben dar und legten sie dazu neben dem Sockel ins Gras, damit sie sie entsprechend ihrem Appetit verzehren konnte. Ich fragte die Tataren, warum sie so naiv glaubten, dass dieser leblose Stein solche Ehren verdiene, und ob sie nicht sähen, dass ihre Opfergaben von Raubvögeln, Füchsen und anderen Tieren gefressen würden. Sie antworteten, dass sie von ihren Vorfahren gehört hätten, dass die Statue eine edle Frau gewesen sei. Aber Kaira-Chan, der allmächtige Gott, habe sie in einen Stein verwandelt. Deshalb ehren sie die Statue, immer in Erinnerung an sie, obwohl sie auch glauben, dass Raubvögel manchmal ihre Opfer fressen. Ich kann nur vermuten, dass diese Völker entfernte Verwandte der Juden waren und von ihnen von der Verwandlung der Frau Lots in eine Salzsäule erfahren haben. Aber höchstwahrscheinlich wollten sich diese Völker in Groß-Tatarien, wie viele unserer europäischen Gelehrten glaubten, einfach als Überbleibsel eines der verlorenen Stämme Israels sehen. Ich habe keine plausibleren Versionen zu diesem Thema gefunden. Eine Dreiviertelstunde von dieser Statue entfernt schlugen die von mir vorausgeschickten Gefährten ihr Lager auf. Ich erreichte es um vier Uhr nachmittags, nachdem ich mich in Richtung des Abakan nach Ost-Südost bewegt hatte [...]" (Eintrag vom 18. August)
Schließlich erreichte das Expeditionsteam weit im Süden den bereits in den westsajanischen Bergen liegenden Fluss "Arbath", bis zu dessen Quellflüssen im Osten, den "Bolschije Arbaty", man vordrang. In dieser fast alpinen Region gefiel es Messerschmidt an einigen milden Tagen so gut, dass er sich fast nicht mehr davon trennen und noch weiter nach Süden vordringen wollte. Um den Dschabasch, den nächsten größeren rechten Nebenfluss des Abakan, den er eigentlich hatte erreichen wollen, doch noch sehen zu könnten, schlug er sogar einmal sein Nachtlager auf einen der Bergesgipfel auf. Gleichzeitig setzten aber die ersten Nachtfröste ein und an manchen Tagen fiel bereits der erste Schnee.
Am 3. September fiel seitens Messerschmidt der unfreiwillige Entschluss zur Umkehr, nachdem zuvor die tatarischen Pferdeführer, die viel eher als der Deutsche das Herannahen des Winters fühlten, jegliche Weiterfahrt verweigert hatten. Nun ging es in großen Tagesetappen zurück in die Steppe und dann zu Pferd in Gewaltritten nach Osten, zum großen Strom Jenissei, der wieder nach Krasnojarsk zurückführen konnte.
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Diese stark fehlprojizierte „Karte der Orte zwischen den Ostroga von Tomsk und Udinsk", von Ph. J. von Strahlenberg (1730), zeigt den Umkehrpunkt von Messerschmidts Reise im Jahr 1722 am Ursprung des "Arbath" (roter Stern), dazu auch den nächsten Zielpunkt am Jenissei "Sajanski Ostrog", sowie dazwischen die rechten Nebenflüsse des Abakan namens "Arbath", "Dabath" und "Bee", mit den oben genannten "Abathischen und Dabathischen" Steppen, die man Anfang September 1722 rasch durchritt. Der ebenfalls abgebildete "Jabasch" alias "Dschabasch" wurde nicht mehr erreicht.
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Am 10. September "erreichte [man] den Jenissei, sodass Sajanski Ostrog jenseits des Stroms für [vor] mir, der Omaj-Kama zur Rechten und der Abakan-Strom zur Linken lage, und blieb hieselbst zu Nachts liegen". Tags darauf fuhr Messerschmidt hinüber "nach Omay-tura oder Zaganskoi-Ostrog am Jenizee Strohme in Kirgisien". Wieder blieb Messerschmidt hier nur eine Nacht, vom 11. zum 12. September. Da die Besatzung des Ostrog zuvor - der Kommandant war verreist - alle Boote der Festung vor einem Zugriff versteckt hatte, blieben ihm am Ende nur drei leichte Kajaks und ein paar einfache Lastboote, die man bei der weiteren Flussfahrt z. T. zusammenband, um sich im Bedarfsfall gegenseitig Hilfe leisten zu können. So ging es "mit Caoucken und fischer Kähnen oder Nachen à 14 Podwod [...] den Jenizee=Strom abwerts", und am 17. September 1722 wurde "Abakanskoi, oder Abacan-Ostrog, am Jenizee=Strohm in Kirgisien" erreicht.
Im Gegensatz zum Vorjahr blieb Messerschmidt auch dort nur 3 Tage.
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Dieses altrussische Gebäck mit Henkel namens "Kalatsch" besteht lediglich aus Weizenmehl, Salz, Hefe und Wasser. Russische Kalatschi symbolisieren Wohlstand und ein erfülltes Leben. Gebacken werden sie bei hoher Temperatur mit Dampf, wodurch sie eine leichte, luftige Textur erhalten.
