Die mittelalterliche Trinkwasserversorgung von Berching

Was uns Fundstücke aus den Sammlungen alteingesessener Berchinger Bürger erzählen ...

- Mit einem Nachtrag vom April 2017 -

© Dr. Werner Robl, Berching, Jan. 2015

 

Auswahl von Glas-, Metall und Knochenbefunden aus der spätkeltischen Siedlung von Berching-Pollanten, Abbildung aus: Das archäologische Jahr in Bayern 1981, S. 129.
Vorweg ein paar Worte zum Finder der Tonrohre

Dem ehemaligen Steinmetzmeister Johann Ruppert, geb. am 21. Juni 1938, wohnhaft in der Egerlandstraße 2 in 92334 Berching, hat die Heimat- und Regionalforschung des Landkreises Neumarkt und die Stadt Berching viel zu verdanken.

Es war Johann Ruppert, der unsere Kenntnisse über Prähistorie des Sulzgaus beträchtlich erweiterte, indem er z. B. im Jahr 1978 als erster die Archäologen Thomas Fischer in München und Konrad Spindler in Erlangen auf eine Fundstätte bei Pollanten hinwies, die sich hinterher anlässlich einer systematischen Exploration bis zum Jahr 1983 als die größte spätkeltische Handwerkersiedlung weit und breit herausstellen sollte, die zweigrößte in Bayern, nach Manching. [1]

Wegen dieser Leistung für die bayerische Archäologie wird Herr Ruppert als Laienforscher in den einschlägigen archäologischen Fachzeitschriften wie folgt ehrend erwähnt.

Würdigung Johann Rupperts in: Die Oberpfalz, ein europäisches Eisenzentrum, Theuern 1987, S. 40.
Johann Ruppert hatte schon zuvor südlich von Berching Brandgräber aus der Urnenfelderzeit entdeckt, d. h. die Überreste einer prähistorischen Siedlung aus der Zeit zwischen 1300 und 800 v. Christus, welche anlässlich des Baus der Berchinger Kläranlage und einer Schlammdeponie in Nähe der Mariahilfkirche in den Jahren 1975 und 1976 ans Tageslicht kamen.

Eisener Achsnagel eines zweirädrigen Streitwagens, mit Zierknopf aus Bronze, gefunden in Berching/Pollanten. Abbildung aus Die Oberpfalz, ein europäisches Eisenzentrum, Theuern 1987, S. 47.
Johann Ruppert vermachte schon vor Jahren viele seiner Funde dem Städtischen Museum Berching, wo sie leider neben dem Ausstellungsschwerpunkt Christoph Willibald Gluck wenig Beachtung finden, aber auch nicht entsprechend in Szene gesetzt sind. Wertvolle Glasfunde aus der Keltenzeit seien inzwischen sogar von dort auf Nimmerwiedersehen verschwunden, erzählte uns Herr Ruppert.

Auch das Terrain des neuen Netto-Marktes Berching, ein in der bayerischen Denkmalliste unter der Nummer D-3-6834-0040 ausgewiesenes Bodendenkmal, das kürzlich ein Opfer magistraler Gleichgültigkeit wurde, d. h. in einer Blitzaktion ohne die vorgeschriebenen bodenarchäologischen Untersuchungen einfach abräumt wurde, war Johann Ruppert längst aufgrund von Scherbenfunden (graphitierte Tonscherben) als Siedlungplatz aus der Keltenzeit bekannt.

Graphitierte Tonscherben aus der Keltenzeit. Fundort: Nettomarkt neu in Berching.

 

Zwei mittelalterliche Tonröhren aus Berching

Kürzlich brachte uns Johann Ruppert aus seinem privaten Fundus zwei Exemplare einer ganzen Reihe von Tonröhren, welche belegen, dass Berching bereits im Mittelalter über eine qualitativ hochwertige Trinkwasservasserversorgung verfügte.

Die von Johann Ruppert geborgenen mittelalterlichen Wasserleitungsrohre von Berching...
... sind als Töpferware reine Handarbeit.

Die nachfolgende Graphik verdeutlicht die Fundorte dieser Tonröhren in bezug auf die Altstadt und die anzunehmenden Verläufe der Rohrleitungen aus beiden Seitentälern heraus.

Die jeweiligen Fundorte der Wasserleitungsrohre mir ihren Zuläufen. Die farbliche Markierung entspricht der obigen Markierung der Tönröhren.

Man vergleiche hiermit die Quellbäche von Berching, wie sie sich aus dem Ortsblatt des königlich-bayerischen Urkatasters von 1822 ergeben: Die beiden Bächlein ergossen sich zu beiden Seiten des Sulztals aus den Seitentälern des Rudertshofener Grabens und des Rachentals. Ein weiterer Quellbach kam von Haarberg und ergoss sich knapp oberhalb des Hangfusses in einen Teich, der wohl als Wasserreservoir für die sich anschließenden Mühlen diente. Anschließend vereinigte er sich mit dem Bach aus dem Rudertshofer Graben. Der ursprüngliche, jahrhundertealte Verlauf ist im Urkataster exakt erfasst, da er noch nicht durch die beiden nachfolgenden Kanalbauten der Moderne gestört ist.

Die Wasserlaufe von Berching auf dem königlich-bayerischen Urkataster von ca. 1820, also vor Bau der beiden Kanäle.

