Ausgewählte Planstädte im ehemaligen Nordgau

mit Planzeichnungen von Peter Klink und Erläuterungen von Werner Robl

 

Für Interessenten in den Landkreisen Neumarkt und Roth stellt Peter Klink 4 seiner Pläne zu den Städten Neumarkt, Freystadt, Hilpoltstein und Berching mit den eingezeichneten Achsen und Pentagrammen zur Verfügung.

Alle 4 Städte sind Gründungen von Agnaten-Familien der burggräflichen Pabonen zu Regensburg. In ihren planerischen Grundzügen sind sie Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts vermessen und gegründet worden. Von den Pabonen ist wiederum bekannt, dass sie sich in besonderer Weise der Architektur, Kunst und Kultur verschrieben hatten. Kein Wunder also, wenn sich gerade bei ihnen die geschilderten Prinzipien der mittelalterlichen Agrimensur verorten lassen.

Bei den Kommentaren beschränken wir uns auf die wichtigsten Eckpunkte. Eine genauere Analyse hat nur Sinn für denjenigen, der sich intensiver mit der Klink'schen Entdeckung auseinandergesetzt hat. Durch Klick auf die jeweiligen Pläne gelangt man zu jeweils vergrößerten Abbildungen, welche auch die Details erkennen lassen.

Neumarkt in der Oberpfalz

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Das Gründungs-Pentagramm, das vornehmlich den Stadtmauerring von Neumarkt definiert, hat Peter Klink im Urblatt Neumarkts bereits vorgegeben. Über eine Mittelgerade orientiert es sich vornehmlich an der Sonnenuntergangsbahn zur Zeit der Wintersonnenwende (21.12.), welche auf der Gegenseite auch die Sonnenaufgangsbahn zur Zeit der Sommersonnenwende (20.06.) beschreibt. Unter dem Beleuchtungsaspekt war die zweite Funktion dieser Lichtachse für die mittelalterlichen Stadtplaner allerdings nachrangig.

Dass dem Neumarkter Stadtmauerring in der Tat das eingezeichnete Pentagramm zugrundeliegt, ist durch zwei Phänomene zu beweisen und durch weitere zusätzlich zu untermauern:

Zusätzlich weist die nördliche Pentagramm-Spitze auf das nördliche Haupttor der Stadt, das sog. Untere Tor, die westliche Spitze auf ein Nebentor oder einen Turm an der Grünbaumwirtsgasse (eine Struktur, die inzwischen aufgelöst ist) und die südöstliche Spitze mit geringer Missweisung auf einen markanten Mauerknick. Zwei weitere Knicke der Ringmauer stehen sich exakt diametral gegenüber und  liegen auf der Sonnenaufgangsbahn zur Zeit der Wintersonnenwende und der Sonnenuntergangsbahn zur Zeit der Sommersonnenwende. Wenn sich solche Phänomene häufen, dann lassen sie sich nicht durch den Zufall erklären: Obendrein schneidet sich die Mittelgerade der Südostspitze des Pentagramms exakt an der Stelle mit der Verbindungsgeraden zweier Innenwinkel im rechten Winkel, wo einst der große Marktbrunnen stand - ein unverrückbarer, zentraler Hauptmesspunkt.

 Auffallenderweise fluchtet der nordwestliche Schenkel des Pentagramms exakt mit der gesamten Grünbaumwirtsgasse, der nördlichen Kante des Rathauses und dem Südost-Flügel des Pfalzgrafen-Schlosses - an einer Schlüsselstelle der Stadt: Nur wenige Meter entfernt fand man beim Bau einer Tiefgarage im Jahr 1979 Reste einen Brunnens innerhalb eines Rundturmes, den man heute als Überbleibsel der ersten Burganlage Neumarktes deutet. Im 12. oder 13. Jahrhundert folgte hier eine 3-jochige Halle mit 8 Säulen, die von manchen Auten mit der ersten Synagoge Neumarkts in Verbindung gebracht wird. Beide Gebäude waren wohl in den ersten Mauerring der Stadt einbezogen, auf dessen Knick der Pentagrammpfeil weist. Das Pfalzgrafenschloss entstand erst erst geraume Zeit später!