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Am 20. September "brachte mir Jakow Wassiljewitsch Selinga [ein örtlicher Fabrikant] vom örtlichen Friedhof ein kleines Kupfertablett, das in Form eines Eichenblatts gegossen war. Auf der Vorderseite war ein auf den Hinterbeinen stehendes Eichhörnchen abgebildet, die Rückseite war völlig glatt. Es wog laut Apothekerwaage 3 Unzen 2 Drachmen. [97,5 g] Ich habe es hier im rheinischen Festungsmaßstab gezeichnet. [Abbildung fehlt] Iwan Kowrigin, den ich von nun an von seiner Aufgabe als mein Übersetzer befreit habe, brachte mir ein paar Brezeln ("Kalatschi") und Brot; der stellvertretende Vorsteher schenkte mir ebenfalls 50 Kalatschi, sodass ich bis Krasnojarsk ausreichend mit Essen versorgt war. Darüber hinaus überreichte er mir 250 g Tabak und 2 Bachtschi [2 halbe Kilogramm Dosen] Tee. In der Zwischenzeit arbeitete ich fleißig an meinen Tagebüchern, ornithologischen und botanischen Anmerkungen. Ich blieb über Nacht hier und hatte vor, am nächsten Tag weiterzureisen [...]"
Am 21. September reiste Messerschmidt mit seinen Gefährten wie geplant ab, nachdem sich der Sturm, der am Vortag seine Boote unter Wasser gesetzt und ihm sein Zelt davongeweht hatte, wieder etwas gelegt hatte. Noch kurz vor der Abfahrt wurde ihm vonseiten einer betagten Dorfbewohnerin, die ihm auch die Wäsche gewaschen hatte, aus Mitleid ein Geschenk der besonderen Art überreicht:"Freitag um 7 Uhr morgens brachte mir meine Wäscherin, eine russische alte Frau, zum Frühstück und für unterwegs ein paar Eier, Milch und eine Kalatsch, was mir in dieser erbärmlichen Lage sehr gelegen kam."
Doch damit hatten die Kalamitäten noch kein Ende - ganz in Gegenteil, sie fingen erst richtig an!
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Der Verlauf des Stromes Jenissei und die an seinem Ufer liegenden Ostrogs von Sajan, Abakan, Werchni-Karaulni und Krasnojar(sk) auf der Strahlenberg'schen Karte von 1730. Da von Ph. J. Strahlenberg D. G. Messerschmidt im Sommer 1721 begleitet hatte, ist die Karte in diesem Abschnitt relativ genau gezeichnet.
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Die Batenjow-Bergekette in der Übersicht.
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Schon vor Jahrmillionen hat sich hier der Jenissei sein Bett durch dieses Gebirge graben müssen, sodass heute eine förmliche Schlucht mit vergleichsweise relativ eng stehenden, ansonsten sehr hohen und steilen Felswänden und Bergen zu beiden Seiten vorliegt. In diesem Zusammenhang könnte man auch von einem "Jenissei-Durchbruch" sprechen. Der "Windfelsen" am rechten Ufer machte zu Messerschmidts Zeiten hier den Anfang, im zentralen Teil der Schlucht hieß der örtliche Bergstock zur Linken des Jenissei, der wenige Kilometer stromabwärts folgte, wie das ganze Gebirge zur Linken "Batenjow-Byk".
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Die Havariestelle der Messerschmidt-Expedition: Roter Kreis = Indikator-Felsstock "Irdschi Tasch" (Windfelsen), blauer Kreis = Anlandestelle des Batenjow Byk (Batenjow-Stier), schwarzer Kreis = "Tschorni Kamen" (Schwarzer Stein). Die Strahlenberg-Karte von 1730 zeigt hier spitze Dreiecke und den Schriftzug "Tass" (alias "Tasch"), was eben "steile Felsen" bedeutet.
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Genau an solchen tief eingeschnittenen Engstellen entstehen oft plötzliche, starke Fallwinde und Böen (durch Druckunterschiede und Kanalisierung des Windes entlang des Tals), die für Boote extrem gefährlich sein können – insbesondere für die flachen, segel- oder ruderbetriebenen Kähne des 18. Jahrhunderts. So erlitt Messerschmidt dort am 22. September 1722 durch Windböen, die sich zu einem förmlichen Sturm aufgebauscht hatten, eine folgenschwere Havarie, die ihm und seinen Gefährten fast das Leben gekostet hätte!
