Das Verhängnis der Liebe in der Oper "Orpheus und Eurydike"

Das Zentralmotiv der Reformoper Glucks und Calzabigis im Vergleich mit den antiken Texten Vergils und Ovids

© Ein kleiner Betrag zur 11. Berchinger Literaturnacht am 18. Oktober 2013, Werner Robl

 

Die Liebesgeschichte von Orpheus und Eurydike ist zeitlos, sie reicht in den ersten Anfängen zurück in den nordgriechischen Raum des 5. Jahrhunderts vor Christus. Orpheus wird im Rhodope-Gebirge in Thrakien, dem heutigen Südbulgarien, als Sohn der Muse Kalliope geboren. Ausgestattet mit seiner Lyra, einem Geschenk des Gottes Apoll, gilt Orpheus als der beste Sänger der Antike; er betört damit alle Lebewesen gleichermaßen: Die Bäume neigen sich ihm zu, wenn er spielt, die wilden Tiere scharen sich friedlich um ihn, und selbst die Felsen rücken heran und weinen ob seines schönen Gesangs. Als seine geliebte Gattin Eurydike durch einen Natternbiss unerwartet zu Tode kommt, findet sich Orpheus mit dem Alleinsein nicht ab, sondern steigt hinab in die Unterwelt, um dort vom Herrscherpaar Proserpina und Pluto seine Gattin zurückzufordern. Er überzeugt schließlich die widrigen Mächte der Unterwelt und erhält Eurydike zurück - unter der einzigen Bedingung, dass er sich während des Aufstiegs aus dem Orkus nicht nach ihr umdrehen dürfe. Andernfalls sei Eurydike dem ewigen Tod verfallen! Genau bei diesem Aufstieg aus der Unterwelt geschieht dann das Unfassbare …

Der römische Dichter Publius Vergilius Maro fasste um 30 v. Chr. erstmals die verschiedenen Sagenstränge zu Orpheus und Eurydike zusammen und goß sie in wohlklingende lateinische Verszeilen. Er integrierte sie in sein Epos "Georgica", 4 Bücher über den Landbau im alten Rom. Wegen der kunstvollen Sprache und der meisterhaften Beherrschung des hexametrischen Versmaßes gilt Vergils "Georgica" heute mit Recht als eine der Highlights der antiken Literatur.

Hören wir nun die Stimme des Dichters selbst, um zu erfahren, was damals mit Orpheus und Eurydike geschah. Vorweg eine kurze Begriffserklärung: Die Manen, das sind die Totengeister, der stygische Nachen das Boot auf dem Unterweltfluss Styx, mit dem der Fährmann Charon die Lebenden hinüber ins Reich der Toten bringt.

Schon ging Orpheus zurück, entronnen jeglicher Fährnis,
auch Eurydike stieg erlöst empor zu des Tages
Lüften, hinter ihm drein - so wollte Proserpinas Vorschrift -,
da überfiel urplötzlich den Liebenden, bar aller Vorsicht,
Wahnsinn, verzeihlicher, gäbe es nur bei Manen Verzeihung;
blieb er doch steh'n, nach seiner Eurydike, fast schon am Lichte,
sah er sich um, vergaß des Gebots, überwältigt vom Herzen.
Da zerrann all Mühen in nichts, des unholden Herrschers
Pakt war gebrochen und grell kracht dreimal donnernd der Orkus.
Klagend rief sie: "Wer nur verdarb mich Arme und dich, mein
Orpheus, was für ein Wahn? Schon ruft mich grausam das Schicksal
wieder zurück, schon bricht Todschlaf die verschwimmenden Augen.
Leb nun wohl, die gewaltige schlingt mich, die Nacht, ich versinke,
kraftlos nach dir - weh! nicht mehr dein! - ausbreitend die Arme …

Dies ist der Höhepunkt des Versdramas, und es ist eindeutig Orpheus' menschliche Schwäche, die der Geliebten den unumkehrbaren Todesstoß gibt.