Doch nicht genug damit:

Peter Klink hat zwei bogenförmige Ringmauersegmente mit Umkreisen definiert, welche vor Errichtung der Stadt  mit der langen Schnur um einen Aufgangs- oder Zirkelpunkt herum ausgesteckt worden sein müssen. Der Zirkelpunkt für das nordwestliche Mauerringsegment liegt exakt auf dem südwestlichen Schnittpunkt zweiter Pentagramm-Schenkel. Der zweite Zirkelpunkt für die südliche Mauerrundung (im Bereich des Pulverturms) lag einst exakt auf dem Schnittpunkt zweier Mittelgeraden des Pentagramms, wobei die von NNW nach SSO verlaufende Mittelgerade exakt den Verlauf der zentralen Marktstraße durch die beiden Haupttore der Stadt, Oberes und Unteres Tor, beschreibt.

Vom Lichteinfall der Sonne bei ihrem Untergang im Winter profitierten am meisten die Quergassen der westlichen Stadthälfte, vor allem die Grünbaumwirtsgasse, die Hallertorstraße, die Türmer-, Ulmer-, Kammer- und Zißlergasse und der Viehmarkt (früher Schweinemarkt), auf der Gegenseite der Marktstraße die Rosen-, Brunnwirts-, Bockwirts- und Herzgasse sowie einige weitere kleine Gässchen und die nördlichen Ringmauergassen.

Dass im Gegensatz zur Stadt Pfullendorf der Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende in Neumarkt planungstechnisch keine Rolle spielte, braucht nicht verwundern: Im Osten der Stadt lag der hohe Hauptkamm des bayerischen Jura, der die Sonnenaufgänge so oder so stark verzögerte. Deshalb holte man sich für die betreffenden Gassen das zusätzliche Tageslicht lieber am Abend als am Morgen. Wenn die Sonne im Winter allerdings bereit höher hinter den Bergen aufgestiegen war und sich dem Zenit näherte, kam ihr Licht den großen Längszügen der Stadt zugute. Gemeint sind die Straßen, welche sich parallel zur Marktstraße ergeben und von SSO nach NNW ziehen, z. B. die Kastengasse, der Rainbügl, die Kirchen-, Fischer-, Bräu-, Heu, Hafner- und Spitalgasse u. a..

Der Sonnenbahn zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen, also der exakten Ost-West-Richtung, folgte in Neumarkt mit leichter, oben begründeter Missweisung vornehmlich die Achse der Pfarrkirche St. Johannes, durch welche im rechten Winkel auch der westliche Schenkel des Pentagramms zog. Ein wichtiger Schnittpunkt der Pentagramm-Schenkel, den man an sich an der Außenseite der Kirche erwarten sollte, liegt allerdings wenige Meter weiter nördlich, mitten im Freien. Im Hinblick auf die Entstehungsgeschichte von Neumarkt sind wir uns relativ sicher, dass hier zur Zeit des Stadtentwurfs der abgegangene  Vorgängerbau der Pfarrkirche, die Kirche St. Georg stand, die von uns wegen des relativ spezifischen Patroziniums und den Zeitumständen mit den Templern von Berngau, der Urpfarrei Neumarkts, in Verbindung gebracht wird. Man vergleiche hierzu unsere Arbeit zu den Templern im Nordgau, S. 72, Fußnote. Auch hier lag also ein wichtiger Knotenpunkt der Stadt!

Die Klink'sche Karte zu Neumarkt enthält weitere Details, die sich der Leser selbst erschließen mag.

Vielleicht noch ein paar abschließende Worte zum Unter-Pentagramm oben, welches seine Nordspitze ebenfalls im Unteren Tor hat. Dessen nordwestliche Spitze weist auf die bogenförmige Glasergasse. Hier zeigt der Urkataster eine Reihe von radiären Klein-Parzellen oder Zinken (von lat. "Signum"). An der nordöstlichen Spitze des Klein-Pentagramms liegt der gemeinsame Fluchtpunkt. Auch dieser Messpunkt muss zur Zeit der Stadtgründung von besonderer Bedeutung gewesen sein, sonst hätte man ihn nicht eigens mit diesen funktionell ungünstigen, aber signifikanten Grundstückskeilen markiert!

Unser Resümee zu Neumarkt:

Neumarkt ist eine Planstadt des späten 12. Jahrhunderts, deren Grundriss sorgfältig nach Pentagrammen und Lichtachsen konstruiert wurde. Sie gibt die von Peter Klink gefundenen Regeln und Figuren des Städtebaus geradezu idealtypisch wieder!