Im Originalton - in der Lehfeldt'schen Arbeit ist Messerschmidts altertümliche Sprache belassen - liest sich das so:
"Weil also diesen Tag es sonderdem sehr unruhige Luft war, fand sich hieselbst ein so heftiger Sturm, daß auch endlich mein gekoppeltes Packboot [...], so zum Malheur mitten im Strom führe, Wellen schöpfete und mit allen Gütern nebst 6 Personen zu sinken begonnte. Ich ruderte indessen mit meinem Kajuk, so dem Winde ziemlich zu widerstehen vermochte, aus allen Kräften, ihnen zu Hülfe zu kommen, ließ ihnen einen Seil oder Strick zuwerfen, und [es] wurde also zum nächsten Batenëv byk auf der Linken des Jenisseis, obgleich gegen den Wind, nach allem Vermögen angerudert. Weil aber der Strom hieselbst beinahe zwei Kanonenschuß [ca 2,5 km] breit, zwei Ruder auf solche Last sehr wenig und endlich auch 4 Personen unterm Wasser sich an meinem Kajuk angeklammert hatten, war es etlichemal sehr nahe, daß auch mein Kajuk gesunken wäre, weil es schon ziemlich Wasser geschöpfet. Indes trieb der Strom für meinen Augen ein Pack nach dem andern aus dem gekoppeltem Boote fort, ohne Hoffnung, es zu salvieren. Meine Ruderer ermüdeten auch von der schrecklichen Arbeit, und ohne Rudern mit dem Strom und Winde zu gehen, wären wir alle verloren gewesen. Der liebreiche Gott gab derowegen so viel mehr Gnade, daß wir doch endlich aus dieser augenscheinlichen Gefahr gerettet wurden und unweit des Batenëv byk das Ufer erreichten, da denn das gekoppelte Boot zuvöderst nebst den noch übrigen Gütern gerettet, ausgeschöpfet und in Stand gebracht wurde, längst dem Ufer bis zu nächstem Tale unterm Batenëv byk, so noch 1 kleine Werst vorwärts läge, fortzugehen. Ich ließ also hieselbst alle Anstalt machen, die aus'm Wasser gezogenen annoch übrigen Güter zu öffnen und zu trocknen, wesfalls ich denn hieselbst zu Nachts verbliebe [...]"
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Da der Krasnojarsker Stausee seit ca. 1990 nicht mehr mit Schiffen befahren wird und seine Ufer fast menschenleer sind, gibt es nur wenige Fotografien von ihn und nicht eine einzige, welche die Unglückstelle Messerschmidts und seiner Gefährten exakt widergeben würde. Deshalb haben wir die Situation in einer Malerei nachzubilden versucht. Die Positon des Malers bezeichnet in etwa die Unglücksstelle, der dunkle Felsen zur Rechten ist der Rest des "Irdschi-Tasch", die Berge in Hintergrund stellen den durch ein Seitental gekerbten "Batjonow Byk" dar. In dieses Seitental hatten sich Messerschmidt und seine Crew vor dem Versinken retten können.
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Diese Karte zeigt die Unglücksstelle (roter Kreis) - und die Tatsache, dass das Ansteuern des "Batenjow Byk" (gelbe Linie) die faktische Rettung und die Chance bedeutete, ca. 8 km flussabwärts in einer Seitenbucht zu landen (violetter Kreis): Das Hauptstrombett des Jenissei im heutigen Stausee (dunkelblaue Zone) führt im großen Bogen um den "Batenjow Byk" herum. Es wird damals, bei wesentlich niedrigerem Wasserstand, nicht recht viel anders gewesen sein!
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Nun war die Lebensgefahr vorbei - und keiner aus der Besatzung war an dieser kritischen Stelle ertrunken!
Gleichwohl beklagte Messerschmnidt folgende Beschädigungen und Verluste:
gez. Dr. Daniel Gottlieb Messerchmidt m. p. (eigenhändig).
Erst am 25. September, als die Boote wieder instandgesetzt waren, und alles, was man von der Fracht hatte retten können, einigermaßen trocken geworden war, setzte Messerschmikdt und seine Crew die Fahrt fort.
Aber selbst hinter dem "Tschorni Kamen" (oder tatarisch "Kara-Tasch") blies noch ein so starker Wind, dass Messerschmidt auf einer kleinen, aber hohen Insel erneut das rettende Ufer suchen musste. Die Nacht dort war sehr kalt und alle froren. Tags darauf wurde es noch schlimmer; nun schneite es sogar und wieder war ein Notcamp am Fluss die Rettung.
Am 26. September passierte man ein langes felsiges Steilufer zu Rechten, das die Russen "Stadtmauer" ("Gorodowaja Stena") nannten. Messerschmidt hatte diese Feldwand schon im Vorjahr wegen Felsmalereien inspiziert; nun wehte aber erneut eine so starker und eisiger Wind, dass man am gegenüberliegenden Flachufer in den Zelten Schutz suchen musste.
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Links kartenausschnitt aus Yandex Maps, der gelbe Kreis markiert den ungefähren Ort von Messerschmidts Nachtlager. Rechts historische Schwarzweiß-Aufnahme der "Stadtmauer", von N. M. Fjodorow, Anfang 20. Jhd.
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Erst am 27. September ging die Fahrt etwas effektiver weiter: Man passierte nun eilends das große Dorf "Nowoselo" zur Linken und steuerte das Dorf "Trifonowa" an, das heute auf dem Grund des Jenissei-Stausees liegt. Dort bezog Messerschmidt wegen der Kälte und des Windes erstmalig ein Häuschen zur Übernachtung. Erst an diesem Tag erfährt man, dass sämtliche Steuerleute und Ruderer nach der Havarie am "Irdschi-Tasch" das Weite gesucht hatten. Nur mit äußerster Mühe und unter Androhung von Strafen war es den Ordonanz-Offizieren Messerschmidts gelungen, in Trifonowa eine neue Rudermannschaft zusammenzustellen. Inzwischen vereiste der Jenissei von den Rändern her immer mehr.
