Die Kirche St. Lorenz in der Berchinger Vorstadt

aus der Reihe: Perlen am Wegesrand der Berchinger Stadtgeschichte

© Dr. Werner Robl, Berching 2012

 
Die Kirche St. Lorenz in Berching liegt im Mittelpunkt der Vorstadt an beherrschender Stelle und bestimmt deren architektonisches Bild. Der mächtige Chorturm, Blickfang der Hauptstraße, öffnet sich im Obergeschoss in drei Klangarkaden und schließt mit einem vierseitigen, abgeschnittenen Spitzhelm, auf dem eine Galerie mit achtseitiger Laterne ruht. Das Langhaus ist bis auf die Anbauten an der Nordwand weitgehend schmucklos, die Rundbogenfenster wurden in der Barockzeit vergrößert. Dieser Kirchenbau ist ein schönes Beispiel für einen kleinstädtischen Kirchenbau in der westlichen Oberpfalz, mit über 1100jähriger Tradition, besonders geeignet, alle Bauepochen von der Romanik bis zur Moderne exemplarisch herauszuarbeiten. Obendrein birgt die Kirche möglicherweise ein Geheimnis, das sich dem flüchtigen Betrachter entzieht!

Die karolingische Kirche

Dass es sich bei der im Jahr 883, also vor genau 1129 Jahren erstmals schriftlich erwähnten karolingischen Hofkapelle um den geistigen Mittelpunkt einer schon damals bedeutsamen Karolinger-Besitzung, des Königshofes villa pirihinga handelte, wurde bereits an anderer Stelle verdeutlicht. [Link]

Dass es sich dabei ziemlich eindeutig um den Vorgängerbau der heutigen Lorenzkirche gehandelt hat, sei hiermit angefügt.

Nicht selten wird kolportiert, dass solch frühe Kapellen aus Holz erbaut gewesen seien. Dass dies zumindest in der Altmühl-Jura-Region anders war, demonstriert die Kirche des heiligen Sola in Solnhofen mit ihren gut erhaltenen karolingischen Mauern und Säulen: Sie war selbstredend aus Stein.

Im Hinblick auf die relativ leichte Abbaubarkeit des Dolomit und Kalksteins an den Hängen des Sulztales darf man davon ausgehen, dass es sich auch bei der Berchinger capella bereits um ein schlichtes Steingebäude gehandelt hat, vermutlich um einen rechteckigen Saalbau mit Viereck- oder Rundapsis.

Wer jetzt glaubt, dass diese Kirche längst spurlos verschwunden sei, der irrt! Gerade bei den Landkirchen war es zu allen Zeiten üblich, brauchbare Teile des Vorgängerbaus in einen Neubau zu integrieren. Nicht anders bei St. Lorenz! Die meisten Teile des karolingischen Kirchenbaus fielen der Spitzhacke zum Opfer, so auch der Chor, der irgendwann zu klein wurde. Im aufgehenden Mauerwerk der linken Seitenwand des Kirchenschiffs hat sich jedoch ein "archaischer" Mauerteil erhalten, den man getrost der Karolingerzeit zuordnen kann; einen zugehörigen, sonst kaum ins Auge fallenden Mauerversatz kann man im Innern der Kirche gut erkennen (rechts vorne).

Die hochromanische Kirche

An dieser Stelle müssen wir einen kurzen Ausflug in die Chronik von Berching machen:

Um 900 wurde in einer Tausch-Urkunde Bischof Tutos von Regensburg erwähnt, dass die "Berchinger Mark" zumindest in Teilen zur Diözese Regensburg gehörte. Im Jahr 912 zählt Berching dagegen nachweislich zum Bistum Eichstätt, wie eine Urkunde König Konrads I. an Bischof Erchanbald von Eichstätt verdeutlicht. Mit anderen Worten: Irgendwann zwischen 900 und 912 muss wenigstens ein partieller Besitzübergang erfolgt sein; Berching wurde eichstättisches Kirchengut!

Es ist jedoch möglich, dass sich dieser Besitzübergang schwerpunktmäßig auf eine erste Ansiedelung rechts der Sulz bezieht. Durch das Anwachsen des eichstättischen Teils von Berching jenseits der Sulz erlitt die ältere, sogenannte "Vorstadt", in der einst der karolingische Königshof gelegen war, einen Bedeutungsverlust

Der Königshof als Reichsgut musste weichen, es verblieb lediglich ein Ministerialensitz auf dem Terrain des heutigen Gasthof Post, der jedoch bis in die Neuzeit Pflichten und Rechte besaß, die auf die karolingische Villikationsordnung zurückgingen (z. B. Stellen des örtlichen Zuchtstieres, Abdeckerei). Die Vorstadt wurde wegen der vergleichsweise lockeren Bebauung fürderhin in einigen Urkunden auch als das "Dorf" Berching bezeichnet. Ob zu dieser Zeit noch Besitzansprüche in der Vorstadt bestanden, die aus der Zeit des Vasallen Euprant herrührten und damit auf Regensburg verweisen - wir erinnern nochmals an die Rechte der Alten Kapelle, d. h. der Karolingerpfalz in Regensburg! -, bleibt leider offen.

Denkbar ist eine zeitweise Besitzteilung allerdings schon, z. B. über die Burggrafen von Regensburg aus dem Geschlecht der Pabonen (976-1196), die auch Burggrafen von Riedenburg und Stefling sowie Klostervögte von St. Emmeram waren und sich u. a. um die Erschließung der Altmühlregion besonders verdient gemacht haben.

Wir erwähnen dies deshalb, weil die Pabonen in fast allen Geschichtswerken über unsere Gegend unterschlagen werden. Der Grund der historiographischen Missachtung liegt in der simplen Tatsache, dass sich Schriftzeugnisse kaum erhalten haben. Warum das so ist, wird weiter unten noch ausgeführt. Spuren und Handschrift der Pabonen im 12. Jahrhundert, dem Zeitraum ihrer größten Machtfülle, lassen sich im Sulzgau an vielen Stellen finden:

Die Pabonen besaßen z. B. das Gut in Biberbach, waren an der Gründung des Klosters Plankstetten mit Rat und Tat beteiligt (so hatte z. B. das Gründungskloster Plankstetten exakt die Dimension von St. Emmeram, wo die Pabonen residierten, und von wo aus sie Baumeister vermitteln konnten), sie übertrugen den sogenannten Hornungshof (heute Harenzhofen) an Plankstetten, sie hielten nach Vorvätersitte Landgerichtstage unter den sogenannten Gerichtseichen, wie sie auch in der Berchinger Vorstadt wuchs und wie sie noch heute in Form eines besonders schönen Exemplars beim Pabonen-Burgstall von Ottersdorf/Hexenagger zu bewundern ist. Die mythische Gründergestalt von Plankstetten, eine Mohrin namens Planga - heute noch enthalten im Wappen des Klosters - trägt die drei typischen Pabonenrosen, die Gösselthal-Mühle trug einst den signifikanten Pabonen-Namen Rosenthal (Namenspendant zur Rosenburg bei Riedenburg). In die Verantwortung der Pabonen fiel neben den Kommenden von Altmühlmünster und Moosbrunn bei Eichstätt die Gründung einer Templer-Komturei in Thannbrunn, einer zugehörigen Burg bei Salmannsdorf. Weitere Zweigstellen entstanden in Berching, Weihersdorf und Oberweiling. Der Standort der Templer-Komturei Berching, wohl entstanden in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, entspricht heute verlorenen Dokumenten nach dem Standort der Metzgerei Kraus, neben dem Mittleren Tor. Dies erklärt sehr gut die eigenartige Lage des Gebäudes im Stadtmauerring, dessen Kontinuität es durchbricht. Was die Anwesenheit der Templer in Berching mit der Lorenz-Kirche zu tun hat, erklären wir weiter unten.