Freystadt

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Freystadt ist wie Hilpoltstein eine Gründung der Herren von Stein, die wir zu den Pabonen-Agnaten zählen. Die Umstände und der genaue Zeitpunkt der Stadtgründung liegen im Dunkeln. Als Freystadt 1298 erstmals urkundlich erwähnt wurde, war es allerdings bereits ein prosperierendes Gemeinwesen mit einer eigenen Judengemeinde, insofern dürfte die eigentliche Gründung auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu veranschlagen sein.

Aufgrund seiner hoch regelmäßigen Anlage ist im Grunde genommen von vornherein klar, das Freystadt im Gegensatz zu Hilpoltstein trotz gleicher Grundherrschaft keine nach und nach gewachsene Ansiedlung war, sondern eine Planstadt aus der Retorte, die auf der grünen Wiese in einem Guss errichtet wurde.

Diese Situation einer Planstadt gibt auch das obige Urblatt aus der Zeit um 1820 wieder. Auf den ersten Blick wird klar, dass bei Freystadt im Gegensatz zu Neumarkt die Lichtachsen eine vorrangige, wenn auch nicht ausschließliche Bedeutung hatten. Der längs-rechteckige, lang gezogene Marktplatz mit seinem Rathaus und den beiden Stadttoren, aber auch ein Großteil der beiden Parallelstraßen nördlich und südlich des Marktes, Schwall- und Kirchengasse, folgen exakt den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zur Zeit der Wintersonnenwende am 21. Dezember. Angesichts der freien Lage in relativ flachem Gelände und des Fehlens von größeren Bergen in der Umgebung war es also möglich, bereits das Licht und die Wärme der frühen Morgensonne in die Stadt zu tanken und damit den Bürgern die schnellstmögliche Aufnahme der Tagesarbeit zu ermöglichen.

Auch der lineare Anteil der nordwestlichen Stadtmauer folgt exakt einer Sonnenachse, nunmehr der sommerlichen Aufgangs- und winterlichen Untergangsachse.

Das südwestliche Stadtmauer-Segment beschreibt einen großen Kreisbogen, dessen Zirkelpunkt im freien Nordosten der Stadt auf der Mittelgeraden eines nach oben gespiegelten Pentagramm-Pfeils liegt. Das Haupt-Pentagramm der Stadt selbst ergibt sich aus der abgegangenen Nord-Ecke der Stadtmauer und ihrer noch vorhandenen Ost-Ecke. In diesen Ecken liegen zwei Spitzen des Pentagramms, während die Mitte des südwestlichen Kreis-Segmentes der Stadtmauer den Mittelpunkt des Pentagramms bildet. Über die vier nördlichen Ecken des Pentagramms wird das gesamte Stadt-Trapez aufgespannt. Der nordöstliche Innenwinkel des Fünfecks liegt exakt in der südlichen Baulinie des Marktplatzes.

An der nördlichen und östlichen Spitze des Pentagramms lassen sich zwei Unter-Pentagramme konstruieren, die ihren Mittel- und Schwerpunkt wiederum exakt auf der Achse der Marktstraße haben. Mit ihren nordöstlichen Spitzen bestreichen diese Klein-Pentagramme weite Teile der Stadtmauer zu drei Seiten, im Südwesten beschreiben sie exakt die südliche Bauflucht der zurückgesetzten zweiten Häuserzeile der Stadt.

Der im Osten einspringende Innenwinkel des östlichen Unter-Pentagramms liegt exakt am sakralen Raum des Bürgerspitals, so dass diesem Punkt eine besondere Bedeutung zukommt. Die Pfarrkirche wiederum ist nach der Tag- und Nachgleichen geostet, was auf das relativ hohe Alter bzw. eine mittelalterliche Vorgängerstruktur hinweist. Knapp nördlich davon beschreibt der obere Schenkel des nördlichen Unter-Pentagramms genau dieselbe Kirchenachse.

Der kurze südöstliche Linear-Abschnitt der Stadtmauer lässt sich zwar nicht exakt aus den Pentagrammen ableiten, stellt jedoch ein exaktes Spiegelbild des nordwestlichen Mauerabschnittes am anderen Tor dar, wobei die Spiegelachse wiederum die Mittelgerade des Groß-Pentagramms ist.