Der "Obere Wachposten" - das ist die wörtliche Übersetzung des Begriffs "Werchni Karaulni" - war 1675 als Ostrog von Krasnokarsker Kosaken zum Schutz vor den Worowski-Kirgisen an der "Saliw Karaulni", auf deutsch "Bucht der Wache" (welche sich zum Trockental "Pad Suchaja Karaulnaja" erstreckte) errichtet worden, aber nicht an der Mündung der "Reka Ogur", wie der Artikel mit den nachfolgenden geschichtlichen Informationen meint [06], auch nicht an der "Karaulnaja Reka", wie Messerschmidt schrieb. Die Ogur-Mündung liegt gute 17 km weiter flussabwärts, und die "Karaulnaja Reka" ist ein Flüsschen, das in 105 km Luftlinie weiter nordöstlich bei Arejskoje entspringt und wenige Kilometer flussaufwärts von Krasnojarsk in den Jenissei mündet.
Der Wach-Ostrog bestand, wie allgemein üblich, aus einem viereckigen Holz-Karrée mit drei Wehrtürmen und einem Turm über dem Tor, das von Krasnojarsk in die Festung führte. Zwei der Türme trugen je zwei Kanonen aus Eisen. Innerhalb der Festung befand sich eine Kapelle, an deren Stelle später eine Erlöserkirche errichtet wurde. Im Inneren des Ostrog gab es auch die Zobelkasse, Getreidevorräte, die Unterkunft und Amtsstube des Schreibers sowie Scheunen. Die Garnison bestand aus 60 Kosaken, Zeitsoldaten, die jährlich zum Außeneinsatz aus Krasnojarsk abkommandiert wurden.
Eine Abbildung hat sich leider nicht erhalten.
Gemäß den Anweisungen von Juri Sakowski, dem Sohn des Krasnojarsker Bojaren, der 1676 das Kommando über diesen Ostrog übernahm, sollte er die Kirgisen und Tuwiner (aus der Region Tuwa, südlich von Chakassien), die damals noch so weit nach Norden kamen, Tag und Nacht im Auge behalten, "damit sie keinen Schaden anrichten". Bei dringenden Nachrichten sollten Boten einzeln entsandt werden. Brot und Salz waren bereitzustellen, und das Dienstpersonal sollte monatlich bezahlt werden. Die Kosaken durften ihren eigenen Tabak rauchen. Den Dienstboten war es jedoch untersagt, mit Textilien zu handeln, Getreide zu nehmen oder Karten zu spielen. Der Verwalter durfte die Dienstboten mit Peitschen bestrafen, aber dabei nicht schwer verletzen. "Die Kosaken sollen vom Gehalt des Befehlshabers ausreichend ernährt werden, sie sollen in keiner Weise vertrieben und freundlich und respektvoll behandelt werden. Erkundigt euch nach den kalmückischen und mongolischen Taischas, wo die Kirgisen und Tuwiner sowie die kalmückischen und mongolischen Taischas stationiert sind [...] Wenn die Kirgisen gegen Krasnojarsk Krieg führen, dann ist es notwendig, mit den ihnen unterstellten Beamten so weit wie möglich zu verhandeln, soweit Gott, der Barmherzige, es gewährt. Und lasst einen Teil der Kosaken im Ostrog zur Bewachung zurück, so viele wie nötig. Wenn die Kirgisen schmeichelhafte Worte sprechen und ihre Schuld des Verrats vor den großen Herrschern bekennen, dann sollt ihr ihnen Gehör schenken und sie unter die Herrschaft des Herrschers stellen … und ihr selbst sollt euch vor ihnen hüten, damit sie euch nicht mit schmeichelhaften Worten täuschen."
Die Wachfestung, die also "am Rande des kirgisischen Gebiets" errichtet worden war, widerstand den Strapazen des Krieges mit Würde. Sie hielt den kirgisischen Invasionen trotz jährlicher heftiger Überfälle stand. Seine militärische Bedeutung verlor der Ostrog im Grunde genommen schon nach dem dschungarischen Überfall im Jahr 1703, als plötzlich von den dezimierten Jenissei-Kirgisen keine Gefahr mehr ausging.
Schon 20 Jahre nach Messerschmidts Stippvisite, um 1740, wurde dieser Ostrog wieder aufgegeben. Die Festung verfiel und wurde zum Dorf "Karaulni" im Daurski-Bezirk der Region Krasnojarsk. Ein Kirchengebäude, zwar intakt, aber ohne Kuppeln, stand noch lange nach dem Untergang des Dorfes. Die Kreuze wurden um 1930 aus der Kirche entfernt. Während der Sowjetzeit diente das Gotteshaus zunächst als Lagerhaus, später als Pionierlager. Ein geodätischer Festpunkt war im Fundament der Kirche fest installiert; anhand seiner Koordinaten konnte die genaue Lage der Kirche und des Dorfes bestimmt werden (vgl. folgende Abbildung).
Der Ostrog und die ehemaligen Dörfer Karaulni und Sisim liegen seit 1966 wie der Ostrog Abakan auf dem Grund des Krasnojarsker Stausees; die Bevölkerung war zuvor in das höher gelegene Primorsk umgesiedelt worden.