Als Landgrafen hatten die Pabonen weitreichende Rechte im Kels- wie im Sulzgau, erst nach ihrem plötzlichen Aussterben 1185/1196 ging der Titel der Landgrafschaft auf die Grafen von Grögling und Dollnstein, die Vögte des Eichstätter Stuhls, über. Dieses zuvor eher unbedeutende Grafengeschlecht errichtete zu Beginn des 12. Jahrhunderts 7 km von hier eine große Burg namens Hirschberg, nannten sich ab 1205 Grafen von Hirschberg und übten die sogenannte Schutzvogtei über Berching aus. Es ist anzunehmen, dass darin auch alte landgräfliche Rechte der Pabonen enthalten waren. In welchem Umfang, darüber schweigen alle überkommenen Urkunden - nicht von Ungefähr, denn der besitzanzeigende Urkundenbestand der Pabonen wurde schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts gezielt vernichtet, nachdem Burggraf Heinrich III. von Regensburg (siehe Bild oben aus dem Codex Manesse) aktiv gegen die Hegemonialpolitik der Staufer in Italien opponiert hatte und bei Kaiser Friedrich Barbarossa deshalb in Ungnade gefallen war. Der Barbarossa förderte ab 1180 im Rahmen der staufischen Landnahme als künftiges Herrschergeschlecht in Bayern die Wittelsbacher und versah nach 1196 mit dem freigewordenen Lehensbesitz der Pabonen des Herzogsgeschlecht selbst sowie ihre Unterstützer, zu denen auch die Hirschberger und Wolfsteiner zählten, wohingegen der geistliche Lehensbesitz der Pabonen, der einst bis in die Alpen gereicht hatte, zurück an die bischöflichen Stühle von Regensburg und Eichstätt fiel. Dabei war es eben opportun, den pabonischen Urkundenbestand zu vernichten, um die Widerstandskraft der alten Vasallen allmählich zu brechen und den Wittelbachischen Herrschaftsaufbau nicht zu gefährden. So haben sich besitzanzeigende Pabonen-Urkunden aus dem Raum Berching ebenso wie andernorts so gut wie nicht erhalten. Dies nur nebenbei.

In Berching traten die Hirschberger bei der Verwaltung des weltlichen Besitzes als Vögte der Eichstätter Bischöfe auf, zu deren Bistum Berching seit 912 eindeutig gehörte. Erst im Jahr 1305 fiel Berching aus der Schutzvogtei des letzten Hirschberger Grafen endgültig und ganz an das Bistum Eichstätt, wurde fürderhin als Stadt im Unteren Hochstift von einem bischöflichen Beamten, dem Propst, verwaltet und blieb in dessen Obhut bis zur Gründung des Königreichs Bayern 1806, also fast 500 Jahre.

"Unterm Krummstab ist gut leben!", sagt ein Sprichwort. Für Berching traf es mit Sicherheit zu. Berching war neben Eichstätt der zweitwichtigste Stützpunkt im Unteren Hochstift, daran erkennbar, dass es zum Beispiel als einziger Ort neben Eichstätt die volle Gerichtsbarkeit besaß und somit gänzlich der landgräflichen - sprich wittelsbachischen - Gerichtsbarkeit entzogen war. Es waren nun die Fürstbischöfe von Eichstätt, welche Berching im 14. und 15. Jahrhundert zu einer Festungsstadt an der Grenze ihres Territoriums ausbauten. Schon ab 1282 war zur Verwaltung der erwähnte Propst eingesetzt, dessen Besetzungsrecht der letzte Hirschberger Graf Gebhardt VII. eigentümlicherweise schon 1296 an den Bischof abgetreten hatte, also 9 Jahre vor seinem Tod. Offensichtlich hatte Gebhardt das Fehlen eines Erben vorausgeahnt und wollte keineswegs, dass die Wittelsbacher Verwandtschaft seiner Frau das Hirschberger Erbe an sich riss. So blieb Berching über Jahrhunderte beim Hochstift Eichstätt.

Über die ehemaligen Rechte der Alten Kapelle in Regensburg oder alte Rechte der Pabonen wird zu diesen Zeiten nichts mehr berichtet.

Zusammenfassend halten wir fest:

Ein Teil von Berching-Vorstadt gehörte eine gewisse Zeit und in gewissem Umfang zu Regensburg und zur Einflusszone der Burggrafen von Regensburg, wohingegen die Stadt rechts der Sulz a priori eichstättisch war und blieb.

Zurück zu St. Lorenz:

In Eichstätt hat sich ein mittelalterlicher Prachtband erhalten, das sogenannte Pontificale Gundecarianum, das 1071/1072 angelegt und in den folgenden Jahrhunderten, bis 1697, von vielen Bischöfen fortgeschrieben wurde. In ihm sind zwei große Kirchengründungswellen im Bistum belegt. So weihte Bischof Gundekar II. - das ist der Bischof, der das Pontifikale schuf -, zwischen 1057 und 1075 insgesamt 126 "Kirchen und Altäre" im Bistum Eichstätt und anderswo, und Bischof Otto tat zwischen 1182 und 1196 (vermutlich 1193) nochmal dasselbe, wobei er immerhin auf 105 Weihen kam. Und beides Mal fällt der Name Berching, wobei für den Besuch Gundekars das Jahr 1062 oder 1063 verbürgt ist. Dass sich die so dokumentierten Weihen auf einen oder gar zwei Kirchen-Neubauten bezogen, ist weder belegt noch wahrscheinlich, es sei denn, die jeweilige Vorgängerstruktur wäre komplett verloren gegangen, wofür es zumindest keine konkreten Anhaltspunkte gibt. Wahrscheinlicher handelte es sich bei den Weihen jeweils um Erweiterungs- oder Anbauten der Karolinger-Kapelle (eine direkt angebaute, heute verschwundene Kapelle ist für 1601/1602 dokumentarisch belegt) oder um die Errichtung zusätzlicher Patrozinien oder Altäre.

Ein augenfälliges Baumerkmal für die zweite Weihe ist das zugesetzte romanische Südportal der Kirche, so wie es für die Landkirchen des 12. Jahrhunderts in Altbayern typisch ist. Viele dieser Portale sind wie in Berching heute verputzt, andere zeigen nach der Freilegung über dem Sturz einen fein bearbeiteten Rundbogen, als Ausdruck einer Steinmetz-Kunst, die von den Pabonen durch Import lombardischer Technik gezielt gefördert wurde. In Berching ist dies, wie uns das nebenstehende Zeitungsbild von 1979 zeigt, nicht der Fall; der Bogen besteht aus mehreren relativ schmalen Segmentsteinen, ein skulptiertes Giebelfeld fehlt. Dagegen sind die seitlichen Pfeiler, auf denen die Rundbogensteine stehen, vergleichsweise breiter und deutlich sorgfältiger ausgeführt. Umgekehrt verhält es sich mit den anschließenden Mauerstücken, die im unteren Abschnitt mit schmäleren Bruchsteinen weniger sorgfältig geschichtet sind als diejenigen, die in ca. 2 Meter Höhe beginnen. Damit sind an der erweiterten Langhauswand zwei Bauphasen belegt, wobei bei der zweiten, jüngeren ein vorbestehender Rundbogen des Südtors möglicherweise geopfert bzw. durch minderwertigeres Material ersetzt wurde. Eine exakte Datierung bzw. Klärung der Ursachen für diese Zweiphasigkeit ist uns nicht möglich. Es steht jedoch aufgrund der Verhältnisse am Westportal zu vermuten, dass die geschilderten oberen Abschnitte dem gotischen Kirchenbau entsprechen. Nichtsdestotrotz beziehen wir die Erweiterung des Kirchenschiffs und das Südportal auf die Kirchenweihe nach 1182, wobei unter Einbezug des oben erwähnten karolingischen Mauerstückes auffällt, dass der erweiterte Kirchenbau schon damals relativ langgestreckt gewesen sein muss, was auf die Populationszunahme einer prosperierenden Kirchengemeinde hindeutet.

Verbleiben wir noch kurz bei einem romanischen Steinelement, das heute tief neben dem Südportal sitzt und einem Fressnapf ähnelt (siehe Bild oben). Ursprünglich saß es wohl wesentlich höher und hatte eine Auffangfunktion für die romanischen Tropfnasen unter den Holzdachrinnen. Zumindest sind uns derartige Steine von anderen Kirchen des 12. Jahrhunderts her bekannt.

Eine Verbreiterungs- und eventuell nochmalige Verlängerungsmaßnahme an der Kirche fällt nunmehr ins 13. oder in den Anfang des 14. Jahrhunderts.

