Der Turm von Jericho

© Werner Robl

 

Die Stadt Jericho (heute Ariha) liegt in den palästinensischen Autonomiegebieten am Westufer des Jordan und gilt als die älteste Stadt der Welt. Schon im 10. Jahrtausend v. Chr. wurde Jericho als Siedlung auf dem Bergrücken Tell es-Sultan gegründet, eine Mauer ist bereits für die Zeit zwischen 8050 und 8000 v. Chr. nachgewiesen. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Stadt ca. 3000 Einwohner. Jericho bestand fort bis in die späte Bronzezeit, um 1550 v. Chr. wurde sie zum ersten Mal zerstört. Für die biblische Fall der Mauern Jerichos, der im Buch Joshua referiert wird, fanden sich bisher keine archäologischen Hinweise. Im betreffenden Zeitraum im 14. Jahrhunderts v. Chr. besaß Jericho gar keine eigene Stadtmauer, so dass eventuell die vorherige Zerstörung von 1550 v. Chr. in die biblische Erzählung eingeflossen ist. Spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts vor Chr. war Jericho nur noch ein verlassener Ruinenhügel.

 

Heute ist der der Bergrücken Tell es-Sultan, auf dem einst Jericho thronte, eine Grabungstätte - gut erkennbar auf der folgenden Luftaufnahme.

 

Im Tell es-Sultan fanden sich für einen Zeitraum von ca. 11500 Jahren nicht weniger als 23 aufeinanderfolgende Kulturschichten, darunter in einer der untersten der sogenannte Turm von Jericho, der 1952 entdeckt wurde. Dieser 8, 25 m hohe Turmstumpf mit einer steilen Innentreppe wird dem präkeramischen Neolithikum A, d. h. dem 9. Jahrtausend v. Chr. zugerechnet; es handelt sich demnach um den ältesten Turm und die älteste Treppe der Welt!

Folgende Aufnahme klärt die tiefe Fundsituation des Turmes und die noch primitive Ausführung mit unbehauenen Bruchsteinen.

 

Eine Publikation aus dem Archäologischen Institut der Universität Tel Aviv mit dem Titel "Casting a shadow on Neolithic Jericho" von 2008 weist mit plausiblen und nachvollziehbaren Argumenten darauf hin, dass dieser Turm inklusive seiner Treppe (bei einem Azimuth von 290°) exakt nach dem Sonnenuntergang am Tag der Sommersonnenwende ausgerichtet wurde.

Genauer gesagt lag der höchste Punkt dieses Turm am Abend des 21. Juni um ca. 18 Uhr 25 noch im Licht der bereits hinter den westlichen Berggipfeln untergehenden Sonne und glühte unter den letzten Sonnestrahlen förmlich auf, während die Stadt selbst bereits im Dunkeln lag. Kurz zuvor, als der Schatten des Berges im Westen bereits an den Turm leckte, hatte sich der Schatten des Turmes immer mehr bis zu einem bestimmten Punkt in der Stadt hin verlängert. Der Turm entstand genau zu der Zeit, als sich in der Levante der Übergang vom Nomadisieren zum Sesshaftwerden der Bevölkerung, zu Ackerbau und Viehzucht vollzog.

Folgende Bilderserie der genannten Arbeit von R. Liran und R. Barkai aus dem Jahr 2008 verdeutlicht in einer Google-Sketch-Up-Simulation die Wanderung der Schatten bis zum Sonnenuntergang.

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Mit Hilfe der Seite "www.sonnenverlauf.de" haben wir die Sonnenbahn von Jericho am Tag der Sommersonnenwende überprüft.

Der Sonnenaufgang im Nordosten der Stadt (gelbe Linie) scheint von untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein. Man beachte aber, dass die horizontale Lichtachse des Sonnenuntergangs (dunkelrote durchgezogenen Linie) wegen des westlichen Gabal al-Quruntul, also jenes Berges, auf dem Jesus beim 40-tägigem Fasten in der Wüste den Versuchungen des Teufels widerstanden hatte, gar nicht erreicht wird, sondern auf eine Achse vorverlegt ist, die der gestrichelten roten Linie entspricht. Die Sonne ging also am 21. Juni knapp nördlich des Gipfels unter. Der blauen Punkt markiert die ungefähre Lage des Turmes von Jericho, der einst in einem erhabenen Mauerzug der ersten, noch primitven Stadtbefestigung lag!

 

Schon im 9. vorchristlichen Jahrtausend war also in Jericho der Sonnenuntergang am längsten Tag des Jahres mit seinen Schlagschatten in die Ausformung der Stadtbefestigung einbezogen worden. Es ist gut denkbar, dass der Turm eine besondere kultische Funktion hatte und vielleicht sogar mit einer Statue gekrönt war.

Baff erstaunt aber waren wir, als wir den Aufriss des Turmes betrachteten und dabei wahrnahmen, dass der Kegelstumpf exakt mit einer Flankensteilheit von 72° über einem Planungspentagramm entworfen worden war (gelbe Konturlinien). Aber auch die Achse der Innentreppe, die auf dem Grabungsplan mit 2 Abschnitten unterschiedlicher Steilheit dargestellt war, ließen sich aus Schnittpunkten dieses Pentagramms ableiten (blauen und violette Linien)!

 

Für unsere Spurensuche beinhalten die Befunde von Jericho  eine kleine Sensation:

Wenn nicht alles täuscht, dann handelt es sich hier um den frühesten Nachweis der Pentagramm-Geometrie, obendrein in Zusammenhang mit dem Verlauf der Sonnenbahn. Die vorherigen Spitzenreiter (Ringanlage Goseck 4800 v. Chr. und Keramikschale der Halaf-Kultur 5500 v. Chr.) werden damit um sage und schreibe 4 bis 5 Jahrtausende übertroffen!

Es steht zu vermuten, dass auch der erste Stadtentwurf von Jericho, der ca. 10000 Jahre vor unserer Zeit konzipiert wurde, ebenfalls auf der Pentagramm-Technik basiert. Zwar ist hier wegen des schlechten Erhaltrungszustandes eine Beweisführung nicht mehr möglich, aber immerhin fällt auf, dass der gesamte Bergrücken so überformt wurde, dass sich seine gemittelte Längsachse in ungefährer Richtung Nord-Süd genau im rechten Winkel zur Sonnenuntergangsachse im Sommer verhält!

Wer aber hatte den Steinzeitmenschen von Jericho die Geheimnisse der Pentagramm-Konstruktion verraten?

Die Frage muss leider ein weiteres Mal offen bleiben!

 

 

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