Soweit zur Geschichte dieses alten Stützpunktes am Jenissei.
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Die genauen Orte des "Werchni Karaulni Ostrog", des Dorfes "Karaulni" und des Nachbardorfes "Sisim", in dem sich Messerschmidt auch kurz aufgehalten hat, sind einzig und allein in den topografischen Militärkarten der Sowjetzeit, welche heute freigegeben sind, korrekt eingezeichnet. Eine von Ph. J. von Strahlenberg gezeichnete Karte von 1730 (kleiner Ausschnitt) zeigt korrekt den Bezug des Ostrog
"Werch" zum Fluss "Szitsin" (altertümlich für "Sisim").
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Nach weiteren Zwischenstationen erreichte am 5. Oktober das abgerissene und ausgekühlte Expeditionsteam trotz zwischenzeitlichen Treibeises wohlbehalten "abends umb 7 ½ die Stadt Krasnojarsk, zur Linken des Stroms, oberhalb des Kača-Flüßchens Mündung, recht aufm Winkel dieser beiden Ströme situieret". [7]
Soweit zu Messerschmidts Chakassien-Touren der Jahre 1721 und 1722.
Vielleicht noch eine Randbemerkung am Schluss:
Was die Ostrogs Sajan und Abakan angelangt, so ergänzen sich unsere Schilderungen perfekt: Ist von ersterer Holzfestung so gut wie keine Geschichte zu referieren - außer der Erbauung 1718, so glänzt dieser Ostrog doch durch die Tatsache, das er gründlich archäologisch erforscht ist, und seine Bauweise als idealtypisch für andere, untergegangene Ostrogs Sibiriens gelten darf. Zu diesen zählt nun wiederum - wenngleich nicht sicher - der zweite Ostrog Abakan, ein topografisches Kuriosum von 17O7, zu dem nun einige geschichtliche Angaben beigesteuert werden konnten.
Wir wechseln nun in das Folgejahr 1723:
D. G. Messerschmidt erreichte am 16. Juni 1723 nach ca. 1070 km Flussfahrt von Jenisseisk aus die Siedlung Nowaja Mangaseja am linken Ufer des Stromes Jenissei, vis-à-vis der Mündung der Unteren Tunguska. Messerschmidt und seine Gefährten blieben dort eine Woche lang. Erst am 24. Juni 1723 setzten sie ihre Fahrt nach Osten fort, indem sie die Untere Tuguska stromaufwärts befuhren.
Heute heißt die Siedlung, in der Messerschmidt damals Zwischenstation machte, nicht mehr "Nowaja Mangaseja", sondern "Staroturuchansk", also "Alt-Turuchansk", während die neue, heute viel größere Ortschaft "Turuchansk" jenseits des Jenissei liegt, an der Mündung der Unteren Tuguska.
Messerschmidt selbst sprach seinerzeit in Zusammenhang mit seinem Zielort von "Mangazée" und verschwieg dabei, dass es sich hier um die Neugründung eines sagenhaften Ortes namens "Mangaseja" handelt, der von 1601 bis ca. 1670 ein blühende Handelsmetropole am Unterlauf des Flusses Tas gewesen war, zwischen den großen sibirischen Strömen Ob und Jenissei.
Panorama von Mangaseja, von M. I. Below, im Museum und Ausstellungskomplex namens I. S. Schemanowsky: Ausstellung zur Geschichte der Stadt Mangaseja.
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An diesem Umschlagsplatz sammelten die seit dem Mittelalter hier ansässigen, relativ selbständigen und freiheitsliebenden Pomoren [Link] handelbare Güter, vor allem Zobelfelle, welche zuvor in Massen von Fallenstellern in der nordsibirischen Tundra gefangen worden waren.
Im Sommer, in den drei eisfreien Monaten, brachten pomorische Seefahrer das Pelzwerk über das Weiße Meer zur Stadt Archangelsk, die schon seit 1478 zum Großfürstentum Moskau gehörte. Dazu benutzten sie relativ kleine, aber stabile und vor allem hochseetaugliche Boote, die man sowohl rudern als auch mit Segeln fortbewegen konnte. Da ihr Kiel stark verstärkt war und auch mit Rädern oder Schlittenkufen armiert werden konnte, war unter Vorspann mit Pferden auch ein Landtransport mit diesen Spezialbooten möglich.
Bei der Anfahrt von Mangaseja nach Archangelsk überwanden die Boote der Pomoren die Halbinsel "Onega" unter Benutzung der Flüsse "Schischa" und "Schescha", die große Halbinsel "Jamal" unter Benutzung der Flüsse "Juribej" und "Nilmajacha" und "Ngumpenzja", wobei kilometerlange Schleifbahnen die Zwischenräume über Land überbrücken. Da das Schleifen der Schiffe in der Regel nur im Winter gefahrlos möglich war, dauerte der Pelztransport von Mangaseja bis nach Archangelsk u. U. länger als ein Jahr (vgl. Yandex-Karte unten; hier englische Schreibweise)!
In Archangelsk wurde die wertvolle Fracht auf englische Schiffe, daneben auch auf niederländische Schiffe und Schiffe der deutschen Hanse verladen und gegen gute Bezahlung in den zentraleuropäischen Markt gebracht.