Alles in allem erkennt man deutlich, dass auch in Freystadt nichts dem Zufall überlassen, sondern von vornherein alles exakt geometrisch geplant wurde. Allerdings verfügte die sehr regelmäßig aufgebaute Planstadt von Beginn ihrer Existenz an über nur verhältnismäßig wenig Grundbesitz. Insofern war Freystadt wohl von Anfang an weniger als Ackerbürgerstadt, sondern als diejenige Handelsstadt konzipiert worden, die es heute noch darstellt.

Hilpoltstein

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Hilpoltstein mit seiner Burg, dem Sitz der Gründungsherren von Freystadt, hat es bezüglich der Planungsidee Herrn Klink zunächst nicht leicht gemacht.

Sicherer Boden war erst erreicht, als die Nord-West-Ecke der heutigen Kirche als Mittelpunkt eines relativ kleinen Planungs-Pentagramms identifiziert war, dessen westliche Spitze hinunter in die Hauptgasse der Vorstadt, die Zwingerstraße, reichte, wo einst auch eines der Stadttore lag.

Der südliche Schenkel dieser Spitze entsprach dabei der Sonnenaufgangsachse zur Zeit der Wintersonnenwende. Die Kirchen- und Zwingerstraße erhielten dadurch ihr frühes Licht, desgleichen Anteile der im Süden gelegenen Siegert- und Heideckerstraße.

Die Pfarrkirche von Hilpoltstein, St. Johann Baptist, war analog zu den zuvor genannten Beispielen relativ exakt geostet, was vorwiegend religiöse Gründe hatte.

Wenn man aus dem nordwestlichen und südwestlichen Schenkel und der nördlichen und östlichen Spitze des Pentagramms von Hilpoltstein eine zusätzliche Raute resp. einen Drachen als geometrische Figur konstruiert und um Figurbreite nach Südosten verschiebt, erreicht man exakt die Fluchten der Burg Hilpoltstein und die östliche Linie der Stadtmauer. Auch hier herrschte also nicht das Zufallsprinzip, sondern exakte geometrische Planung.

Eine zur östlichen Stadtmauer senkrechte Gerade schneidet wiederum exakt durch die beiden südlichen Eckpunkte/Ecktürme der Stadtmauer, wobei allerdings der südliche Mauerabschnitt ein im seitlichen Torbereich gering gekerbtes Kreis-Segment beschreibt. Der Zirkelpunkt des Umkreises liegt wiederum exakt im zentralen Brunnen des Ortes, unmittelbar nördlich des Rathauses, was ebenfalls kein Zufall ist. Exakt durch diesen Brunnen schneidet auch eine zweite Konstruktionslinie, die sich aus der Mittelgeraden eines an das Haupt-Pentagramm angelehnten weiteren Pentagramm-Segments (mit der Spitze nach Nordwesten) ergibt. Seine Spitzen beschreiben ausnahmslos markante Fluchten und Punkte.

Über den nördlichen Pfeil des Haupt-Pentagramms lässt sich nach Süden ein weiterer, nunmehr relativ großer Pentagramm-Pfeil herausspiegeln, dessen Spitze direkt im südlichen Mauertor landet.

Das mittelalterliche Nordwestviertel der Stadt trägt heute keine Stadtmauer mehr; es wirkt von oben im Bereich des Spitalwinkels relativ planerisch unruhig bzw. in der Originalstruktur aufgelöst, wobei vielleicht auch Erweiterungen des Burgareals und die Pfalz-Neuburgische Errichtung von Amts- und Repräsentanzgebäuden in der Neuzeit eine Rolle spielten. Eines davon, nämlich der Saalbau der Neuburger Stadtresidenz von 1619 (heute Finanzamt), fluchtet allerdings mit den oben beschriebenen Rauten. Außerdem lässt sich die Nord-Ost-Ecke der Burg wie das abgegangene Stadttor, das zur Mühle am Stadtweiher hinausführte, in exakter Flucht auf den nördlichen Schenkel des Haupt-Pentagrammes projizieren. Weitere Erkenntnisse über die Stadtplanung lassen sich in dieser Ecke Hilpoltsteins allerdings nicht gewinnen.