Für die Trinkwasserversorgung über die Tonröhren dürften dabei jeweils die südlichen Zuläufe hergehalten haben, die vermutlich bereits beim Austritt aus den Bergflanken in Brunnenkästen gefasst und so für die Einspeisung in die unterirdischen Röhrensysteme präpariert waren. Namentlich bekannt ist der östliche dieser kürzeren Bachstücke: Es handelt sich um den Lohbach, der in kurzem Lauf aus dem sogenannten Lohgraben kam - nicht zu verwechseln mit der Lohmühle im Westen! Der westliche Quellbach entsprang an der Hangkante des sogenannten Kalvarienberges, dort, wo sich auch heute noch neben der Straße ein tiefer Graben und zwei Felsenkeller erhalten haben.

Dort finden sich noch heute zwei aufgegebene Trinkwasserbrunnen, wobei der obere vermutlich am Ort der mittelalterlichen Quellfassung liegt, aber im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert mit einer Kalksteinfassung und einem gusseisernen Deckel erneuert wurde. Dieser Brunnkasten ist in der nachfolgenden Winteraufnahme kaum im Schnee auszumachen, er gleicht aber der Bauart nach genau jenem am Fuße des Haarbergs, den wir weiter unten in Zusammenhang mit einer historischen Holzwasserleitung vorstellen.

Der aufgelassene Brunnkasten im Graben am Fuß des Kalvarienberges (Pfeil), wenige Meter hangabwärts ein weiterer, ebenfalls aufgegebener Brunnen deutlich jüngerer Zeitstellung, erkennbar am Entlüftungsstutzen im Bild rechts unten.

Die nördlichen, wasserreicheren Bäche scheinen im Gegensatz zu den südlichen mehr dem Mühlbetrieb (im Westen Loh-, Kreuz-, Gewürzmühle, im Osten Mühlwerk am späteren Saalbeck'n-Haus) und eventuell auch der Versorgung des Stadtgrabens mit Wasser gedient zu haben, nur ein Teilstück aus einer Quelle des Haarbergs diente als weitere Trinkwasserquelle.

Was die Fundorte der Tonröhren anbelangt, so kann Herr Ruppert die östliche Fundstelle mit "beim dritten Busch unterhalb des Friedhofs" relativ genau angeben - also dort, wo er einst selbst einen Ausstellungsplatz für seine Steinmetzarbeiten unterhielt. Der Fund ergab sich, als um 1970 knapp neben der Bundestraße B299 Ausschachtungsarbeiten durchgeführt wurden. Wenn das aufmerksame Auge des Steinmetzes nicht gewesen, wären damals alle Rohre durch den Bagger ungesehen zerstört worden. Bei der jüngeren, westlichen Rohrleitung kann Herr Ruppert den genauen Fundort nicht mehr genau nennen, da der Fund bereits von seinem Vater stammt. Dessen Angabe "in Nähe des Gredinger Tors" wird allerdings gestimmt haben. Das Fundareal ist durch den Bau des Europakanals inzwischen komplett beseitigt.

Die Zeitstellung und geographische Verbreitung derartiger Tonröhren-Systeme zur Frischwasserversorgung ist grundsätzlich sehr weit; sie reichen von prähistorischer Zeit über die Römerzeit und das Mittelalter bis in die Neuzeit, vom Orient bis in den Okzident. Die folgenden Aufnahmen geben dazu eine anschauliche Übersicht:

1 = Mittelalterliche Wasserleitung im Römerkastell Arzbach, historische Aufnahme um 1900, 2 = hethitische Wasserleitungsröhren aus Hattuscha, Ostanatolien, 1650-1200 v. Chr., 3 = Rohre einer spätrömischen "villa rustica" bei Remagen am Rhein, 4 = nabatäische Wasserleitung aus der jordanischen Ruinenstadt Petra, um 500 v. Chr., 5 = Wasserleitung der Insel Naxos, 6. Jahrhundert v. Chr.
Die Berchinger Rohre wurden vor Ort und per Hand, d. h. auf der Drehscheibe eines Töpfers, hergestellt. Sie lassen sich zeitlich grob ins Hoch- und Spämittelalter, d. h. in eine Zeit zwischen 1200 und 1500, verorten, wobei beide Röhrenarten zwei verschiedene Bauperioden markieren. Die einfachere, muffenlose Rohrsorte aus vergleichsweise dunklerem Ton (gelber Punkt oben) halten wir wegen der Einfachheit der Ausführung für die ältere von beiden. Diese konischen Rohre versorgten auch den älteren Stadtteil, so dass sie möglicherweise schon aus der Zeit um 1200 oder von noch früher stammen.

Wegen des natürlichen Gefälles der Quellbäche handelt es sich bei den Tonröhren-Systemen um Druckwasserleitungen, die natürlich dicht sein mussten. Über die Abdichtung solcher Röhren sind sich die Fachleute nicht abschließend einig. Die einen sprechen sich für die Verwendung von mit Rindertalg gefettetem Werg aus gezogenen Flachshaaren aus, andere für die Verwendung von Mörtel. Wahrscheinlich wurden beide Abdichtungsarten kombiniert.

Lehm- und Tonvorkommen für die Herstellung der Röhren gab es am Rande des Sulztals genug; sie speisten sich aus den Ornaten- und Opalinustonschichten der Jurahänge. Die Berchinger Wasserrohre dürften wohl aus dem Ton einer Lehmgrube am Ziegelbuch stammten, wo bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Ziegelei bestand, in der sie gebrannt wurden.

Die Tonabbaustätte "Ziegelbuch" und die zugehörige Ziegelhütte im Urkataster von ca. 1820. Südlich der "Schießstatt" floss der weiter oben mit Röhren gefasste Quellbach im Westen der Stadt Berching vorbei; er ist an unteren Bildrand gerade noch zu sehen.