Die Zentralgebäude von Archangelsk, holländischer Stich von 1765.
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Die folgende Karte zeigt die Seerouten der pomorischen und englischen Seeleute, von London nach Archangelsk, von Archangelsk nach Mangaseja - und umgekehrt. Das Weiße Meer konnte einst nur in wenigen Sommermonaten befahren werden, danach war es geforen!
Kein Wunder, dass Mangazeja, der Ausgangspunkt dieser von Moskau und Zentralrussland nahezu unabhängigen Handelsroute, alsbald zur "goldglänzenden" Stadt wurde.
Die "goldene Stadt" Mangazeja, Malerei von Leonid Schaschkow.
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Der florierende Handel über die Nordroute war für die russische Zentralmacht gewiss nicht unproblematisch. Denn im Gegensatz zu den englischen und niederländischen Handelsschiffen hatte das Zarenreich über den Landweg wegen der weiten Strecken und der Unwirtlichkeit des nördlichen Ural kaum Zugriff auf diesen nordsibirischen Raum.
Dies verdeutlicht folgende Karte von 1914:
Verpflegungskarte von Westsibirien, vom Ende des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts, gezeichnet 1914.
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Zar Michail I. Romanow, Kopie eines Gemäldes von 1636, Kopie von 1728.
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Es waren der russische Zar Michail Fjodorowitsch Romanow (1596-1645) und seine Berater, welche die zunehmende Gefahr einer englischen Besetzung von ganz Nordsibirien witterten, auch wenn zuvor die 1566 gegründete, wohlgemerkt englische "Muscovy Company" formell die Zusammenarbeit mit dem Zarenhof gesucht hatte. Dass diese Umsturzpläne nicht aus der Luft gegriffen waren, sondern zur reellen Gefahr wurden, belegen erst kürzlich in England gemachte Archivfunde.
Schließlich verbot der energische Zar, der erste aus der Bojarenfamilie Romanow und der erste wirklich mächtige Zar nach der "Zeit der Wirren" (1598-1613), per Ukas des Jahres 1619 für alle Zuwiderhandelnden die Benutzung der gesamten Nordroute - unter Androhung der Todesstrafe.
Gleichzeitig wurde die Stadt wurde für Fremde abgeriegelt: Navigationsmarkierungen wurden entfernt, Wachposten errichtet, um jeden abzufangen, der versuchen könnte, durchzukommen, und die Karten wurden gefälscht, um möglichst wenige auf die Spur zu bringen.
Dies waren sicher Gewaltmaßnahmen; doch damit blieb Nordsibirien tatsächlich in russischer Hand!
Das eigentliche Opfer hieß allerdings "Mangaseja"! Denn von da an begann der unaufhaltsame Niedergang dieses "Eldorado" des Nordens, der sich durch (absichtlich gelegte?) Großbrände in den Jahren 1642 und 1662 noch beschleunigte. [Mangaseja in Wikipedia]
Nach dem letzten Brand überließ man die zunehmend menschenleere Ruinenstadt ganz den Kräften der Natur. Da alle Gebäude aus Holz errichtet waren, sah man alsbald keine überirdischen Überreste der Stadt mehr, und das Areal wurde von wuchernden Gräsern und Weideröschen überwachsen.
Über mehr als 200 Jahre blieb der Ort ganz vergessen!
Noch heute ist "Alt-Mangaseja" eine Wüstung, wie folgende Satellitenaufnahme aus "yandex.ru" zeigt:
Die heutige Wüstung "Mangaseja" am Fluss Tas (Satellitenaufnahme, hier mit englischer Ortografie).
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Erst vor einigen Jahrzehnten nahmen sich russische Archäologen des Areals an und führten dort Grabungen durch. Dabei konnten sie tatsächlioch noch Gebäudereste der untergegangenen Stadt freilegen und etliche bedeutsame Funde machen, die heute alle im Museum sind. Dies verdeutlichen folgende Aufnahmen:
Links ehemalige Grabungsstelle am Hochufer des Tas, an den Balken ist noch eine Aussparung im Sinne einer Türschwelle zu erkennen. Der Schaukasten rechts befindet sich im Staatlichen Museum (Moskau ?), die Funde erklären sich selbst.
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Dieser Fluchtpunkt erhielt den Namen "Nowaja Mangaseja" alias "Neu-Mangaseja". Auch der neue Ort entwickelte sich rasch. Zunächst war er noch eine einfache Siedlung, dessen Rodungsfläche einst von Jenissei-Fischern angelegt worden war. Sie lag auf einer Terrasse an einem Naturhafen, etwas abseits des Hauptstroms. Doch alsbald erhielt dieses "Nowaja Mangaseja" einen solchen Zuwachs an Aussiedlern, dass es mit alle städtischen Einrichtungen versehen werden musste. Im Jahr 1677 erhielt der Ort zum Schutz auch eine hölzerne Festung (Ostrog), bestückt mit Kanonen und besetzt von einer Garnison Kosaken.