Alles in allem scheint der mittelalterliche Agrimensor, der den Gründungsplan der Stadt Hilpoltstein entwarf, zwar geometrisch exakt, vergleichsweise aber relativ unkonventionell vorgegangen zu sein.

Die Achse, die durch den Aufgang der Sonne im Sommer und ihren Untergang im Winter bestimmt wird, scheint mit Ausnahme des südlichen Teils der Marktstraße (vormals Viehmarkt)  keine große Rolle gespielt zu haben. Möglicherweise war dies aber auch nicht nötig, da das Stadtareal vom Burgberg im Nordosten hinab zu den Auen des Gänsbaches eine nach Süd-Westen gerichtete Hangneigung aufweist und dadurch insgesamt lichtbegünstigt war. So bleiben einzelne Straßenzüge im Gesamtplan ohne planerisches Korrelat; ihr Verlauf hatte sich eventuell schon ergeben, als Hilpoltstein noch überwiegend Burg und noch nicht Stadt gewesen war.

Für den Bereich der Hintergebäude des Gasthauses Schwarzes Roß, die heute das Stadtmuseum enthalten und eine burgartige, aus dem Stadtmauerzug ausspringende Basis aufweisen, hätten wir uns einen planerischen Bezug erwartet, wurden aber abgesehen von der Flucht in der nach Südwesten verlaufenden Lichtachse nicht fündig.

Der intentionalen Stadtplanung Hilpoltsteins mit Pentagramm und Lichtachsen tut dies jedoch keinen Abbruch!

Berching

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Die ehemalige Hochstiftstadt Berching zeigt mehrere Bauphasen:

Es ist frappierend, dass sich trotz dieser mehrfachen Umgestaltung und Erweiterung auch in Berching die Kriterien der Stadtplanung nach den Lichtachsen und dem Pentagramm nachweisen lassen, und sich die Bestandteile aufeinanderfolgender Bauphasen an die primär ermittelten Messpunkte und Fluchten gleich adaptieren. Das archaische Mess-System wurde also über 1000 Jahre Stadtentwicklung nie aufgegeben!

Die Planzeichnung Berchings aus der Hand Peter Klinks zeigt analog zum Plan von Freystadt, dass die mittelalterlichen Agrimensoren, die einst diese Stadt auf dem Pergament aufrissen, einzelne Zirkel- und Peilpunkte weit aus der künftigen Stadt herausverlagerten. Wir haben uns erlaubt, in der Zeichnung die vermutetete Lage des karolingischen Königshofes als blaß-grübe Fläche nachzutragen. Seine Kardinalachsen ergeben sich zwanglos aus dem Hauptpentagramm, seine Begrenzungslinien leiten sich aus weiteren Unterpentagrammen ab, die wir jedoch aus Gründen der Übersicht weggelassen haben.

Das zentrale Haupt-Pentagramm von Berching umschließt Teil des Sulz-Aue, der Vorstadt und des ehemaligen fränkischen Königshofes und greift nur mit seiner westlichen Spitze auf die Weststadt hinüber. Da die Mittelgerade der West-Spitze exakt die aus der Ost-West-Richtung verschobene Querachse des karolingischen Königshofs beschreibt und ihr Süd-Schenkel exakt mit der geosteten Karolinger-Kapelle (heute St. Lorenz) fluchtet, wurde dieses Planungs-Pentagramm entweder schon von den Karolingern im 8. Jahrhundert entworfen oder spätestens von den Pabonen des späten 12. Jahrhunderts angelegt - dann aber so, dass es die alten karolingischen Strukturen, die im weltlichen Teil der Vorstadt längst aufgegeben waren, noch berücksichtigte und ins Gesamtkonzept integrierte. Wir selbst bevorzugen die erste Annahme, allerdings ohne letztendlich Gewissheit zu haben.

Die Nord-Ost-Spitze des Pentagramms beschrieb als markanten Punkt exakt die Lage des Neumarkter Tors (auch Krapfen-Tor genannt), dessen heutige Substanz aus dem späten 15. Jahrhundert stammt, das von der Anlage her aber durchaus viel älter sein kann. Die Peilpunkte von Toren lagen übrigens nie in der Verkehrsachse selbst, sondern immer knapp daneben, da sie sonst im Lauf der Zeit verloren gegangen wären.