Wegen der unterschiedlichen Tonart stammt eine der beiden Röhrensorten vielleicht auch aus einer Tongrube weiter westlich, vom oberen Ende des Jettingsdorfer Grabens, oberhalb der historischen Bierkeller.

Die Tonröhren waren als Produkte reiner Handarbeit sehr haltbar, selbst wenn ein Glasurbrand wie in der Neu- und Jetztzeit noch nicht üblich war. Dies demonstriert augenschaulich ihr guter Erhaltungszustand.

 

Historische Holzwasserrohre in Berching

Neben derartigen Tonröhren-Systemen gab es zu allen Zeiten auch Druckwasserleitungen aus Holz, deren Elemente aus innen aufgebohrten, besonders feuchtigkeitsresistenten Stämmen bestanden. Diese wurde meistens mit Muffen aus Schmiedeeisen zusammengehalten, welche in sie eingeschlagen wurden, manchmal waren sie innen auch ganz mit Gusseisen- oder Bleirohren armiert. Erstere Sorte wurden auch von Herrn Ruppert auch bei Berching gefunden und dem Stadtmuseum Berching vermacht.

Sehr schöne Bilder eines solchen Exemplars schickte uns ein weiterer geschichtsinteressierter Berchinger, Herr Ulrich Trommer vom Haarbergweg 20. Als im Jahr 1981 der Haarbergweg modern ausgebaut wurde und Herr Trommer in Höhe seines Hauses die Kanalisationsarbeiten beobachtete, fiel ihm ein morscher, innen hohler Rundstamm auf, der im Aushubmaterial gelandet war. Herr Trommer barg diesen Stamm und entdeckte, dass er von Menschenhand aufgebohrt war, also einem alten Holzrohr entsprach.

Folgende Bilder aus dem Fundus von Herrn Trommer zeigen das gereinigte und konservierte Ende dieses Rundholzes. Hier ist gut erkennbar, dass um die zentrale Bohrung herum eine Metallmuffe eingeschlagen war, die gleichzeitig die Stämme des Rohr-Systems verband und nach außen abdichtete. Kalkablagerungen im Rohr selbst wären an sich zu erwarten, sind aber nicht zu erkennen. Vielleicht haben sie sich beim Reinigen gelöst oder sie hatten sich wegen der Elastizität des Holzes erst gar nicht gebildet.

Der verwitterte Ansatz des Holzrohres.

Gut erkennbar die Ringkerbe, die der Einschlag des Metall-Verbinders erzeugt hat.

Der Anschnitt des Holzes ließe grundsätzlich eine dendrochronologische Bestimmung des Fälljahres zu.

Wenn man im Ortsplan des k. b. Urkatasters von ca. 1822 nachsieht, entdeckt man in der Tat in Höhe der Fundstelle am Rande des Haarbergweges den alten Bachlauf, neben dem einst die Wasserleitung zu Tal geführt wurde. Er kam von einem Brunnkasten am Ende des Haarbergweges, der im Katasterplan schön erfasst ist, und floß in einen Teich, der spätestens bei der Anlage des Haarbergwegs aufgelöst wurde.

Der Quellbach, der bei der Anlage des Haarbergwegs z. T. aufgelöst wurde, ist hier blau markiert. Unten gerade noch erkennbar der Teich, in den er floß (siehe auch Bild oben). Der vermutete Verlauf der Holzwasserleitung ist rot markiert. Links unten vergrößerte Darstellung der Quellregion mit dem gut erkennbaren Brunnkasten. Der Stern markiert die ungefähre Fundstelle des Holzrohrs.

Was der Katasterplan nicht wiedergibt:

Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde ein Teil des Bachlaufs schon deutlich oberhalb des Teichs entlang der unterirdischen Holzwasserleitung nach Osten in Richtung Altstadt abgeleitet. Die zugehörige Feuchtwiese trug laut Katasterplan um 1820 den eigenartigen Namen "Gängres-Bigel", im Grundbuch steht für das 20. Jahrhundert der Flurname "Gockeläcker".

Es folgen zwei Aufnahmen aus dem Fundus von Herrn Trommer vor Errichtung der Haarberg-Siedlung, die den Verlauf des Quellbächleins noch zeigen, das heute bei der Schreinerei Streb in den Kanal mündet.

Aufnahme von 1981: Blick ins Tal, nach Süden, der Bachlauf zur Linken (Pfeile).

Aufnahme von 1972, vom Standort der heutigen Schreinerei Streb aus. Bachlauf am Rande des Obstgartens kaum auszumachen.

Als Herr Trommer auf einem der "Gockeläcker" sein Wohnhaus errichtete, kam eben ein Teil der alten Holzwasserleitung zum Vorschein. Leitungen dieser Art waren über ganz Europa verbreitet. Auch sie haben im Grunde genommen eine weite Zeitstellung:

Über aufgebohrte, gespaltene Holzstämme, die innen mit Bleirohren armiert waren, ließ sich z. B. schon im 12. Jahrhundert das Reichsstift St. Emmeram in Regensburg versorgen, wobei es seine Wasser aus Quellen im 2,7 km entfernten Dechbetten bezog. Die Folge dürfte bei den Mönchen eine chronische Bleivergiftung mit der Folge einer Butarmut gewesen sein, die durch regelmäßige Aderlässe noch verstärkt wurde. So wurde die wegen der vielen Seuchen bereits eingeschränkte Lebenserwartung nochmals verkürzt.