Über diese besagen die Quellen nichts, sie wird jedoch bewiesen durch ein sicher nach dem Südportal entstandenes Nordportal mit schön skulptierten Bögen und einem spätromanischen Tympanon, welches eine schöne Kreuzstab- und Rosettenornamentik aufweist, die u. U. Templer-assoziiert ist und noch heute einen sehr guten Erhaltungszustand aufweist.

Auf dieselbe Zeit geht auch die Basis des wuchtigen Chorturmes zurück, wie wir ihn heute sehen. Er ist dem 12. Jahrhundert mit Sicherheit nicht mehr zuzurechnen und weist recht eindeutig in eine Zeit, in der bereits die Stadtentwicklung am rechten Ufer der Sulz weiter fortgeschritten war.

 
Wenn Berching im Jahr 1296 erstmals als oppidum bezeichnet wird, so belegt dies eine erste Befestigung der Stadt rechts der Sulz, wie auch immer sie ausgesehen haben mag. Diese Befestigung ist nicht zu verwechseln mit der Stadtmauer des Fürstbischofs Wilhelm von Reichenau aus dem 15. Jahrhundert, entsprach aber bereits deren Dimensionen. Nahezu zeitgleich wurden den Bürgern auch das Marktrecht und wenig später eine eigene Gerichtsbarkeit verliehen. Reste der alten Stadtmauer sind auch heute noch im östlichen Bereich - gegenüber dem Caritas-Altenheim - auszumachen.

Es bestand damals als Beleg eines florierenden Handels auch ein Judenviertel in Berching, in dem es am 27. Juli 1298 zu einem Pogrom durch die sogenannten Rintfleisch-Horden kam, bei dem 35 Personen das Leben verloren. Das jüdische Memorbuch aus Nürnberg hat uns komplett ihre Namen hinterlassen. Auch wo das Judenviertel lag, ist weitgehend klar: im Norden der Stadt, im Bereich des Propsteigartens. Erst nach 1320 kam für Berching das Stadtrecht, aus dieser Zeit stammt ein erstes Siegelfragment.

Angesichts der Dimensionen des wuchtigen Chorturmes von St. Lorenz muss also nach dem Aussterben der Hirschberger der alte Chor abgerissen und die Kirche nach Norden auf heutige Größe (Innenraum 31,64 m x 12,71 m) erheblich verbreitert worden sein, was auch eine Neukonstruktion des Dachaufbaues nach sich zog. Darüber gibt es jedoch, wie gesagt, keinerlei Quellen. Dokumentiert ist lediglich, dass die Kirche seit 1383 einen vollkommenen Ablass besaß, 1355 wurde das angrenzende Bürgerspital mit eigener Kapelle errichtet (der heutige Bau ist ein Um-/Ausbau und stammt aus dem 16. Jahrhundert).

Ein einziges Grab-Monument aus der Zeit um 1300 hat die Zeiten überdauert. Es handelt sich um einen Epitaph, der sich heute am Eingang links unter der Empore befindet und an dem die meisten Besucher achtlos vorübergehen. Man erkennt eine Kreuzstab-Symbolik mit einer eigenartigen Inschrift: "Miseremini mei amici mei - Erbarmt Euch meiner, mein Freunde". Das ist nicht gerade eine christliche, sondern eher eine versteckt-blasphemische Formulierung. Einiges spricht dafür, dass es sich um einen Templer-Grabstein handelt. Die Vermutung wird dadurch genährt, dass nach einer Quelle vom Anfang des 19. Jahrhunderts (Löwenthal, Schultheissenamt Neumarkt) im 12 und 13. Jahrhundert in Berching eine Templerkommende bestanden haben soll. Wir kommen später darauf zurück. Aus derselben Zeit stammt der ganz ähnliche Stein des Udalricus im Kloster Plankstetten, wobei im 12./13. Jahrhundert drei Äbte des Klosters diesen Namen führten.

Die gotische Kirche

Wir tauchen nun ein in eine ganz spannende Episode des Städtchens Berching und in ein Geheimnis, das bis heute nicht gelüftet ist! Hierbei handelt es sich um das zweite Ereignis, von dem ich anfangs sprach und von dem ich im Folgenden berichten will. Zum Verständnis ist es sehr wichtig, zunächst zwei Jahreszahlen gut im Gedächtnis zu behalten:

Der Beginn der Reformation in Deutschland datiert auf das Jahr 1517, die offizielle Einführung des reformierten Glaubens in Nürnberg und Umgebung erfolgte 1525!

Gegen die Wogen der Glaubensspaltung stand das hochstiftisch-orthodoxe Berching wie ein Fels in der Brandung, während diese über viele heute eingemeindete Nachbarorte (Erasbach, Weidenwang, Holnstein, Pollanten, Staufersbuch) hinwegrollten und die Bewohner zu einem Religionswechsel zwangen! Und dennoch und gerade deshalb ereignete sich in Berching in Bezug auf die Reformation eine interessante Begebenheit!

Ab 1502 war ein weiterer Umbau der Kirche im gotischen Stil erfolgt. Im Jahr 1503 ist eine zugehörige Kirchenweihe ohne Nennung eines Patroziniums dokumentiert. Zur selben Zeit sorgte man nicht nur für das geistliche, sondern auch für das leibliche Wohl in Berching: Man nahm zur Hebung des Bierkonsums ein Kommunbrauhaus in Betrieb (heute Berli-Kino) und begründete damit auch den Ruf Berchings als Brauereistadt: Berching hatte später bis zu 13 Brauereien!

Was aber die Kirche St. Lorenz anbelangt, so sollte man eher von einer Umdekorierung als von einem Umbau der Kirche sprechen, denn an Dach und Raum wurde ganz offensichtlich nichts oder nur wenig verändert. Es wurde aber ein großes gotisches Ostfenster in den Chor eingefügt, auch ein gotisches Westportal und gotische Seitenfenster - alles Strukturen, die in der Barockzeit wieder verändert wurden.

Es ist nirgends referiert und in Berching bis dato nicht bewusst wahrgenommen, aber es gibt triftige Gründe für die Annahme, dass möglicherweise kurz vor der Reformation auch ein Transfer von Kirchengut aus der "Großstadt" Nürnberg nach Berching stattfand! Dies geschah vielleicht schon anlässlich der Kirchenweihe 1503 oder innerhalb der nachfolgenden 10 bis 20 Jahre und stand in Zusammenhang mit dem Lorenz-Patrozinium der Kirche. Dieses war dem Dafürhalten nach erst zum Ende des 12. Jahrhunderts auf die Kirche gekommen, nicht jedoch früher.

Ist St. Lorenz Zielort eines ganz besonderen Transfers von religiösem Kulturgut?

Überlegungen zum Lorenz-Patrozinium

Man muss sich klar machen, dass sowohl die Karolingerzeit als auch die Weihen um 1062/63 und 1193 zunächst eher gegen als für ein Lorenz-Patrozinium sprechen! Viel wahrscheinlicher wäre zum ersten Zeitpunkt wie im nahen Wallnsdorf Martin von Tours und zum letzten Zeitpunkt Nikolaus, Ägidius bzw. einer der 14 Nothelfer als Kirchenpatron in Frage gekommen, vielleicht auch Johannes Baptist. Zumindest im 12. Jahrhundert waren die letzteren die "Favoriten", wie sich bei unseren breiten Recherchen zu den romanischen Schutzkirchen Altbayerns herausstellte. Dies hat etwas mit den Menschenströmen zwischen den vier Kreuzzügen 1096 bis 1204 zu tun. Viele Kreuzfahrer fuhren damals per Schiff nach Palästina, kamen mit den großen Wallfahrtsorten an den Kreuzzugshäfen in Berührung und trugen die Kunde über die dortigen, großartigen Kirchenbauten zurück in die bayerische Heimat, was dann Nachahmung fand: Die Nikolausverehrung fand zum Beispiel bei den seit 1097 in Bari verwahrten Reliquien des Heiligen Nikolaus statt, Ägidius wurde in Saint-Gilles am Rhone-Delta in einer der größten Wallfahrten der Christenheit verehrt. Von dort brachen nicht nur die französischen, sondern auch ein Teil der deutschen Jerusalemfahrer nach Palästina auf und dorthin kehrten sie auch zurück.