Der Rest der Sage ist schnell erzählt. Eurydike ist für immer verloren. Orpheus durchweint 7 Monate und meidet in der Folge den Kontakt zu Frauen, so dass er am Ende von den trunkenen Bacchantinnen seiner Heimat zerrissen wird. Seine Leichenteile landen auf den Feldern der Umgebung und in den Flüssen:

Aber noch jetzt, da das Haupt, vom marmornen Nacken gerissen,
mitten in strudelnder Flut fortwälzt der befreundete Stromgott,
klagt doch die Stimme "Eurydike!" noch, lallt stockend die Zunge:
"Weh, meine arme Eurydike!" Noch ersterbenden Hauches,
hallt der "Eurydike!"-Ruf entlang am Strome die Ufer …

Ein fürwahr bestialisches Ende, das Orpheus in der Sage Vergils findet.

 

Trotz der formalen Schönheit des Vergil'schen Opus wollen wir uns nicht bei ihm aufhalten, sondern sogleich zur zweiten antiken Vorlage überleiten. Es handelt sich um den "Orpheus" des römischen Dichters Publius Ovidius Naso. Ovid lebte, als er kurz nach der Zeitenwende sein Werk schuf, in Tomis am Schwarzen Meer, vom Kaiser Augustus aus Rom verbannt. Diese Verbannung ist ein besonders tragischer Moment der Literaturgeschichte, denn die damalige Hauptstadt der zivilisierten Welt hatte damit ihren fähigsten Poeten verloren.

Ovid integrierte die Sage von Orpheus und Eurydike in seine "Metamorphosen", ein Monumentalwerk mit mehr als 250 antiken Einzelsagen. "Metamorphosis" ist das griechische Wort für "Gestaltwandlung", für die ständigen und fließenden Übergänge, die den Lauf des Lebens, der Lebewesen und der Geschichte prägen - so z. B. auch bei Eurydike, die sich zu einem Schattenwesen hin und wieder zurück verwandelt.

Ovid war wie Vergil ein Virtuose seines Fachs. Und wie dieser schrieb er ausschließlich in daktylischen Hexametern, jenem klassisch "sechsfüßigen" Versmaß, welches nicht wie die deutsche Sprache Hebungen und Senkungen als Mittel der Betonung kennt, sondern allein Kombinationen von Längen und Kürzen. Zwar finden wir im Orpheus-Abschnitt nicht jenen Sprachwitz, wie wir ihn z. B. von den "lykischen Bauern" her kennen. Dort hatte die mit Artemis und Apoll schwanger gehende Göttin Latona die boshaften Bauern in Frösche verwandelt, weil sie ihr das Wasser zum Trinken verweigert hatten. Im Hexameter "quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant" hört man direkt das Quaken der Frösche: "sub aqua sub aqua"!

Die Orpheus-Sage kann mit solch genialen Wortspielen des Dichters nicht aufwarten. Dennoch beherrscht Ovid auch hier das komplizierte Zusammenspiel grammatikalischer und dichterischer Regeln so perfekt, dass sich das Wort erfüllt, welches Friedrich Nietzsche einst über den Dichterkollegen Horaz sagte:

In gewissen Sprachen ist das, was hier erreicht ist, nicht einmal zu wollen. Dieses Mosaik von Worten, wo jedes Wort als Klang, als Ort, als Begriff, nach rechts und links und über das Ganze seine Kraft ausströmt, dieses Minimum im Umfang und Zahl der Zeichen, das damit erreichte Maximum in der Energie der Zeichen - dies alles ist römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence.

Zum besseren Verständnis verzichte ich im Folgenden auf das Lateinische und trage deutsche Übersetzungen vor - Übersetzungen, die wenigstens auch in Hexametern verfasst sind. Allein - gegen die Sprachgewalt der lateinischen Vorlagen sind sie, machen Sie sie dies bitte bewusst, leider nur ein laues Lüftchen!

Hören wir nun, wie Ovid den Höhepunkt der Sage gestaltet hat. Orpheus nimmt zusammen mit Eurydike Abschied von der Unterwelt und steigt den Averner Schlund, ein heute wasserverfülltes Kraterloch bei Neapel, hinauf zu den Lebenden.

Sie und die Weisung zugleich empfängt nun Rhodopes Heros,
Dass er zurück nicht wende den Blick, bis dass er gelangt sei
Aus dem avernischen Tal; sonst wär' er der Gabe verlustig.
Aufwärts steigen sie jetzt durch schweigende Öde den Fußpfad
Schroff, voll düsteren Graun's und umstarrt von finsterem Dunkel.
Nicht mehr waren sie fern vom Rande der oberen Erde,
Da, sie verlangend zu sehn und besorgt, dass Kraft ihr gebreche,
Schaut er liebend sich um, und zurück gleich ist sie gesunken.
Sehnlich die Arme gestreckt, auf dass er sie fasse und selber
Werde gefasst, hascht nichts denn weichende Lüfte der Arme.
Ob sie wiederum stirbt, sie klagt nicht über den Gatten:
Was auch war zu beklagen für sie, als dass sie geliebt war?