Sowohl die von Herrn Ruppert gefundenen Tonröhren als auch die von Herrn Trommer entdeckte, nahezu metallfreie Holzwasserleitung waren aufgrund der "ökologischen" Baustoffe zumindest in toxikologischer Hinsicht wesentlich gesünder als die Bleirohre von St. Emmeram bei Regensburg. Da das Wasser aus den unterirdisch verlegten Röhren jahrein, jahraus dieselbe Temperatur hatte, die bei entsprechend tiefer Lage nur wenig über der Temperatur des Quellaustritts von 8 Grad Celsius gelegen haben dürfte, war das Wasser zunächst frisch und erfrischend, aber auch von hoher Qualität und Reinheit. Dies galt aber nur für die ersten Jahre. Besonders die Holzröhren entwickelten mit zunehmender Standzeit, die je nach Umweltbedingung zwischen 10 und 100 Jahre betragen konnte, nach und nach organische Innenbeläge, die das Leitungswasser hygienisch belasteten und ihm mit der Zeit einen brackigen, unangenehmen Geschmack verliehen. Insofern bedeuten die einfacher zu verlegenden Holzröhren gegenüber den Mittelalterleitungen aus Ton bereits einen Entwicklungsrücksprung.

Früher nannte man die hölzernen Wasserröhren Pipen, Deicheln oder Teucheln. Letztere Begriffe sind vermutlich von römischen ductile = Leitung abgeleitet. [Link] [Link] Den zugehörigen Holzbohrer nannte Deichelbohrer. Es folgen zwei Bilder eines solchen Bohrers - das eine aus einem Museum, das andere von einer Vorführung vor Publikum.

Deichelbohrer im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck (Baden-Württemberg), Vorführung des Deichelbohrens in Oberpöllnitz (Triptis/Thüringen).

Verbunden wurden die Holzröhren, wie bereits erwähnt, durch schmiedeiserne Ringmuffen, die auch "Deichelringe" genannt wurden. Wenn eine Muffe in die eine Holzpipe zu Hälfte eingeschlagen war, wurde die andere Pipe auf den Ringüberstand aufgeschlagen usw. So setzte man das Leitungssystem nach und nach aus ca. 3 bis 4 Mater langen Teilstücken zusammen. Mit T- oder Y-Stücken waren auch Verzweigungen möglich. Nach der Beschickung mit Wasser quollen die Balken auf und dichteten sich im Grunde genommen selbst. Dennoch wurden die Stamm-Enden zusätzlich mit eisernen Rohrschellen armiert, um ihr weiteres Aufquellen zu verhindern, und die Rohrübergänge mit Pech und einer Kupfer- oder Zinn-Ummantelung abgedichtet. Wenn die Rohre zusätzlich in einer luftdichten Lehmpackung verlegt wurden, erreichten sie unter weitgehendem Sauerstoffabschluss Standzeiten bis max. 100 Jahre.

Historischen Holzleitungen unterschiedlicher Provienenz. Gut erkennbar die inneren Deichelringe und äußeren Rohrschellen.

Nicht selten wurden solche Holzwasserrohre auch auf Vorrat produziert; dann musste man sie unter Wasser und Lufabschluss in sogenannten "Deichelweihern" aufbewahren, damit sie keine Trocken- und Schwundrisse bekamen. Ob der oben erwähnte Weiher am Fuße des Haarbergs ein solcher Deichelweiher war, müssen wir offen lassen.

Was die historische Holzwasserleitung des Haarbergs anbelangt, so wird man ihre Entstehung im Gegensatz zu den Tonröhren des Herrn Ruppert wegen der jüngeren Bauart am ehesten in die Zeit des Frühbarock (17. bis 18. Jahrhundert) datieren dürfen - in eine Zeit, in der nach den Unbilden des Dreißigjährigen Krieges Berching einen ungeheuren Aufschwung nahm, und infolgedessen der Bedarf an Trinkwasser stieg. Zu Beginn des Königreichs Bayern 1806 war die Leitung auf jeden Fall bereits in Betrieb. Bis ins letzte Jahrhundert dürfte sie fortgepflegt worden sein; wann sie aufgegeben wurde, ist uns nicht bekannt (möglicherweise erst kurz vor Ausbau des Haarbergwegs 1981). Zum Vergleich: Im Salzburg wurde die letzte Deichelleitung im Jahr 1976 aufgelassen (siehe Wikipedia, Link oben).

Am Ende des Haarbergwegs dient heute linker Hand am Hang ein moderner Tiefbrunnen der Wasserversorgung von Berching. Daneben, nur wenige Meter oberhalb des Straßenendes, findet sich noch heute der historische Brunnen, aus dem einst für die Holzleitung Wasser entnommen wurde. Zwar ist er inzwischen mit einem Betonring gefasst, und der alte gemauerte Brunnkasten beseitigt, darüber liegt jedoch noch immer die alte Brunnenfassung aus sogfältig zugerichteten Kalksteinen, armiert mit einem zugeschraubten eisernen Deckel.

Der historische Brunnen am Abhang des Haarberges. Winteraufnahmen aus zwei unterscheidlichen Blickwinkeln. Gut erkennbar die Fassung aus gefastem Kalkstein und der alte Eisendeckel des ehemaligen Einstiegs.

Unten am Zielort der Leitung, in der Stadt, wurde das Leitungswasser an drei oder vier Trinkbrunnen entnommen, die man sich bezüglich der Konfiguration deutlich anders als Ziehbrunnen vorstellen muss.