Der Heilige Lorenz war jedoch - wenngleich er der Lieblingsheilige des berühmten Bernhard von Clairvaux war - zwischen den Kreuzzügen ein wenig verbreiteter Patronats-Heiliger. Sein Kult hatte sich in Europa schwerpunktmäßig einmal nach 955, d. h. nach der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn, ausgebreitet, weil diese am Laurenzi-Tag (10. August) gewonnen worden war. Zu einer größeren Kirchengründungswelle kam es auch wieder, als Papst Honorius III. in Rom die Basilika des Heiligen Lorenz um 1223 erweitern und die Gebeine des Heiligen heben ließ. Die Kirche San Lorenzo fuori le Mura mit dem Sarkophag des heiligen Lorenz gehört seitdem zu den fünf römischen Hauptkirchen. Analog dazu wurde der Lorenzkult auch in unserer Gegend reaktiviert, der Heilige avancierte zum Kirchenpatron für eine Reihe von Kirchen. So stammen nicht nur die Lorenzkirche in Nürnberg (erbaut zwischen 1243 und 1315), sondern auch in Altdorf und in Marktheidenfeld, Aschaffenburg, Pommelsbrunn, Neustadt an der Donau, Neualbenreuth, Eschenbach, ev. auch in Schwimbach aus dem 13. und 14. Jahrhundert.

St. Lorenz in Berching gehört jedoch nicht zum Reigen dieser späteren Lorenzkirchen, sondern scheint seine ganz eigene, spezifische Vergangenheit gehabt zu haben. Zwei Argumente sprechen nämlich dafür, dass das Lorenzpatrozinium zwischen 1182 und 1196 nach Berching kam. Für diesen Zeitraum ist, wie bereits erwähnt, eine Altarweihe Bischof Ottos von Eichstätt dokumentiert. Dies ist genau derjenige Bischof, der nahezu zeitgleich auch den Kult des Heiligen Lorenz im Dom von Eichstätt beleben ließ, indem er zusätzlich zur Lorenz-Kapelle in der Krypta, die schon seit 989 dort bestand, im oberen Kirchenbau eine weitere Kapelle des Heiligen errichten ließ. Dies steht wiederum in Zusammenhang mit der bereits oben erwähnten Ansiedlung des Templerordens im Bistum Eichstätt, der den Heiligen Lorenz besonders verehrte und nach 1167 in Berching eine Propstei auf dem Grundstück der heutigen Metzgerei Kraus errichtete. Weitere Lorenzkirchen des Ritterordens standen damals in Prag, Augsburg und in Altenstadt bei Schongau. Für den Templerorden spricht auch die Symbolik des Nordportals (Kreuzstab und sog. "Templer-Rosetten"). Es ist gut denkbar, dass im 13. Jahrhundert der Templerorden den Gemeindepfarrer von Berching stellte, denn im Gegensatz zu Nachbarorten wie z. B. Weidenwang begann hier die "series parochorum" des Bistums Eichstätt erst im Jahr 1304. Dieser Zeitpunkt markiert den Abzug des Templerordens, über den wir demnächat andernorts noch ausführlicher berichten. Auf den Spuren der Templer kann man in unserer Gegend übrigens auch einige reizvolle Landpartien unternehmen: nach Berngau, Thannbrunn und Salmannsdorf, nach Oberweiling und Altmühlmünster.

Das Lorenz-Patrozinium selbst ist für Berching erst relativ spät schriftlich dokumentiert: Während z. B. in einer Urkunde von 1315 noch von der "Hofkapelle zu Berching" die Rede ist, ist das Lorenz-Patrozinium entweder erstmals für das Jahr 1410 oder sicher für 1448 bezeugt, als ein gewisser Chuntz, Bürger zu Berching, seine Erben verpflichtete, 5 Groschen "zu den elenden Kerzen sant Lorenzen" daselbst zu stiften.

Die Glocken von St. Lorenz referieren das Lorenz-Patrozinium gar erst für die nachreformatorische Zeit: Die älteste Glocke aus der Zeit um 1400 ist eine AVE-MARIA-Glocke, mit gotischen Majuskeln beschrieben. Die sog. Heilig-Geist-Glocke stammt aus der Zeit um oder kurz nach 1500. Erst die Hans-Glockengießer-Glocke, die 1590 zu Nürnberg entstand, weist wie eine zeitgleich entstandene Glocke in der Stadtpfarrkirche neben anderen Heiligen ein spezielles Lorenz-Relief auf.

 
Verbindungen zu St. Lorenz in Nürnberg

In der vorreformatorischen Zeit wird nun in Berching plötzlich und eigenartigerweise ein gewisser Einfluss der Kirche St.-Lorenz in Nürnberg spürbar! Man achte in diesem Zusammenhang auf das gemeinsame Patrozinium!

Wodurch manifestiert sich diese Verbindung?

Dieser Verweis wäre vielleicht nur von akademischem Interesse, wenn sich in ihm nicht auch ein Schlüssel zum Verständnis des größten Berchinger Kunstschatzes anböte! Man erfährt auch am konkreten Beispiel, welche Verwerfungen die Reformation für unseren Landstrich mit sich brachte.

Im Jahr 1513, also kurz vor Beginn der Reformation, wurde in Berching ein sogenanntes Prädikanten-Benefizium gestiftet. Es handelte sich um eine Predigerstelle in Berching, worüber sich Dokumente erhalten haben. Hier zeichnete ein gewisser Leonhard Griessel (Bressel, Gössel?) für die Institution verantwortlich. Den Namen sollte man sich merken! Als Vikar von St. Lorenz in Nürnberg war Leonhard Griessel ein hochstehender Geistlicher, der von einer oder mehreren Nürnberger Patrizierfamilien mit einer Pfründe versehen worden war, damit er lebenslang die Gottesdienstfeier an einem Altar in St. Lorenz in Nürnberg feierte (möglicherweise am Lorenz-Altar selbst!). St. Lorenz in Nürnberg war nur wenige Jahre zuvor, im Jahr 1477, zur heutigen Größe vollendet worden. Die reichsunmittelbare Stadt hatte mit ihren 28 Patrizierfamilien zur selben Zeit einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung genommen; die Einwohnerzahl verdreifachte sich von ca. 10 000 um 1300 auf ca. 30 000 um 1500. Dies geschah wohlgemerkt ohne Verdreifachung des überbauten Stadtareals, was die Höhe und Stattlichkeit jener mehrstöckigen Patrizierhäuser erklärt, deren Überreste man hie und da in der Altstadt von Nürnberg heute noch sieht. Der Einfluss der Patrizierfamilien entwickelte sich weit über Nürnberg hinaus, in einem Radius von 40-50 km um die Stadt herum, und so mag er auch Berching im Sulztal erreicht haben.

Nun ging es in dieser Zeit allgemeiner kirchlicher Dekadenz darum, mit der neuen Predigerstelle in Berching eine Institution von besonderer Güte und Hochwertigkeit zu errichten, und das kostete einen nicht unerheblichen Betrag. Zwei Nürnberger Bürgerinnen, die selbst oder über Leonhard Griessel in irgendeiner Weise mit Berching verbunden waren, stellten für die neue Predigerpfründe in Berching das stattliche Startkapital von 1400 rheinischen Gulden zur Verfügung - "mit ainem sondern gunst unser statt Berching".

Die Besetzung der Berchinger Pfründe stand zunächst "der fürnembsten Stiffterin" Margareth von Haslach - von ihr stammte der größte Teil der Stiftung - zu, nach ihrem Tod oblag sie dem Rat der Stadt Berching, die den Kandidaten, einen Doktor, Lizenziaten oder Bakkalaureus der Theologie, dem Bischof von Eichstätt zur Bestallung präsentieren musste. Damit blieb das Kirchenkapitel von St. Lorenz in Nürnberg bezüglich des Präsentationsrechts außen vor, obwohl der hinter der Stiftung stehende Leonhard Griessel von dort kam! Es handelt sich demnach eher um die Aktion einer einflussreichen Einzelperson, aber nicht um eine Aktivität des Kirchenkapitels oder des Stadtpfarrers von St. Lorenz in Nürnberg! Während um 1520 die Primiziantenzahlen im Hochstift Eichstätt wie in den meisten deutschen Bistümern drastisch zurückgingen - mit der Folge zahlreicher unbesetzter Pfarrstellen im Hochstift Eichstätt - konnte sich also Berching eines weiteren, hochkarätigen Geistlichen in der Person eines akademischen Predigers erfreuen.