Was auch war zu beklagen für sie, als dass sie geliebt war?

Das ist der Schlüsselsatz im Versdrama des Ovid:

Lieben und geliebt sein ist der alleinige Rechtfertigungsgrund für das Versagen und die Sorge des Orpheus, alle anderen Gefühle sind zweitrangig und unbedeutend - und weder Eurydike noch Orpheus schreibt Ovid wegen ihres widrigen Schicksals irgendeine Schuld zu!

Während also Vergil von "Wahn", von "Achtlosigkeit" und "unbedachtsamer Torheit" des Orpheus spricht und Eurydike bittere Klage gegen ihren Geliebten führen lässt, kennt Ovid nur einen Grund für das Verhängnis - die Liebe selbst, die das Verbot der Götter nicht länger beachten kann und darf!

Damit erteilt Ovid dem erhobenen Zeigefinger seines Vorgängers eine klare Absage - mit seinem ebenso mächtigen wie tiefsinnigen "Was auch war zu beklagen für sie, als dass sie geliebt war?".

Dies ist eine Schlichtheit des Gedankens, die mir persönlich sehr entgegenkommt.

 

Schlagen wir nun einen großen Bogen über mehr als 1700 Jahre und lassen wir uns überraschen, wie der italienische Librettist Ranieri de Calzabigi (1714 - 1795) um 1760 den Stoff für jene Oper aufbereitete, welche als epochemachendes Werk des Barock in die Annalen der Musikgeschichte einging: "Orfeo ed Euridice".

Die Musik zu dieser "Azione teatrale per musica", wie man die Oper damals nannte, stammt von unserem verehrten Christoph Willibald Ritter von Gluck (1714 - 1787), dessen 300jähriger Geburtstag sich im nächsten Jahr jährt. Die Oper wurde im Jahr 1762 in Wien und 12 Jahre später in Paris uraufführt - in etwas unterschiedlichen Fassungen.

Im Bestreben, eine Synthese aus der "Opera seria" Italiens mit der "Tragédie lyrique" Frankreichs herzustellen und dabei nach Kräften die in Konventionen erstarrte Barockoper zu entschlacken, setzen Gluck und Calzabigi einen Meilenstein der Musikgeschichte. Man verabschiedet sich von den langatmigen "Secco"-Rezitativen und den Arien, welche mit ihren gekünstelten Koloraturen allenfalls der eitlen Selbstdarstellung der Vortragenden dienten, und ersetzt sie durch einen kontinuierlichen Fluss sogenannter "Accompagnato"-Szenen - Szenen, die sich ausschließlich der inneren Dramatik der Handlung widmen und nur im passenden Augenblick von schlichten und ergreifenden Arien in liedhafter Form und - dramaturgisch völlig neu! - von eingebundenen Chorgesängen und Balletszenen ergänzt werden. Hören wir hierzu Gluck selbst:

Die Nachahmung der Natur ist unstreitig das Ziel, das alle sich setzen müssen, und das auch ich zu erreichen strebe. Meine Musik, die ausnahmslos so einfach und natürlich ist, wie ich es nur vermag, will nichts anderes, als den Ausdruck mit höchster Deutlichkeit wiedergeben und die Deklamation der Dichtung verstärken …

Calzabigis Libretto für "Orfeo ed Euridice" umfasst drei Akte, mit einer absteigenden Zahl an Szenenbildern. Hat ein Libretto des zuvor gefeierten Pietro Metastasio noch mindestens sechs Personen umfasst, so singen und spielen bei Gluck und Calzabigi nun nur noch drei: Orpheus, Eurydike und Amor, der Liebesgott. Alles andere sind Chöre und Szenenbilder in orchestraler Begleitung, wobei der Klangkörper von Gluck um etliche Instrumente erweitert wurde.