Einen guten Eindruck eines mittelalterlichen Trinkbrunnens vermittelt eine Aufnahme aus der Stadt Alsfeld in Hessen, wobei man hier wie in Berching offen lassen muss, ob die ursprüngliche Trinkwasserentnahme über zentrale Säulen aus Stein, Holz oder Gusseisen erfolgte.

Stadtplatz mit historischem Trinkbrunnen in Alsfeld/Hessen

Das Schlimmste, was in früheren Zeiten den städtischen Trinkwasserbrunnen passieren konnte, war das absichtliche "Brunnenvergiften". [Link] Dies war nicht selten eine Maßnahme feindlicher Besatzer, um der einheimischen Bevökerung das Leben möglichst schwer zu machen. Brunnenvergiftung wurde aber mitunter auch Einzelpersonen oder Gruppen von Einzelpersonen vorgeworfen und dann schwer bestraft. In diesem Zusammenhang diente es leider nicht selten auch als Vorwand für schreckliche Juden-Pogrome, wie z. B. 1298 in Berching tatsächlich geschehen.

Der Berchinger Chronist Joseph Rebele berichtet in seinen Aufzeichnungen von 1931 [2], dass nach alten Berchinger Urkunden zum Ende des 15. Jahrhunderts, also noch vor der Reformation und den Kriegen, welche Berching so schwer zusetzten, bereits drei öffentliche Brunnen in Berching gab, davon einer in Höhe des Pfarrhauses in der Vorstadt, sowie zwei weitere auf dem Marktplatz der Weststadt und im Bereich der heutigen Schulstraße. An anderer Stelle ist auch von vier Brunnen die Rede, wovon einer in der Vorstadt, drei weitere in der Innenstadt gelegen waren. Sicherlich handelte es sich beim dritten Brunnen um jenen in der Hubgasse (heute Hubstraße), welcher nicht über eine Rohrleitung, sondern durch das Grundwasser gespeist wurde, dessen Spiegel vor dem Bau des Ludwigskanals in nur 60 cm Tiefe gelegen war. [3]

Kolorierter Kupferstich von Jakob Salomo Richter, 1791.

Von diesen Entnahmestellen mussten alle Einwohner ihre Frischwasservorräte holen. Verwendet wurde das Quellwasser sicherlich auch für das Bierbrauen im Kommunbrauhaus, das nahezu zeitgleich entstanden war.

Daneben gab es aber auch Tiefbrunnen, zum Teil auch in den Bürgeranwesen selbst. Diese waren vermutlich wegen der Stadtlage von unsicherer Wasserqualität und wohl eher gedacht für's Waschen, Gießen und für die Viehtränke.

Leider wissen wir aktuell nicht über den innerstädtischen Verlauf der gefundenen Wasserleitungen Bescheid; wahrscheinlich sind hier schon alle Überreste vernichtet.

Kurz vor 1500 ist nach Rebele in Berching bereits ein städtischer "Brunnenmeister" nachweisbar, welcher das ordentliche Funktionieren der Brunnen, ihre Pflege und Instandhaltung gewährleisten musste. Wegen dieser permanenten Verantwortlichkeit blieb er "scharwerks- und wachfrei", also von weiteren kommunalen Diensten befreit.

Als im Barock die Zahl der Tonleitungen ab- und die Zahl der Holzleitungen zunahm, rekrutierten sich die Brunnenmeister meistens aus den Reihen der Zimmerleute, wie eine Augsburger Quelle belegt. Entlohnt wurde der jeweilige Berchinger Brunnenmeister am Jakobitag (25. Juli) - also mitten im Hochsommer, zu einer Zeit, wo die Wasserschüttung der Quellen abgenommen hatte, und die Qualitätsgefährung des Wassers wegen Verunreinigung und Hitze umso höher lag. Außerdem konnte man zu dieser Zeit wegen des niedrigen Wasserstandes am ehesten auch die Tiefbrunnen von Schlamm und Unrat befreien. Angesichts dieser unsauberen und auch gesundheitsgefährdenden Arbeiten mag die Ausstattung des Brunnenmeisters mit einem neuen Rock - "nach aines rats wohlgefalln", wie eine alte Berchinger Urkunde sagt - als echter Motivationsschub gedient haben!

In Berching haben sich keine Brunnen aus dem Mittelalter, dafür aber zwei gusseiserne Brunnen aus dem späten 19. Jahrhundert erhalten. Der eine ist eine Spende des Kupferschmieds Johann Baptist Huber, dem auch das Kriegerdenkmal zu verdanken ist, [Link] der andere steht vor dem Pfarrhof in der Vorstadt. Es folgt eine Reihe von alten Fotos - alle aus dem 1. Drittel des 20. Jahrhunderts -, welche zeigen, dass es früher mehr Brunnen dieser Art in Berching gab: Je ein weiterer Hauptbrunnen stand in der Schulstraße und am Pettenkofer-Platz - dort, wo jetzt das Kriegerdenkmal steht. Außerdem gab es Nebenbrunnen, deren Wasser sich z. T. aus den Säulen der Gaslaternen ergossen.

An die historischen Wasserleitungen dürften all diese Brunnen nicht mehr angeschlossen gewesen sein, allenfalls ihre Vorgänger. Zu diesen zählte auch ein alter Brunnen vor dem Hirtenhaus in der Vorstadt, welches 1904 abgebrochen wurde. Man erkennt auf einer Aufnahme um 1900 einen mächtige Holz- oder Steinsäule mit hölzernem Auslauf. Ob es sich hierbei um einen Tiefbrunnen mit Pumpwerk handelte oder einen der Brunnen, der von den Tonröhren mit den Wassern der Berchinger Ostflanke gespeist wurde, wollen wir an dieser Stelle noch offen lassen.