Diese Topografie zeigt folgende Karte von 1701:
Karte der Stadt "Nowaja Mangaseja" (heute Staroturuchansk) und Umgebung, vom Ende des 17. Jahrhunderts. Darstellung im „Zeichnungsbuch Sibiriens“ von S. U. Remezow (1701). Der geschichtsträchtige Ort ist von uns in grüner Farbe etwas hervorgehoben; er war einst von einem Seitenarm des Jenissei und Turuchan umflossen, eigentlich Idealbedingungen für einen geschützten Naturhafen.
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Genau so sah also D. G. Messerschmidt den Ort "Neu-Mangaseja", das allerdings zu seiner Zeit noch nicht seine maximale Größe erreicht hatte.
"Auch zu Mangaseja in Sibirien ... ist ein starker Markt für den Pelzhandel. Alle Völker, die den ganzen Winter in Nischnaja Tunguska und der unteren Gegend des Jenissei, nämlich am Kureika, Chantaika, Dudinka und anderen Bächen und Flüssen mehr, ferner am Chatanga und westlich von Tas und Ob, wie auch an den dareinfallenden Gewässern, auf die Jagd ausgehen, kommen dahin, um ihr Pelzwerk mit Vorteil und im Großen abzusetzen. Die meisten Artikel, welche sie hierher bringen, sind Zobel, weiße und blaue Füchse, junge Füchse, weiße Wölfe, Bärenfelle, in Sonderheit weiße oder Eisbären, Vielfraße, endlich gemeine und zuweilen schwarze Füchse. [...]" [8]
Von der Größe von Nowaja Mangaseja zeugt nicht nur obige Karte, sondern auch folgende Abbildung, die allerdings der Fantasie entspringt:
Panorama von Nowaja Mangaseija um 1739. Entwurf von I. Lursenius.
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Doch schon bald verlor auch diese Zweit-Niederlassung an Bedeutung und verfiel zunehmend, während immer mehr Bewohner zum günstiger gelegenen Dreifaltigkeits-Kloster Turuchan auf der anderen Seite des Jenissei, am rechten Mündungsufer der Unteren Tunguska, umzogen. In dieses Kloster, das noch heute existiert, wurde auch der Kult eines Lokalheiligen aus dem alten Mangaseja transferiert: Der Märtyrer Basilius von Mangaseja ist heute offiziell vom "Großen Synod" kanonisiert; von ihm existiert im Kloster eine Ikone, die von den Einheimischen sehr verehrt wird. [9]
Im Jahr 1912 wurde dieser Ort "Monasturskoe" offiziell zum Verwaltungszentrum des Rajon Turuchansk, ein Jahr später wurde Josef Stalin für 4 Jahre in den Rajon Turuchansk (nördlich des Ortes) verbannt.
Zwischenzeitlich verliehene Stadtrechte sind heute nach einem Bevölkerungsrückgang wieder verloren.
Das Areal von Staroturuchansk nimmt sich dagegen heute aus der Satellitensicht so aus:
Satellitenaufnahmen aus "yandex.ru".
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Die Ortschaft ist wieder dort gelandet, von wo aus sie ihren Aufstieg genommen hat: Die Fischer-Siedlung umfasst kaum mehr als 20 Anwesen!
Am Schluss bleibt uns nur eine Frage, die wir schon eingangs angeschnitten haben:
Hat D. G. Messerschmidt vom alten, eigentlichen "Mangaseja" erfahren, als er 1723 "Nowaja Mangaseja" alias "Mangazée" alias "Staroturuchansk" erreichte und für eine Woche bewohnte? Er sprach und schrieb unseres Wissens nur von "Mangazée". Vielleicht hat er sich die betreffenden Fragen erst gar nicht gestellt, zumal er selbst des Russischen kaum mächtig war und er deshalb mit den alten Ost-Jaken des Ortes kein Gespräch führen konnte!
Das westliche Ende dieser älteren Ural-Route lag am Glockenturm der Kathedrale von Solikamsk - wobei der Bau der Kathedrale dem Bau der Altstraße nachfolgte und nicht umgekehrt -, doch diesen Endpunkt erreichte der von Osten anreisende D. G. Messerschmidt zuletzt.
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Der Beginn der Babinow-Straße am Glockenturm der Kathedrale von Solikamsk (roter Pfeil). Von dort zieht sie zunächst einige Kilometer nach Norden, ehe sie nach Osten in Richtung Ural-Hauptkamm abbiegt.
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![]() Gedenkstein für Artemi Babinow in seinem Heimatdorf Werch-Usolka. |
Diese Ural-Passage führte einst quer durch das Gebirge von der Stadt Solikamsk im Westen bis nach Werchoturje im Osten und verkürzte damit die Länge der älteren Tscherdyn-Straße auf den 8. Teil derselben.
Nach ihrem Entdecker und Erbauer Artemi Safronowitsch Babinow († ca. 1620) trägt diese Piste noch heute den Namen "Babinow-Straße", alternativ "Babinowsaja Doroga", kurz "Babinowsaja", oder auch "Babinow-Trakt". [Babinow in Wikipedia] [Babinow-Straße in Wikipedia]
Wir haben die Route annähernd rekonstruieren können; sie führt bei einer Gesamtlänge von fast 300 km im Westen des Ural-Hauptkammes über 2 Drittel (ca. 200 km) durch unwegsames Waldgebiet und folgt dabei meistens den Anhöhen/Wasserscheiden zwischen den zahlreichen Flüssen, Bächen und Sümpfen. Trotz der vielen Hindernisse war diese Straße von Babinow und nur 40 Männern und 2 Beamten in einem Zeitraum von nur 2 Jahren, zwischen 1597 und 1598, trockengelegt, trassiert und befahrbar gemacht worden - eine Pionierstat, die uns heute alle Bewunderung abringt.