Wir konzentrieren uns ausschließlich auf den dritten Akt der Oper und zitieren aus Calzabigis Libretto wiederum in Deutsch, wenngleich zugegebenermaßen auch hier die Originalsprache Italienisch um Einiges besser klänge.

Noch im zweiten Akt, im "Gefilde der Seligen Geister", hat Eurydike zu Orpheus' Überrqaschung nicht etwa Verzweiflung und Kümmernis, sondern Frieden und Ruhe ausgestrahlt:

Hier versiegen ewig des Grames Tränen,
hier quält das Herz kein irdisch Sehnen,
nur Freud und Wonne atmet die Brust;
hier, wo nie des Kummers Klagen tönen,
herrscht nur Entzücken und Lust …

Im letzten Akt, als sich Orpheus und Eurydike den Averner Schlund hinauf zur Oberwelt bewegen, ist es mit diesem Seelenfrieden zunehmend vorbei: Emotionell vorgetragene Wechselgesänge folgen rasch aufeinander und steigern sich in Eurydikes "Wut-Arie". Mit ihr wird das konventionelle Da-Capo-Schema mit einer zweifach gesteigerten Klimax der Empörung Eurydikes, nur kurz von etwas sanfteren Tönen unterbrochen, gänzlich neu gefasst und neu interpretiert:

Schlimme Gefühle sind es, die Eurydike beschlichen haben und das anfängliche Glück nun zerstören, erst Angst und Argwohn, dann bohrender Zweifel und quälende Eifersucht. Am Ende mutiert Eurydike in einem Rausch an Misstrauen und Enttäuschung zum personifizierten Vorwurf dem, wie sie sagt, "untreuen Verräter" Orpheus gegenüber - allein deshalb, weil dieser, wie ihm geheißen, ihr keinen Blick zuwendet!

Orpheus' inständige Bitte um Vertrauen und Geduld wird am Ende nicht mehr gehört, es dominieren die Schattenseiten der irdischen Liebe. Eurydike erzwingt schließlich mit einer Drohung des Abschieds von Orpheus den zuwendenden Blick! Und damit ist es, wie nicht anders zu erwarten, um sie geschehen!

EURYDIKE:
Doch deine Hand umschließt nicht mehr die meine!
Wie? Du fliehst meinen Blick, den du so sehr geliebt?
Dein Herz ... so kalt, so fühllos beim ersten Wiederseh'n?
Ist mein Antlitz verblüht, all mein Reiz so schnell entflohen?

Wenig später:

EURYDIKE:
Du Verräter!
Also dies sind die Freuden, die dein Herz mir bereitet?
Dies ist der Lohn für meiner Liebe Glut?
O welch grausames Schicksal!
Selbst einen Blick kannst du mir jetzt versagen,
kannst nicht teilen die Wonne der liebevollsten Gattin!


ORPHEUS:
Vertraue mir, gib keinem Argwohn Raum.

EURYDIKE:
Führtest du nur zur Qual ins Leben mich zurück?
Götter, gern will euer Geschenk ich verschmähen!
Geh, entferne dich, Ungetreuer!

Jeder von uns ahnt, wie das Drama endet:

ORPHEUS:
Nicht kann ich mich länger beherrschen;
bebend erliegt mein Herz, all meine Kräfte schwinden;
nicht acht' ich des Verbotes, nicht der Gattin, nicht mein selber …

Als sich Eurydike am Ziel sieht, wechselt sie plötzlich den Ton:

EURYDIKE:
Lebe wohl, deiner Eurydike erinnre dich!Lebe wohl!

ORPHEUS:
Wo bin ich? Ihr Kummer zerreißt mir das Herz.
Nein, nicht fordern die Götter ein so grausames Opfer!
Oh geliebte Eurydike …

Jetzt, erst jetzt wendet sich Orpheus von ihr!

EURYDIKE:
Mein Orpheus! Ich sinke, ich sterbe …

Diese schaurig-ergreifende Szene, die den dramaturgischen Höhepunkt der Oper darstellt, hat es in der Musikgeschichte zuvor so nie gegeben. Sie lässt besonders das dichterische Talent Calzabigis aufblitzen:

  • Während in den antiken Sagentexten die Gefühle und Stimmungen der Akteure sehr kurz gehalten sind, ja z. B. bei Ovid durch das lakonische "Es war halt Liebe" ganz bewusst ausgeblendet werden, wird das ständige Wechselbad der Gefühle und die seelische Zerrüttung bei Calzabigi zum tragenden Element des gesamten dritten Aktes.