Neogotischer Brunnen vor dem Pfarrhaus in Berching/Vorstadt.

Der Vorstadtbrunnen aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Aufnahme rechts unten zeigt einen weiteren Brunnenkasten in Richtung Krapfentor. Links hinten auf derselben Aufnahme ein älterer Brunnen vor dem ehemaligen Hirtenhaus (schwarzes Oval), der abschließend noch ausführlicher zur Besprechung kommt.

Die einzige Aufnahme, die wir zum Brunnen in der Schulstraße beibringen konnten. Hinten das sog. Kuhntürl. Heute passiert die Straße die Stadtmauer über einen größeren Torbogen.

Die beiden Stadtbrunnen am Reichenau- und Pettenkofer-Platz. Der hintere stand im Bereich des späteren Kriegerdenkmals. Der Ablauf erfolgte jeweils in den Stadtbach.

Der Brunnen am Reichenau-Platz in anderer Perspektive.

Der Brunnen am Westende des heutigen Pettenkofer-Platzes.

Berchinger Damen am oberen und unteren Brunnen.

Soweit zur historischen Trinkwasserversorgung Berchings in Mittelalter und Neuzeit.

 

Aus der Homepage der Huber SE.

Wenn heute die Huber SE, eine weltweit operierende High-Tech-Firma mit Zentrale in Berching/Erasbach, mit dem englischen Slogan "waste water solutions", d. h. "Lösungen für das Abwasser" wirbt, so könnte man schmunzelnd anfügen, dass die Sache mit den "water solutions" in Berching nicht gerade neu und auch keine originäre Erfindung der Firma Huber ist, zumindest nicht in Bezug auf die Wasseraufbereitung:

Die Berchinger "water solution" des Hochmittelalters und des Barock mit ihren Trinkwasserleitungen aus Ton und Holz war aufgrund umweltverträglicher Technik und hoher Effizienz auf jeden Fall auch nicht "ohne"!

 


Fussnoten:

[1] Vgl. Thomas Fischer, Konrad Spindler: Die spätkeltische Siedlung von Berching-Pollanten, Landkreis Neumarkt, Oberpfalz, in: Das archäologische Jahr in Bayern 1981, Stuttgart 1982, S. 128f. Auch: Thomas Fischer: Archäologische Funde der römischen Kaiserzeit und der Välkerwanderungszeit aus der Oberpfalz, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 1918, Bd. 121, S. 349ff. Und: Thomas Fischer, Ulrich Hauner: Die spätkeltische Industriesiedlung Berching-Pollanten aus archäologischer und geowissenschaftlicher Sicht, in: Die Oberpfalz, ein europäisches Eisenzentrum, Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern, Bd. 12/1, Theuern 1987, S. 39ff.

[2] Joseph Rebele, Polizeikommissär a. D.: Chronik der Stadt Berching, Abtheilung I, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Berching, Manuskript von 1931.

[3] Von diesem Grundwasser-Brunnen erzählte uns im April 2017 der 85jährige Klemens Bayerschmidt, der seinerzeit in der Hubgasse gewohnt hatte und eine Zeit lang auch Wasserwart der Stadt Berching gewesen war. Der Brunnen befand sich in etwa in Höhe des Hubhauses. Bei seiner Auflassung wurde im Brunnenschacht jener Torso eines gekreuzigtem Christus aus Stein gefunden, welcher heute in der Wand des Anwesens Hubstraße 9, Ecke Bindergasse, eingemauert ist.

 



Nachtrag vom April 2017:

Tonröhre der historischen Trinkwasserleitung von den Krapfenäckern zum Krapfentor

Ein Fund von Konrad Guttenberger

 

Berching im März 2017:

Einmal mehr wurde östlich der B299 für den Neubau einer Gewerbehalle der wertvolle historische Boden der Stadt Berching in einer Blitzaktion abgeschoben - ohne die notwendige und gesetzlich vorgeschriebene bodenarchäologische Untersuchung. Und das, obwohl das Gelände in diesem Abschnitt längst als äußerst fundträchtig erkannt ist: Nach dem allseits zugänglichen Denkmalatlas Bayern entspricht das dem Grundstück sich unmittelbar anschließende Areal einer Siedlung vor- und frühgeschichtlicher Zeitstellung; der Fundplatz ist deshalb unter der Nummer D-3-6834-0042 denkmalgeschützt.

Der Rudertshofener Konrad Guttenberger, dem einerseits der archäologische Wert dieses Terrains, andererseits das gestörte Verhältnis der Stadt Berching zum Denkmalschutz bestens bekannt ist, machte sich die Mühe, dem auswärts gelagerten Aushubmaterial dieses Grundstücks nachzugehen. Prompt fand er in dem verbliebenen Erdhaufen die Bruchstücke eines Tonrohrs mit Muffe aus dem Mittelalter, mit 62 cm Länge größer als die oben beschriebenen Rohre und damit einer weiteren Wasserleitung angehörig.