Allerdings sollte der Benefiziat nicht in der Lorenzkirche agieren, sondern der Berchinger Liebfrauenkirche, der heutigen Stadtpfarrkirche, zu Aufschwung verhelfen, indem er dort an Sonn- und Feiertagen predigte, in der Fastenzeit zusätzlich am Montag, Mittwoch und Freitag. Außerdem musste er pro Woche drei Messen lesen. Die schon viel früher nachweisbare, möglicherweise auch auf den Templerorden zurückgehende Marienkapelle war erst im Jahr zuvor, 1519, zur neuen Stadtpfarrkirche Berchings erhoben worden.

Besonders erwähnenswert ist jedoch - nach dem jüngst, um 1450 erfundenen Buchdruck - die Anschaffung einer wertvollen Bibliothek, mit einem noch 1894 im Pastoralblatt von Eichstätt abgedruckten "Inventarium promptum Bibliothecae Berchinganae". Diese Sammlung ging im Kern auf eine persönliche Schenkung des Klerikers Leonhard Griessel zurück. Sie enthielt um 1601 80 Inkunabeln und Druckwerke, ist aber heute verschollen!

Ein kleiner Einschub: Der erste Buchdrucker, Buchbinder und Verleger der Schweiz, der im Jahr 1537 mit einer Werkstatt in Bern dokumentiert ist, stammte übrigens aus Berching: Er hieß Matthias Apiarius, zu Deutsch Matthias "Biener"! Das nur am Rande.

Zurück zu St. Lorenz:

Um der Vorstadtkirche nach der Einrichtung einer Predigerstelle an der neuen Stadtpfarrkirche den Bedeutungsverlust auszugleichen, wird nach 1500 die erwähnte Neuweihe und Umwidmung der Kirche als Begräbniskirche erfolgt sein. Doch dazu brauchte man eine entsprechende Reliquie!

Es ist schon ein merkwürdiger Zufall, dass vor wenigen Jahren im Dachgeschoß des Berchinger Pfarrhofs eine Lorenzreliquie unbekannter Herkunft in einem Schauglas aufgefunden wurde. Die Reliquie ist seit 2011 im neuen Hauptaltar der Stadtpfarrkirche untergebracht (siehe Bild).

Zwar ist durch ein Dokument des Stadtpfarrers Josef Asam vom 19.06.1865 dokumentiert, dass diese Reliquie aus der Hand eines früheren Berchinger Stadtpfarrers, nämlich Johann Adam Nieberlein, stammte. Dieser Pfarrherr, der später Suffraganbischof von Eichstätt wurde, habe 1720 die Reliquie mit einem Silberreliquiar in Form einer Statue seiner ehemaligen Pfarrgemeinde Berching gestiftet und dabei angegeben, sie aus einem Kloster erhalten zu haben.

Zwar darf man besonders zur Barockzeit eine geradezu inflationäre Vermehrung von sog. unauthorisierten Reliquien annehmen, aber dem Weihbischof Nieberlein traute selbst ein Stadtparrer Asam nicht zu, eine dieser dubiösen, weil unbestätigten Reliquien weitergegeben zu haben. Die Lorenz-Reliquie musste also einen gewissen Wert darstellen.

Dennoch bestätigte weder ein Zertifikat ihre Herkunft, noch teilte der Weihbischof mit, aus welchem Kloster er sie bekommen haben will. Dies mutet schon eigenartig an. Immerhin lagen im Berchinger Pfarrarchiv einst 20 Beglaubigungsurkunden von Reliquien der Stadtpfarrkirche aus dieser Zeit vor; es wurde minutiös Buch geführt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Weihbischof bei seinem Wegzug aus Berching - inmitten einer Zeit ausgesprochener politischer Instabilität durch den Spanischen Erbfolgekrieg ("Bayerischer Krieg" von 1702 bis 1704) - die Reliquie zunächst zur Sicherung, vielleicht sogar zur Sicherung der eigenen Existenz, von Berching mitgenommen hatte, sie aber später zusammen mit einem Statuenreliquiar an den Ort zurückkehren ließ, zu dem sie eigentlich gehörte. Dies macht verständlich, dass Nieberlein die Herkunft nicht an die große Glocke hängen konnte, aber schon deshalb auf einer Rückkehr bestand, weil die Reliquie vielleicht schon seit der Reformationszeit oder noch früher zu St. Lorenz gehört hatte! Paradoxerweise wurde dieses wertvolle Stück vor wenigen Tagen in den neuen, hypermodernen Volksaltar der Innenstadtkirche transferiert, der jedoch kein Lorenzaltar ist. Die Reliquie hätte stattdessen zurück in den Altar der Lorenzkirche gehört, welche allerdings heute für Gottesdienste nur noch selten benutzt wird.

Eine Lorenz-Reliquie gab es also in Berching, und es steht zu vermuten, dass sie, wenn sie nicht schon aus dem 12., 13. oder 14. Jahrhundert stammte, vielleicht im Rahmen der Reformationswirren von St. Lorenz in Nürnberg nach Berching gekommen war, vielleicht sogar der Lorenzreliquie aus der größten Nürnberger Stadtkirche entsprach.

Denselben Weg könnte auch die Lorenzstatue im linken Seitenaltar genommen haben, die um 1480 geschnitzt wurde und als kunstgeschichtlich wertvoll gilt.

Der vermutete Transfer fände vor allem in dem Umstand seine Rechtfertigung, dass Nürnberg seiner eigenen Lorenzreliquie zu fast derselben Zeit verlustig ging.

Und das kam so: Nach 1500 hatte sich in St. Lorenz in Nürnberg zunehmend ein in Augen vieler Geistlicher und Gläubiger zerstörerisches Gift breit gemacht, das die dortigen Reliquien gefährdete. Gemeint ist das Gedankengut der Reformation. Der reformatorische Gedanke stand nicht nur dem Ablasshandel, sondern vor allem auch dem Reliquienkult wegen der damit verbundenen Geldflüsse äußerst ablehnend gegenüber.

Ein Reliquientransfer nach Berching hätte auch insofern keine großen Probleme gemacht, als in St. Lorenz in Nürnberg der Lorenzkult seit langem durch den weitaus populäreren Deokar-Kult abgelöst worden war. Deokar war der Beichtvater Karls des Großen gewesen, die Überführung seiner Reliquien aus dem Kloster Herrieden nach Nürnberg war schon 1316 erfolgt, der prachtvolle Deokar-Altar, der damals große Scharen von Gläubigen anzog und den man noch heute in St. Lorenz bewundern kann, stammt von 1437. An diesem Altar fand also vorreformatorisch der entscheidende Reliquienkult statt, wohingegen man wahrscheinlich den Lorenzkult schon länger vernachlässigt hatte und spätestens seit 1525 über eine dortige Lorenzreliquie definitiv nichts mehr weiß. Dies gilt bis heute. Lorenzaltar nennt sich in Nürnberg zwar der Hauptaltar, dieser Altar trägt aber eine Kreuzigungsgruppe und umfasst - wie gesagt - weder Statue noch Reliquie.

Im Jahr 1525 trat St. Lorenz in Nürnberg unter dem Einfluss des berühmten Predigers Andreas Osiander als eine der ersten Großkirchen in Deutschland geschlossen zur Reformation über und verbot die Reliquienverehrung sofort. Dies geschah zur selben Zeit, als vor den Toren Berchings der Bauernkrieg tobte.

Wenn ein Leonhard Griessel dafür gesorgt haben sollte, dass der Nürnberger Lorenzkult nach Berching transferiert wurde, dann wird auch seine Bücherschenkung verständlich. Sie kam ja nicht aus dem Nichts. Vielleicht wollte der Kanoniker seine eigene wertvolle Büchersammlung ganz einfach in die Sicherheit des katholischen Berching gebracht wissen!

 
Des Weiteren steht zu vermuten, dass es sich dabei um eine Rettungsaktion in Absprache mit dem Eichstätter Bischof Gabriel von Eyb handelte. Gabriel von Eyb war ein erklärter und exponierter Reformationsgegner. Er hatte sich als einer der ersten katholischen Bischöfe öffentlich gegen das neue Gedankengut gewandt und diese mutige Amtshandlung sogar wissenschaftlich vorbereiten lassen - über Vizekanzler Dr. Johannes Eck aus Ingolstadt, dessen 18 "Annotationes" über die Thesen Luthers öffentlich verbreitet und später von Luther persönlich als "Obelisci" gegen seine Lehre bezeichnet wurden.