Die Nord-West-Spitze des Pentagramms liegt wiederum exakt auf der Nord-West-Ecke des barocken Klosterareals, seine Ost-Spitze tangiert die frühneuzeitliche Vorstadtmauer und deren einstigen Bachdurchlass aus dem Rachental im Osten (heute künstliches Tor zum sog. Schaidl-Garten). Die Süd-Spitze des Pentagramms liegt am Sulz-Ufer und beschreibt annähernd den Zirkelpunkt eines kleinen Umkreises, nach dem sich die gebogene Wegtrasse und die Häuserflucht der südwestlichen Vorstadt richteten. Es handelt sich um den Nachvollzug eines Altwegs, der wohl noch vor Errichtung der Stadt von Westen her kam, über eine Furt die Sulz überwand und auf deren Ost-Ufer nach Süden abbog und den Kreisbogen vorgab.

Der Süd-Schenkel des Pentagramms ist exakt in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Eine darauf senkrecht, also in Nord-Süd-Richtung projizierte Gerade definiert in der Vorstadt die Lage des südlich gelegenen Beilngrieser Tores - in exakter Flucht mit dem nördlich gelegenen Neumarkter Tor und weiten Teilen der östlichen Vorstadtmauer.

Der nordwestliche Schenkel des Pentagramms durchzieht seinerseits markante Punkte wie z. B. das Krapfen-Tor und den Bettelvogt-Turm, den wir für einen ehemaligen Torbau halten, von dem aus die sog. Kupferschmied-Gasse als Altweg über einen Steg oder eine Furt direkt hinüber ins Zentrum des Karolingerhofs führte. Er endet in der Westspitze des Pentagramms, die sich ins heutige Sparkassengebäude, einst wohl eines der Zentralgebäude der Weststadt, projiziert.

Diese Achse beschreibt auch die Lichtachse des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende und des Sonnenuntergangs zur Wintersonnenwende. Spezielle Auswirkungen auf den Verlauf der Vor- und Weststadt-Straßen hatte dies jedoch nicht, da Berching anders als andere Städte von den relativ hohen Hangflanken des Jura-Plateaus gesäumt ist und vor allem die Sonne im Osten stark verzögert aufgeht.

Die Mittelgerade der südlichen Pentagramm-Spitze fluchtet exakt mit dem genannten Zirkelpunkt im Süden der Vorstadt sowie mit der vermuteten Westgrenze des Karolingerhofs und endet weit nördlich der Stadt in einem weiteren Projektionspunkt bei der Stampfermühle, der noch besprochen wird.

Wie der Leser bereits erfahren hat, sind an Stadtmauer-Abschnitten besonders solche mit Kreisbögen interessant, weil sie meist auf einen signifikanten Zirkelpunkt verweisen. Im vorliegenden Fall beschränken wir uns auf den südlichen und östlichen Bogen der großen Stadtmauer, wenngleich auch der nördliche Mauerzug angedeutete Bogenform aufweist. Der östliche Kreisbogen hat einen Zirkelpunkt südwestlich der Stadt, der mit der westlichen Stadtmauer exakt fluchtet und sein Pendant an einzelnen Stellen der alten Feldraine findet. Die südliche Stadtmauer bildet einen weit geschwungenen Kreisbogen. Ihr Zirkelpunkt liegt in dem soeben genannten Projektionspunkt bei der Stampfermühle!

Ein weiterer Kreisbogen ergibt sich aus der nördlichen Baulinie am zweiteiligen Marktplatz der Weststadt, dessen Zirkelpunkt liegt im Bereich einer ehemaligen Sulzbrücke im Norden und ergibt sich perfekt aus einer Mittelgeraden des nach Norden gespiegelten Hauptpentagramms. Die Ostspitze dieses weiteren Pentagramms weist auf eine dreiecksförmige Feldspitze (Zinken = Signum nach P. Klink), die über alle Zeiten bewusst so belassen wurde, um einen wichtigen Bezugspunkt zu markieren. Solche Parzellen-Auffälligkeiten in den alten Katasterplänen (hier von 1822) eignen sich hervorragend, um die alten Planungsprinzipien aufzudecken.