Trotz der Bevorzugung der Kammlagen waren bei der Errichtung noch 9 größere Flussbrücken fällig geworden, außerdem viele Stationen zum Pferdewechsel und auch neue Dörfer, z. B. Werchnjaja-Jewa, Tschikman, gegründet von Artemji Babinow, Werchnjaja Koswa und Pawda.
Während heute östlich das Ural-Hauptkammes, in etwa von Pawda bis Werchoturje, noch durchaus befahrbare Abschnitte dieser Altstraße bestehen, ist die "Babinowskaja" im regenreicheren Westen völlig verwachsen und auch versumpft, außerdem sind viele Waldsiedlungen abgegangen, so dass eine Passage selbst mit Geländewagen kaum möglich ist, wie folgende Abbildung zeigt.
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Die "Babinowskaja" zwischen Rastes und Pawda, im Juli 2016.
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Trotz ihrer Unwirtlichkeit hat diese Straße das Schicksal des russischen Zaren- und Kaiserreiches entscheidend geprägt, denn fast 200 Jahre lang war sie die kürzeste und sicherste Route über den Ural nach Osten.
Sie diente dem Transport von Gütern wie Salz, Metallen, Textilien und Proviant für die Siedler in Sibirien, auch dem Transport von Gefangenen, Geistlichen und Arbeitern in neue Dörfer, und schließlich dem amtlichen Postverkehr. Gelegentlich wurde der Ural auf dieser Route auch von wissenschaftlichen Expeditionen durchquert, so 1731 von G. A. Demidov, 1733 von V. Bering bei der 2. Kamtschatka-Expedition, 1770 von P. S. Pallas und 1771 von I. Lepechin, mit der besten Beschreibung der Route. Leider verlor die Babinow-Straße 1763 nach dem Ausbau der südlicheren sibirischen Straße an Bedeutung und wurde zuletzt vollständig aufgegeben.
Da es ohne diese Straße das heutige Russland nicht gäbe, bestehen inzwischen Pläne, die Babinow-Route wieder für dem Tourismus zu erschließen. Über erste Anfänge - Gedenksteine, Gedenktafeln, Gedenksäulen - ist man jedoch bis jetzt nicht hinausgekommen.
Wer nun mehr von dieser geschichtsträchtigen Route erfahren will, sei auf 3 Fachartikel verwiesen, die wir vom Russischen ins Deutsche übersetzt haben:
[Deutsche Übersetzung von drei russischen Beschreibungen des sog. Babinov-Traktes]
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Die "Babinowskaja" in einer älteren Handzeichnung.
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Er folgt nun unsere annähernde Rekonstruktion der "Babinowskaja", in einer skalierbaren Yandex-Karte, mit Hilfe von alten Plänen. In den Waldgebieten gibt es einige Unabwägbarkeiten, da uns hier über den genauen Routenverlauf keine schriftlichen Informationen vorliegen und ein ALS-Bodenprofil, das näheren Aufschluss gäbe, fehlt. Mit dem bloßen Auge soll jedoch der Straßenverlauf wegen der bestehenden Waldschneisen noch gut sichtbar sein (vgl. Abbildung oben).
Fussnoten
[1] E. Winter et al.(Herausgeber): Messerschmidt, D. G., Forschungsreise durch Sibirien 1720—1727, Teile 1 bis 5, Berlin 1962—1977.
[2] Vgl. Winter, E., Figurovskij, N. A., Einleitung, in: Messerschmidt, D. G., Forschungsreise ..., Teil 1, Berlin 1962, S. 8.
[3] Ebenda, S. 15.
[4] Auszug aus: Ludmila Thomas: Geschichte Sibiriens - von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 1982, S. 8-9.
[5] Vgl. W. Lehfeld: Daniel Gottlieb Messerschmidt - Botanik, privat überlassene Version, Tabelle Seite 24, diese exzerpiert aus E. Winter et. al.: Messerschmidt D. G., Forschungsreise durch Sibirien 1720-1727, Bd. 1, Berlin 1962.
[6] Auszug eines Artikels "Karaulni Ostrog" vom 2. August 2022, von T. A. Yakovleva, vom Zentrum für Lokalgeschichtliche Informationen, in: https://zbsnasarowo.rf"
[7] Sämtliche topografische Angaben in der Sprache Messerschmidts, hier wie weiter oben, zitiert aus W. Lehfelds eingangs vorgestellter Biografie, a. a. O., S. 170-173.
[8] In der Ortografie leicht angepasstes Zitat aus H. Schmidt: Die Kürschnerkunst, Weimar 1844, nach J. G. Gmelin; Reise durch Sibirien von dem Jahr 1733 bis 1743.
[9] Vgl. "Wassili Mangasejski" in der russischen Wikipedia.