Mag sein, dass das im Gegensatz zu den anderen Hochstiftstädten Greding und Beilngries bereits vor 1525 mauernumwehrte Berching als erste Grenzstadt im Hoheitsgebiet der Eichstätter Bischöfe für die Überreste und den Kult des "Heiligen Lorenz" genau die sichere Zufluchtsstätte darstellte, die man benötigte, während die luthergläubige Bürgermajorität in Nürnberg, die wenig später die Abspaltung von den Diözesen Eichstätt und Bamberg vollzog, den Reliquien sowieso keine besondere Bedeutung mehr beimaß.

Berching sollte alsbald seine Wehrfähigkeit dadurch beweisen, dass es erfolgreich im Bauernkrieg den Obermässinger Bauernhaufen abwehrte. Zum Schutz vor den nachfolgenden Kriegen - einige Kleinkriege und der Dreißigjährige Krieg - mag dann die Lorenz-Reliquie aus der Kirche in Berching in einen Dachschrank des Pfarrhauses gelangt sein, wo sie in Vergessenheit geriet.

In Nürnberg hat dagegen ein reformatorischer Bildersturm allen Befürchtungen zum Trotz nie stattgefunden, ein Reliquienfrevel auch nicht, so dass es eigentlich keinen rechten Grund gibt, dort keine Lorenz-Reliquie und/oder Statue vorzufinden. Und dennoch ist es so! Verständlich wird dieses eigentümliche Phänomen dann, wenn man die vorliegende Theorie akzeptiert. Beweise im strengeren Sinn werden sich allerdings heute nicht mehr erbringen lassen.

Zu Aufwertung der Kultstätte des Heiligen Lorenz in Berching passt auch das Vorhandensein des prächtigen Laurenzi-Altares vorne rechts und links im Altarraum. Dieser Altar wird mit kunsthistorischen Argumenten ebenfalls in den Vorabend der Reformation datiert und stellt heute das berühmteste Kunstwerk Berchings dar. Er hat sich leider nur in seinen Tafelbildern erhalten, Umrahmung und Altaraufbau sind verloren und durch eine neogotische Fassung ersetzt.

Die Bilder, die 1980/1982 in den Werkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege restauriert und konserviert wurden, zeigen Szenen aus der Legende des Heiligen Lorenz - links die Diakonatsweihe und das Begräbnis des heiligen Lorenz, rechts St. Lorenz vor dem Kaiser und der Heilige Sippe. Die Motive im Einzelnen:

Rechter Seitenaltar:

Linker Seitenaltar:

Die leuchtenden, fein abgestimmten Farben und stimmungsvollen Hintergrundlandschaften dieser Arbeit um 1515 hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck und verweisen laut den "Kunstdenkmälern von Bayern" bezüglich der Maltechnik auf die Donauschule Albrecht Altdorfers in Regensburg. Eventuell hat bei den Tafelbildern sogar Albrecht Altdorfer persönlich den Pinsel angesetzt. Dass die Tafeln nicht seine Signatur tragen, widerspricht dieser Hypothese nicht; bekanntlich ist nur die Hälfte der Werke, die Altdorfer heute zugeschrieben werden, persönlich signiert. Altdorfer war seit 1505 in Regensburg als Maler tätig und zeigte sich nach einer Karriere als Ratsherr erst Jahrzehnte später, im Jahr 1533, dem neuen Glauben gewogen. In Regensburg hat sich also die Reformation erst über 20 Jahre nach Fertigstellung des Werkes, im Jahr 1542, durchsetzen können.

Der Herstellungsaufwand dieses Doppel-Altars, der rechts von einer Holzfigur des Heiligen Laurentius, links des heiligen Sebastian (beide um 1500) ergänzt wird, überstieg die Möglichkeiten der Berchinger Bürgerschaft bei Weitem. Es würde gut passen, wenn dieser Altar von einem entsprechenden Mäzen in der Donaumetropole geordert worden wäre. Wieder mag Bischof Gabriel von Eyb seine Hand im Spiel gehabt haben, der beste Kontakte zum Stuhl von Regensburg unterhielt und in Regensburg den "Eichstätter Hof" als ständige bischöfliche Residenz groß ausbauen ließ.

Allerdings ist die Zuordnung des Lorenz-Altars zur Donauschule nicht verbrieft, und so wollen wir letztendlich auch eine Nürnberger Provenienz nicht ganz ausschließen, zumal auch in der dortigen St. Lorenz-Kirche landschaftsbetonte Bilder aus dieser Zeit existieren, und wiederum zur gleichen Zeit ein zweiter berühmter Lorenzaltar aus Nürnberg heraus in unsere Gegend gelangte, in ein kleines entlegenes Dorf namens Schwimbach, 15 km Luftlinie westlich von Berching gelegen.

Exkurs: Der Schimbacher Lorenzaltar

Schwimbach ist ein Dörflein im östlichen Mittelfranken, gelegen beim Markt Thalmässing, fernab aller Durchgangsrouten. Noch heute lässt der Ort in seiner alten Gebäudesubstanz ein mittelalterliches Gepränge erkennen. In der Dorfkirche St. Lorenz - man achte auf die erneute Koinzidenz des Patroziniums! - hat sich als weiteres ungewöhnliches Kleinod ein Laurenzi-Altar mit Schnitzfiguren aus dem Leben des Heiligen erhalten. Dieser Altar stammt aus der Werkstatt des berühmten Nürnberger Bildhauers Michael Wolgemut und wird auf das Jahr 1511 datiert.

 
Auf seiner Rückseite findet sich ein exzellent gemaltes Portrait des leidenden Christus, das sog. "Schweißtuch der Veronika", das aus der frühen Hand Albrecht Dürers oder eines seiner Schüler stammen dürfte. Dürer hatte zwischen 1486 und 1490 bei Wolgemut gelernt. Wolgemut erlebte übrigens die Reformation in Nürnberg nicht mehr, er starb hochbetagt 1519, Dürer überlebte sie nur um drei Jahre. Ein weiteres Dürer zugeschriebenes Altarbild lässt sich in einer weiteren Dorfkirche orten, die ebenfalls nicht weit von Berching entfernt liegt, in Oberndorf bei Sulzkirchen. Soviel nur nebenbei.

Wie kam der wertvolle Schnitz-Altar nach Schwimbach, in ein Dorf, dessen wenige Bewohner ein derartiges Meisterwerk nie allein hätten stemmen können? Auch das ist ein Rätsel. Es ist allerdings bewiesen, dass der Altar ursprünglich gar nicht für den dortigen Chor vorgesehen war; ein vergoldetes gotisches Sprengwerk muss beim Aufstellen des Altares wegen der Größe entfernt worden sein. Das ist übrigens eine weitere Parallele zu Berching: Auch hier haben nur die Tafelbilder "überlebt", nicht jedoch der Altaraufbau selbst.

Das Dorf Schwimbach gehörte im ausgehenden Mittelalter dem Heilig-Geist-Spital in Nürnberg, dieses wiederum zu St. Lorenz, wobei beides gleichzeitig Aufschwung und Höhepunkt erlebt hatte. Das Dorf lag allerdings nicht im Hochstift Eichstätt, aber wenigstens unmittelbar an dessen Grenze, fast in Blickweite der eichstättischen Feste in Obermässing. So entging das Örtchen zwar formell nicht der Reformation, der Altar aber der befürchteten Zerstörung. Wobei ebenfalls der Eichstätter Stuhl seine Hand im Spiel gehabt haben kann.

Man darf angesichts der Lorenzaltar-Parallelen in Berching und Schwimbach mit gutem Grund davon ausgehen, dass orthodoxe, antireformatorisch gestimmte Kreise in Nürnberg damals den als urkatholisch zu betrachtenden Lorenz-Kult wenigstens in seinen überragenden Kunstwerken zu retten trachteten. Ob auch in Schwimbach eine Lorenz-Reliquie existiert, ist nicht bekannt. Wie in Berching haben sich dort beweisende Dokumente nicht erhalten. So gerieten die Umstände des anzunehmenden Kunsttransfers schon früh in Vergessenheit. Verständlich dann, wenn man unterstellt, dass schriftliche Dokumente von vorne herein vermieden oder vernichtet wurden, um einer späteren Anfechtung vorzubeugen.