Die Lichtachse der Wintersonnenwende, die den Sonnenaufgang beschreibt (und in der Verlängerung nach Nordwesten auch den Sonnenuntergang zur Zeit der Sommersonnenwende), beschreibt wiederum eine Linie, welche exakt von der Südspitze des Hauptpentagramms über den bereits genannten Stadtpunkt innerhalb der Sparkasse weiter durch das Gredinger Tor im Westen zieht. Einmal mehr waren also mit dieser Achse markante Stadtpunkte definiert. Auffallenderweise knickt der westliche Teil des Reichenau-Platzes in genau derselben Richtung ab, so dass er und das Gredinger Tor zur Zeit der Wintersonnenwende das erste Licht der Stadt erhalten.

Auch der Rest des Reichenau-Platzes und der Pettenkofer-Platz, also die größten Stadtplätze überhaupt, folgten grob dieser Richtung, so dass auch sie im Winter vom Lichteinfall begünstigt sind, wenngleich auch nicht im gleichen Ausmaß wie der Westteil. Je weiter das neue Jahr voranschreitet, fällt auch von Westen her das Licht der Abendsonne in die Stadt ein, allerdings auch hier nur bedingt, da den letzten Strahlen der Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende der im Westen gelegene Weinberg (heute Hangleite) ein Hindernis entgegensetzt. Dasselbe gilt für den zusammen mit dem Pfarrplatz in leichter Schrägposition kommunizierenden Grabmann-Platz.

Der Rest der Straßen und Gassen in der Weststadt richten sich schachbrettartig nach den Nord-Süd- und den Ost-West-Fluchten, wobei die nördliche Bindergasse wiederum genau mit der nördlichen Vorstadtmauer fluchtete. Die Vernachlässigung der winterlichen Lichtachsen in den meisten Nebenstraßen war wohl der ausgesprochenen Tallage Berchings geschuldet, die die Bedeutung jeden Sonnenauf- und -untergangs stark minderte.

Interessanterweise schnitten sich diese für den Lichteinfall nur bedingt tauglichen Sonnen-Achsen ein weiteres Mal am Ende des Reichenau-Platzes, kurz vor dem Gredinger Tor (beim Buchstaben -e- des Wortes Viehmarkt). Hier, im Bereich des Stadtbaches, lag einst ein Stadtbrunnen als spezieller Markierungspunkt. Wenn man vom äußesten Süd-West-Turm der Stadtmauer knapp westlich vorbeigeht und durch die Nordostecke der großen Stadtmauer eine Gerade nach Nordosten zieht, so erreicht man damit erneut jenen schon vorbeschriebenen, weiter außerhalb der Stadt gelegenen Fluchtpunkt (in der Karte mit K-Punkt bezeichnet), der auch der Zirkelpunkt der südlichen Weststadtmauer ist. Dieser Punkt lag zum Gründungszeitpunkt direkt an einem scharfen Knick des östlichen Sulzarms, dem Mühlbach der frühneuzeitlichen Stampfermühle, ca. 250 Meter nördlich derselben.

Bleibt als letzter Punkt zu erwähnen, dass die Gerade, die vom Gredinger Tor über die West- und Südspitze des Hauptpentagramms läuft, die Nordostecke der nicht geosteten Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt tangiert, und eine weitere Gerade, die vom Südwestturm der Stadtmauer zum heute verlorenen Südostturm der Vorstadtmauer führt, exakt die Längsachse der Kirche darstellt. Diese Phänomene sind sicherlich kein Zufall, auch sie hatten ihre spezielle Bedeutung.

Soweit zum planimetrischen Aufriss von Berching per Pentagramm.

Am Gründungs-Pentagramm Berchings, seinem Bezug zum ehemaligen Karolingerhof mit der Karolingerkirche und vielen weiteren Markierungspunkten gibt es keinen Zweifel. Aufgerissen wurde es frühstens um 740 n. Chr., spätestens zum Ende des 12. Jahrhunderts. Die Bischofsstadt im Westen, welche vermutlich erst nach dem Gaimershaimer Vertrag von 1305, in dem Berching von der Grafschaft Hirschberg auf den Bischof von Eichstätt überging, so richtig aufgebaut wurde, hatte zur Ursprungsplanung zunächst nur geringe Bezüge, wurde aber dann durch eine Spiegelung des Hauptpentagramms nach Norden vollends erfasst. Die Lichtachsen spielten in Berching angesichts der tiefen Tallage eine nachrangige Rolle, wenngleich sie durchaus an zentralen Wegeachsen nachzuweisen sind.

 

 

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