Wir haben die lädierten Teilstücke dieses Rohres inzwischen gereinigt und erneut zusammengesetzt, wobei ein kurzes Stück mit Modelliermasse ergänzt werden musste. Diesen nachträglich eingefügte Teil des Rohres haben wir bewusst rissebehaftet gelassen, um so das ergänzte Fremdmaterial und die Bruchränder zu markieren. Die folgenden Aufnahmen zeigen dieses größte der bislang gefundenen Wasserrohre von Berching aus verschiedenen Aufnahmepositionen. In dem Tonrohr findet sich, wie unschwer an der oberen Öffnung zu erkennen ist, eine dicke Schicht aus hartem Sinterkalk, entstanden durch die jahrzehntelangen Ausfällungen des stark kalkhaltigen Juraquellwassers.

Tonrohr von den ehemaligen Krapfenäckern, Fund von 2016.

Im Urkataster der Stadt Berching von 1822 ist aufgrund einer ausgewiesenen Feuchtzone gut zu erkennen, dass nordöstlich der sogenannten "Krapfer Äcker" einst ein Quellbach entsprang, der talwärts lief und dabei in eigenartiger Krümmung ein dreiecksförmiges Grundstück passierte. Die Funktion dieser für den Pflug nicht geeigneten Landzunge hat Peter Klink im Rahmen seiner Forschungen zu den Planungspentagrammen des Mittelalters inzwischen zweifelsfrei klären können: Es handelt sich um einen sogenannten "Zinken" (von lat. "signum" = Zeichen), d. h. um ein Schlüsselareal beim planimetrischen Aufriss der Stadt Berching im Frühmittelalter, an dessen Nordspitze der entscheidende, unverrückbaren Meß- und Peilpunkt der gesamten Stadtanlage festgelegt wurde. [Link]

Mehr über die Bedeutung solcher Landmarken findet sich unter den Forschungsarbeiten Peter Klinks. [Link]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser Meßzinken noch genau bekannt, wie der folgende Ausschnitt aus dem Berchinger Ortsblatt belegt. Man erkennt hier recht deutlich einen Markbaum, der das hohe Alter einer Grenzmarkierung belegt - Markierung noch vor Erfindung der Grenzsteine! -, sowie ein kleines Dreieck im Sinne eines späteren Polygon-Messpunktes:

Ausschnitt aus einem Katasterblatt aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Wahrscheinlich war die besagte Auslenkung, dieser "Haken" des Quellbaches, nicht nur für die angrenzenden "Krapfer Äcker", sondern auch für jenes Nordtor der Berchinger Vorstadt namensgebend, das heute "Neumarkter Tor" genannt wird, uns aber sehr viel spezifischer als "Krapfentor" schon von der ältesten Stadtansicht Berchings aus dem Jahr 1690 her bekannt ist: "Krapfen" oder "Krapfl" bedeutet nach Auskunft der namhaften Sprachforscher Dr. Wolfgang Janka und Prof. Dr. Anthony Rowley soviel wie "Haken" oder "Klammer", was gut zu dieser Geländesituation passt. [4]

Über das geologische Substrat des ehemaligen "Krapfen" bestehen keine Zweifel. Die Geologische Karte Bayern, die nebenbei auch den Bachlauf zeigt (allerdings relativ ungenau, ohne Auslenkung) weist an der betreffenden Stelle das Relikt einer eiszeitlichen Hangabrutschung aus, d. h. mit Malmkalkschutt durchsetzten Soliflutionslehm, liegend auf einer Terrassen-Sandbank. Ein hakenförmiger Ausläufer dieser wasserundurchlässigen Lehmscholle erklärt die Auslenkung des Bachlaufs plausibel.

Stark vergrößerter Ausschnitt aus der Geologischen Karte von Bayern, Maßstab 1:25000, München 1981. Man beachte den roten Pfeil.

Im Hochmittelalter wurde der Bach, der die Lehmscholle umfloss, in einer Tonrohr-Wasserleitung gefasst, welche unter Abkürzung des "Hakens" resp. "Krapfens" in relativ direkter Linie durch das "Krapfentor" in die Berchinger Vorstadt hinein verlief und vermutlich an jenem mächtigen Brunnen vor dem sogenannten Hirtenhaus endete, der auf unten stehender Fotografie noch erkennbar ist.

Ausschnitt aus dem Urkataster Berchings, mit der Flur "Krapfer Äcker". Diese Feldflur und der angrenzende Bachlauf, der ursprünglich im Bereich der Stampfer Mühle in die Sulz mündete (hellblaue Linie), aber zur Wasserentnahme in die Vorstadt umgeleitet worden war (gestrichelt dunkel-blaue Linie), scheinen einst mit dem Krapfentor eine Einheit gebildet zu haben. Dessen Wächter war vermutlich in Personalunion auch Pflasterzolleinnehmer und Wasserwart für diesen Teil der Wasserversorgung Berchings. Der ehemalige Brunnen vor dem Hirtenhaus ist mit einem violettem Punkt markiert, die anzunehmende Lage des Rohrstücks mit einem schwarzen Kreuz.

Die Förderleistung dieses Vorstadtbrunnens muss, wie man an der Dimension des gefundenen Tonrohres erkennen kann, enorm und vergleichsweise stärker als bei den anderen Stadtbrunnen gewesen sein. Dies stand eventuell damit in Zusammenhang, dass zu bestimmten Zeiten das Brunnenwasser auch zur Viehtränke benötigt wurde. Märkte mit überregionalem Triebvieh waren nämlich einst aus seuchenhygienischen Gründen nicht in der Stadt Berching selbst, sondern eben vor dem Krapfentor abgehalten worden.

Zuletzt wird allerdings die Wasserschüttung der Zuleitung stark nachgelassen haben. Dies erkennt man an den dicken Kalkschichten im aufgefundenen Rohr, dem einzigen Überbleibsel dieser einst bedeutsamen Wasserleitung.