Zurück nach St. Lorenz in Berching:

Etwa aus derselben Zeit wie die Tafelbilder stammen die Holzfiguren des Altars: Der Hochaltar birgt in einem Gehäuse von 1868 (verändert 1946; siehe unten) spätgotische Schnitzarbeiten mit Bemalung, im Mittelschrein die vollplastische Gruppe Mariä Krönung, daneben kleinere Figuren der Heiligen Märtyrer Laurentius und Stephanus (Altarweihe 1502). Aus der Spätzeit des 15. Jahrhunderts stammt der Überrest eines größeren Sakramentshäuschens rechts vorne im Chor, welches ursprünglich vielleicht einen anderen Standort hatte. Gegenüberder Holfigur des Heiligen Liborius aus derselben Zeit findet man über den Epitaphien des Spitalbenefiziaten Petrus Eusebius Hämmerle (+1755) und des Dechants Dr. Philipp Martin Billinger (+1734) je eine Gruppe von 7 Nothelfern vom Ende des 16. Jahrhunderts. Doch mit dem Figurenschmuck war den Schenkungen noch kein Ende gesetzt:

Im Jahr 1516 - zur selben Zeit, als Martin Luther seine 95 Thesen zusammenstellte, um sie ein Jahr später an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg zu nageln -, stiftete der Laurenzi-Kanoniker Griessel, den wir bereits kennengelernt haben, eine weitere Einrichtung in Berching. Es handelt sich um die sogenannte Angst, eine schauspielmäßig inszenierte Ölbergandacht an den 5 Gründonnerstagen vor dem Passionsfest. Im Jahr 1595 erfolgte eine Zustiftung, nach welcher die Angst an jedem Donnerstag im Jahr zu halten war. Im Jahr 1806 wurde diese Tradition nach zwischenzeitlicher Stillegung während der Säkularisation von den Franziskanern in Berching für die 6 Donnerstage der Fastenzeit wieder aufgenommen, allerdings 1880 erneut eingestellt, da man befürchtete, die verwendeten Öllämpchen könnten durch Ruß der neu renovierten Klosterkirche schaden. Ein dritte Wiederaufnahme erfolgte am 21. März 1929, eine vierte im Jahr 1952, nachdem die Kriegswirren eine erneute Unterbrechung ab 1940 mit sich gebracht hatten. Im Jahr 1967 wurde die Angst das letzte mal im der Kirche des Franziskanerklosters gehalten, ehe dieses ausgelöst wurde. Erst 1982, ein Jahr vor der 1000-Jahr-Feier der Stadt Berching - erfolgte die fünfte Wiederaufnahme. Seitdem wird dieses Mysterienspiel als große Tradition in Berching bis zum heutigen Tag gepflegt und zieht alljährlich namhafte Prediger von auswärts an (Äbte, Bischöfe, zuletzt auch den umstrittenen Bischof Walter Mixa von Augsburg).

Und nicht zuletzt wird es auch kein Zufall sein, wenn sich gerade um 1520 der Hauptmarkt in der Innenstadt von Berching plötzlich Laurenzi-Markt nannte. Auch dies bleibt festzuhalten.

Schon 1507 war der Muttergottesaltar in der Mitte des Altarraumes geschaffen worden, 1598 folgte ein sogenannter Helenenaltar, über dessen Existenz wir nichts weiter berichten können. Das jedenfalls sind original Berchinger Stiftungen.

Weitere bauliche Relikte aus den nachfolgenden Jahrzehnten haben sich ebenfalls erhalten: Wenn wir die Kirche verlassen, erkennen wir an der Nordwand der St.-Lorenzkirche den Einbau verschiedener Blendbogen- und Rechtecknischen und den angebauten Ölberg, ein Szenenhaus mit Zinnengiebel, wie es sich auch in vielen anderen bayerischen Städten findet. Die figurale Ausstattung stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Lebensgroße Figuren Christi und dreier Apostel postieren vor einem Relief aus Sandstein: Die Schergen steigen über den Zaun.

Früher zierten die jetzt leeren Wandfelder des Anbaus zahlreiche Holztafelbilder. Wegen ihres schlechten Erhaltungszustandes wurden sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfernt und vernichtet; alte Photographien über das einstige, farbenfrohe Aussehen haben sich erhalten.

Wenn man heute über das Gewölbe von St. Lorenz empor steigt, entdeckt man oberhalb des Gewölbes an den Seitenwänden bedeutsame Reste der gotischen Wandbemalung, u. a. eine Kreuzigungsgruppe des 16. Jahrhunderts.

Die gotische Kirche muss also mit einer gotischen Flachdecke versehen und recht farbenfroh und wandfüllend ausgemalt gewesen sein. Die Überreste dieser Fresken sind anlässlich des jüngsten Umbaus des Dachstuhles freigelegt, aktuell aber noch nicht weiter erforscht oder konserviert worden.

 

Halten wir am Ende fest:

Es gelangten zur Zeit der Reformation wichtige Kultgegenstände und großartige Kunstwerke in unsere Gegend und insbesondere nach Berching, und es steht zu vermuten, dass Mäzene wie Leonhard Griessel und dem Katholizismus treu ergebene Patrizierfamilien mit Berchinger Wurzeln, möglicherweise aber auch der Eichstätter Bischof Gabriel von Eyb, finanziell und organisatorisch engagiert waren.

Wenn die hier vorgetragenen Rückschlüsse stimmen, dann ist St. Lorenz in Berching in seiner gotischen Substanz der eigentliche geistige Ableger der vorreformatorischen Kirche St. Lorenz von Nürnberg, während die dortige Substanz in Bezug auf das Patrozinium seit 1525 nur noch eine blanke bauliche Hülle darstellt. Was die Geschichte und Bedeutung der größten Stadtkirche von Nürnberg natürlich nicht schmälern soll, die Berchinger Kirche jedoch als Exemplarium der Reformationsfolgen in einen besonderen Rang erhebt.

In all den erwähnten Attributen stilisierte sich damals die Lorenzkirche von Berching, nachdem das Stadtpfarrrecht auf die Marienkirche in der Innenstadt übertragen worden war, als eine Passions- und Trauerkirche mit bildhauerischen und sogar schauspielerischen Passionsmotiven, und nahm so in besonders origineller und vorausahnender Weise "die Passion der Gesamtkirche" durch die Unbilden der Religionskriege und andere politische Verwerfungen in Deutschland vorweg. Ihre Funktion als Begräbniskirche - der Berchinger Friedhof lag seit jeher um St. Lorenz herum und wurde erst 1860 aufgelöst - markierte im selben Geist den "Gang alles Irdischen", erbrachte aber natürlich auch Einkünfte, die die Kirche dringend nötig hatte, z. B. über die sogenannten Stolgebühren.

Das Wehleiden sollte nach einigen kleineren Kriegen 100 Jahre später in der Tat über Berching hereinbrechen: Im großen Religionskrieg, dem Dreißigjährigen Krieg zwischen 1618 und 1648, wurde Berching schwer in Mitleidenschaft gezogen. Überfälle, Plünderungen und Besetzungen 1633/34 und 1640 hinterließen in der gesamten Vorstadt verheerende Schäden. Der "schwarze Tod", die Pest, tat sein Übriges. Eine Inschrift über der Stampfermühle vor den Mauern der Berchinger Vorstadt war allerdings schon einige Jahre zuvor entstanden und nimmt auch auf ein anderes Ereignis Bezug: "Diese Mill steht in Gottes handt, Bey dem Jerg Stempfer ist es genannt. Der hat'ß Erbaut in diesem Jar wie Alles drain erschlagen War. Als man zelt 1628 Jar." Beschrieben ist hier die Zerstörung des Vorgängerbaus der Mühle durch Blitzschlag, nicht eine Zerstörung durch die Schweden!

Die barocke Kirche

Etwa ab ca. 1680 ging es mit Berching wirtschaftlich wieder aufwärts. Nunmehr, fast 400 Jahre nach dem letzten großen Kirchenumbau, wird bei endlich guter Quellenlage ein weitgehender konstruktiver Umbau, die Barockisierung der Kirche St. Lorenz referiert. Das Schiff wurde seiner nach wie vor romanischen bzw. frühgotischen Flachdecke entledigt, flach überwölbt, wozu massive Stützpfeiler eingezogen werden mussten. Der Chorturm wurde um Klangarkaden erweitert und um den Laternenaufbau überhöht, den man heute noch sehen kann. Damals wurden auch die Barockfenster unter Beseitigung der romanisch/gotischen Vorgänger eingebaut und das Westportal abermals barock umgestaltet.