  • Indem der Librettist die Rollenverteilung des Vergil ins pure Gegenteil verkehrt - der entscheidende Moment ist nun das menschliche Versagen Eurydikes, nicht das Versagen des Orpheus - schafft er eine völlig neue, überraschende Sicht der Dinge!

Aus den Misstönen und unguten Gefühlen der Eurydike eine frauenfeindliche Haltung Calzabigis herauszulesen, das griffe viel zu kurz. Es ist der der Liebe innewohnende Zwiespalt der Gefühle als solcher, der das Fiasko heraufbeschwört, und Eurydike ist eine Getriebene, nicht eine Agierende! An ihr manifestiert sich der Spruch der "Anagke", des unentrinnbaren, unerbittlichen Schicksals der alten Griechen, dem wir alle unterliegen:

"Wer einmal gestorben ist, ist tot und muss tot bleiben!"

Als die Entscheidung gefallen ist, lässt Calzabigi, wie soeben zu hören war, Eurydike sofort zum liebenden Ton Orpheus gegenüber zurückfinden.

 

Der französische Novellist Henri Stendhal (1783 - 1842) sagte einmal:

Die Liebe ist eine köstliche Blume, aber man muss den Mut haben, sie am Rand eines grausigen Abgrunds zu pflücken.

Nun - Orpheus und Eurydike haben versucht, im wahrsten Sinne des Wortes die Liebe am Rande des Abgrunds, nämlich des avernischen, zu pflücken - es ist ihnen missglückt! Und Orpheus möchte sich nun in der Oper mit dem Dolch entleiben …

Doch weit gefehlt, dass damit der letzte Vorhang fällt: Calzabigi ruft mir nichts dir nichts den Gott Amor auf den Plan, der nun gnädig in Schicksal des Paares eingreift und die beiden Liebenden wieder vereint.

"Omnia vincit amor, et nos cedamus amori. - Alles besiegt die Liebe, wir sollten ihr nicht Widerstand leisten!"

Das besagt ein Hexameter Vergils in einem der bukolischen Lieder (Ekloge 10, 69).

"Omnia vincit amor - Alles besiegt die Liebe", das ist letztlich auch der "lieto fine", das "happy end", das die Zuschauer in Wien und Paris wünschten und von Calzabigi prompt geliefert bekamen. Wenn es aus heutiger Sicht auch etwas trivial erscheint, so atmet es, wie soeben zu erfahren war, nicht minder antiken Geist.

Calzabigi hat in seinem Libretto gute Arbeit geleistet. Dass "Orpheus und Eurydike" ein Welterfolg wurde, haben wir indes nicht ihm, sondern vor allem dem musikalischen Talent des Komponisten zu verdanken. Christoph Willibald Gluck verlieh dem Programm Calzabigis entsprechenden kompositorischen Ausdruck und setzte die gewünschte Prädominanz der Stimmungen und Gefühle meisterhaft in Töne und Klänge um:

Mein Sinn war darauf gerichtet, die Musik wieder auf ihr wahres Amt zurückzuführen. Dem Drama in seinem Ausdruck und seinen wechselnden Bildern zu dienen, ohne die Handlung zu unterbrechen oder sie durch unnützen und überflüssigen Schmuck zu erkälten …

Mit diesem "warmen" Wort Glucks zur eigenen Musik wollen wir schließen. Nehmen Sie bitte beim Hinausgehen zum stillen Ausklang ein gutes Stück der Gluck'schen "Sprache" in "Orpheus und Eurydike" mit nach Hause:

Der französische Geigenvirtuose Renaud Capuçon spielt auf einer "Guarnieri del Gesù" von 1737, der Geige des berühmten Geigers Isaak Stern, ein Motiv aus dem "Reigen Seliger Geister". Dieses Stück für Violine und Klavier drückt besser als viele Worte die Schlichtheit und Innigkeit der Gluck'schen Musik aus, das Vermögen des Komponisten, das Sehnen der Liebe in sanfte Töne zu fassen, in eine zeitlos schöne und fließende Melodie, die jeder versteht!

Ich bedanke mich für Ihre Geduld beim Zuhören und wünsche Ihnen allen eine anregende Berchinger Literaturnacht 2013!

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