Der Brunnen vor dem Hirtenhaus arbeitete offensichtlich nach dem artesischen Prinzip, so dass er kein Pumpwerk benötigte. [Link] Sein Aufbau, mit einem großen Pfosten aus Stein oder Holz und einem möglicherweise höhenverstellbaren Auslauf, ist auf einer Photographie aus der Zeit der Jahrhundertwende noch gut zu erkennen. Das ganze Ensemble in der nördlichen Vorstadt - Hirtenhaus, Krapfentor und Brunnen - wirkt vergleichsweise recht alt, es stammte vermutlich in toto aus der Zeit vor 1500, vielleicht sogar aus noch früherer Zeit.

Der alte Brunnen am Hirtenhaus im Detail: Das auskragende Teil ist wohl ein Holz- oder Bleirohr, an dessen Ende das Wasser entnommen wurde. Ein Pumpschwengel resp. ein Pumpwerk sind nicht zu erkennen, beides war wegen der natürlichen Gefälles der Zuleitung und des permanent vorhandenen Wasserdrucks nicht nötig. Die Sockelabdeckung entspricht am ehesten dem Auslauf des Brunnens, eventuell befand sich im Boden ein größeres Wasserreservoir für Notzeiten. Die Brunnensäule könnte, wenn sie nicht aus Holz bestand, ein mächtige Steinsäule gewesen sein.

Heute ist von all diesen Strukturen nichts geblieben: Schon mit dem Bau des Ludwig-Kanals 1836 bis 1839 wurde der "Krapfen" des Quellbaches ganz abgetragen, wegen der Austiefung des Geländes wurde dabei auch die alte Tonwasserleitung obsolet. Ein Weiterbetrieb ist grundsätzlich denkbar, falls man mit einer neuen Leitung das Kanalbett unterquerte, was heute nicht mehr verifizierbar ist. Wahrscheinlicher erscheint uns aber die Einstellung des Betriebs.

Der Brunnen als solcher überlebte noch einige Zeit (dann wohl funktionslos), verschwand dann aber ebenfalls, wie alte Fotografien belegen - noch vor dem Abriss des Hirtenhauses, das im Jahr 1904 der Spitzhacke zum Opfer fiel. Nur das Krapfentor ist geblieben. Es präsentier sich allerdings heute, jüngst der Anlehnung des Pflasterzollhauses beraubt, in schwachbeinigem, heruntergekommenen Zustand spiegelt nichts vom alten Ensemble wieder. [Link] Erhalten hat sich auch der Quellhorizont jenseits der Bundestraße. Seine Feuchtzone begrenzt das Areal der Helios-Klinik, der kanalisierte Bachlauf speist heute einen kleinen Teich im Park der Klinik. Die folgende Satellitenausnahme vom April 2017 zeigt in Überprojektion mit dem ALS-Bodenprofil die derzeitige Situation. Das schwarze Kreuz markiert den vermuteten Lageplatz des geretteten Tonrohres.

Das Areal der Helios-Klinik Berching. Gelb das abgeschobene und nivellierte Grundstück, in dessen Abraummaterial sich das Tonrohr fand (schwarzes Kreuz). Blau die heute noch wasserführenden Teile des Quellhorizonts, grün die dazugehörige Feuchtzone.

 


Fussnote:

[4] Der Name des Tores hat nichts mit dem Gebäck "Krapfen" zu tun. Nach einer Urkunde des Klosters Reichenbach am Regen von 1390 wird ein Weinberg in Brennberg (Bayerischer Vorwald) das niedere "Kräpfl" genannt. "Krapfen/Krapfe" war demnach im 14. Jahrhundert als Toponym in Gebrauch. Zur Wortbedeutung folgt ein Auszug aus einem Mailwechsel mit Hans Dichtl, zum Krapflurm in Geisenfeld und Krapfentor in Berching: Hans Dichtl übermittelte uns folgende Stellungnahme des Philologen Dr. Wolfgang Janka (aktuell Universität Passau), gerichtet am 23. Oktober 2015 an den bekannten Dialektologen Prof. Dr. Anthony Rowley, Redaktionsleiter des Bayerischen Wörterbuchs: "... Zur Verbindung mit den Grundwörtern -tor und -turm habe ich keine Parallele gefunden, im Bereich der bayerischen Ortsnamen lässt sich - zumindest in heutigen Namenformen - das Bestimmungswort Krapfen-/Krapfl- nachweisen: Krapfenau (Lkr. Ansbach), Krapflhof (Lkr. Schwandorf) und Krapfenberg (Lkr. Rottal-Inn). Leider liegen mir zu keinem dieser Namen historische Schreibformen vor, so dass ich nur erste Ansatzmöglichkeiten liefern kann: Für das Appellativ mhd. 'krapfe' sind Bedeutungen wie 'Haken, Klammer, Türangel, Sparren' verzeichnet (Lexer I, Sp. 1217), die evtl. auch bei den angefragten Namen Krapfentor und Krapflturm eine Rolle spielen können ..." Vgl. hierzu auch das Grimm'sche Wörterbuch von 1869, Sp. 2065-2066: "Krapfen, fibulare, zu krapfe haken, nur in einkrapfen, zusammenkrapfen configere...", "Kräpflein, n. häkchen, ahd. chraphili uncinus, mhd. krepfelîn; z. b. von weinranken..." und "Krapfstein, s. kragstein, und kämpfer..."