Johann Baptist Camesino - italienisch Giovanni Battista Camessina - war ein Graubündner Baumeister in Diensten der Eichstätter Bischöfe. Er lebte in Untermässing nicht weit von hier und zeichnete für den Umbau verantwortlich. Camesino hat in unserer Gegend viele Kirchenbauten hinterlassen. Im Auftrag der Eichstätter Bischöfe gestaltete er zwischen 1680 und 1685 das Langhaus von St. Lorenz zu der erwähnten "Wandpfeilerkirche" mit breitem Gewölbe um, was übrigens nicht ganz ohne Folgen für die Statik blieb. Der Druck auf die Seitenwände, der durch einen zusätzlich fehlkonstruierten Dachstuhl noch potenziert wurde, war enorm, die Wandpfeiler neigten sich nach außen. Die gewünschte Barockisierung hatte also ihren Preis. Die statischen Mängel konnten erst kürzlich mit großem konstruktivem Aufwand neutralisiert werden.

Aus dem Jahr 1691 stammen die beiden Beichtstühle mit den Oberbildern Magdalena und Petrus.

Die Neuweihe der Kirche nahm Weihbischof Franz Christoph Rinck von Baldenstein am 28. August 1685 vor. Vornehmlicher Mäzen war der zu Reichtum gekommene Johann Georg Rumpf, der 1688 die Empore errichten ließ. Seine damalige Stellung "consul et oenopola, Bürgermeister und Weinhändler", entnimmt man einer Inschrift an der Empore.

Etwa aus derselben Zeit vor 1700 stammt der Neubau unseres Hauses in der St.-Lorenz-Str. 9, vormals Hausnummer 222, später genannt das Reitermetzgerhaus (Ersterwähnung 1693, Eintrag im Häuserbuch der Stadt Berching).

 
St. Lorenz - Neugotik, Neobarock, Jetztzeit

Im Jahr 1850 fand eine erneute Renovierung der Kirche statt. Dabei wurde die Johann-Michael-Bittner-Orgel eingebaut, die vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege inzwischen als historische Denkmalorgel eingestuft ist. Die Orgel wurde im Jahr 1850 vom Nürnberger Orgelbauer Bittner erbaut. Sie ist mit ihrem freistehenden Spieltisch mit Blickrichtung zum Altar, ihrer mechanischen Traktur und ihrem vollständig erhaltenen Balghaus mit Keilbalganlage und drei originalen Keilbälgen eine Besonderheit unter den Denkmalorgeln im süddeutschen Raum.

Die Disposition folgt mit ihrer Anhäufung von Klangnuancen im Grundstimmenbereich bereits nachbarocker Ästhetik, aber dennoch ist die ganze Orgel "barock" gedacht und eignet sich hervorragend zur Darstellung von Alter Musik. Ihr Klang und ihre Mechanik ermöglichen insbesondere einen authentischen Eindruck von der Aufführungspraxis süddeutscher Barockmusik. Aber auch die Neue Musik und speziell die Orgelimprovisation haben auf ihr einen ganz eigenen Reiz. Die Orgel wurde kürzlich mit hohem Aufwand von der Orgelbaufirma Sandtner aus Dillingen renoviert, die originalen, aber wohl verstimmten und dadurch nicht mehr brauchbaren Orgelpfeifen hängen jetzt zum Teil in unserem Hof! Die festliche Orgelwiederweihe fand am Sonntag, den 25. September 2011, statt.

 
Vom ehemaligen Friedhof haben sich ein paar schmiedeeiserne, allerdings sehr hübsche Kreuze erhalten, wie sie in unserer Gegend nicht selten sind (besonders schöne Exemplare stehen am Habsberg und in Dietkirchen).

Die Michaelskapelle an der Südostecke - seit 1816 ist nur noch der Chor erhalten - birgt in ihren aufgehenden Mauern noch die Reste eines zweistöckigen Karnerbaus. Dieser wurde zwar 1502 bischöflich geweiht, ist aber in seiner Ursubstanz wesentlich älter gewesen (ähnlich den Karnern in Greding oder Pfaffenhofen?). Eine Visitation des Generalvikars Priefer aus Eichstätt in den Jahren 1601/1602 berichtet von zwei Altären in der Kirche, wobei einer in der Krypta stehe, als Kirchweihfest wird Dominica post S. Margaritam angegeben. Außerdem habe es in der Nähe noch eine weitere, direkt an St. Lorenz anstoßende Kapelle gegeben, die zum Zeitpunkt der Visitation bereits profaniert war. Grabungen, welche die Krypta des Karners freilegen könnten, fanden bis heute nicht statt. Eine Zeichung von Maurizio Pedetti demonstriert die Situation um 1720 (Pfeil).

Bei der Restaurierung 1868 unter Leitung von Pfarrer Sebastian Mutzl aus Enkering wurden die Barockaltäre durch neugotische Altaraufbauten ersetzt, ein neues Pflaster eingebracht, das alte Betgestühl ersetzt.

In den Jahren 1880 und 1881 wurden die historische Friedhofsmauer und das kleine Leichenwärterhaus, das in seiner Achse noch den karolingischen Königshof markierte, niedergelegt. [Link]

Wichtigste Maßnahme der Renovierung 1946/47 war die neugotische Umgestaltung der Seitenaltäre, wobei auch der Hochaltar Veränderungen erfuhr.

In den Jahren 1980 bis 1982 wurden anlässlich einer Gesamtrenovierung einige wertvolle Epitaphien von den Außenwänden und vom Kirchenboden an die Innenwände versetzt. Das Grabmal links zeigt in rotem Marmor die Reliefs des Johann Georg Rumpff (+ 1691 und 1700) und seiner Frau Maria Margareta Rumpffin, kniend vor dem Kruzifix. Rechts Grabstein des Georg Schöttel (+1583), fürstbischöflich-eichstättischer Propst zu Berching, und seiner Frau Maria Fürsiching (+1581), in einer Renaissance-Ädikula mit ihren vier Kindern, eine Arbeit aus der Schule von Loy Hering, von 1584. Rechts außen ein Priestergrab. Ein weiterer Grabstein bezeichnet den Hofmarkbesitzer Wolfgang Mühlbeck von Erasbach (+1514).

Ein stark in Mitleidenschaft gezogenes, aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammendes und inzwischen auch als wertvoll eingeschätztes Holzrelief über den Kreuzweg Jesu, welches bis 1952 im Mittleren Tor hing, wurde restauriert und in die Lorenzkirche verbracht. Es soll von den Berchinger Bürgern nach der Errettung von der Pest im Jahr 1634 gestiftet worden sein, wie es die Inschrift an der Basis beschreibt. Kunsthistoriker datieren das Schnitzwerk selbst in wesentlich frühere Zeit, entweder in die Jahre 1420 bis 1430, mit originaler Farbfassung, entsprechend dem Bildprogramm, oder in die Zeit um 1500, dann eventuell sogar aus der Werkstatt des berühmten Nürnberger Bildhauers und Bildschnitzers Veit Stoß stammend. In der Tordurchfahrt verkam und verschmutzte dieses wertvolle Relief so, dass man am Ende kaum noch die Figuren differenzieren konnte.

2009 bis 2011 fand unter der Federführung der Berchinger Handwerker - allen voran die Firmen Englmann, Bogner und Götz, die z. T. auch unser Haus renoviert haben,- mit Millionenaufwand eine Gesamtrenovierung von Dachaufbau und Außenwänden statt. Sie haben die Lorenzkirche so gestaltet, wie sie sich jetzt dem Besucher präsentiert.

 

Heute ist die Kirche St. Lorenz, welche in ihrer aufgehenden Substanz mehr als 1100 Jahre Kirchengeschichte repräsentiert, als musealer Raum dem allgemeinen Publikumsverkehr nur zeitweise zugänglich, wird jedoch wegen ihrer guten Akustik und kunsthistorisch reizvollen Ausstattung gerne als Konzert- und Aufführungsraum benutzt.

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