Hersendis de Campania

Erste Priorin von Fontrevraud und Mutter Heloisas

© Dr. Werner Robl, Berching, Mai 2015.

Die Geschichte begann im Herbst 1998, als uns ein nicht sehr umfangreiches lateinisches Kartularium des Klosters Marmoutiers bei Tours in die Hände fiel, welches im 19. Jahrhundert in Druckfassung erschienen war und die frühmittelalterlichen Besitzurkunden Marmoutiers im Raum Vendôme enthielt: M. de Trémault: Cartulaire de Marmoutiers pour les Vendômois, Paris-Vendôme, 1893. In den Urkunden fanden sich sage und schreibe fünfzehn verschiedene Personen namens Fulbertus, zitiert an einunddreißig Stellen. Das um ein Vielfaches umfangreichere Kartularium von Paris, R. deLasteyrie: Cartulaire Générale de Paris, Tome Premier, 28-1180, Paris, 1887, wies dagegen trotz mehrfachen Umfangs nur maximal sieben Personen dieses Namens aus - Heloïsas Onkel Fulbert war dabei der mit Abstand am meisten genannte.

Diese Diskrepanz gab uns zu denken! Sollte Fulbert und damit Heloïsas Familie doch nicht aus Paris oder Umgebung stammen, wie bisher von der Abaelard-Forschung angenommen? Diese und andere Merkwürdigkeiten gaben den Anlass, die Suche nach Heloïsas Familie erneut und unter geändertem Blickwinkel aufzunehmen. Die sich anschließende, über zwei Jahre dauernde Recherche in Werken von und über Heloïsa und Abaelard, sowie in den Urkundenbüchern, Kartularien, Totenbüchern, Chroniken und Genealogien der Epoche nahm mitunter schweißtreibende Ausmaße an. Viele der Werke zeigten hohes Alter und konnten nur mit großer Mühe aus den jeweiligen Bibliotheken besorgt werden. Weit über zwanzigtausend Druckseiten in lateinischer Sprache - vermutlich sogar wesentlich mehr - wurden einer Überprüfung unterzogen.

Hatte Heloïsas Familie wirklich keine Spuren hinterlassen, wie seit Jahrhunderten angenommen?

Der Zweifel war berechtigt, unsere Suche glücklicherweise nicht umsonst. Es fanden sich einige Hinweise dafür, dass Heloïsa aus einer adeligen Familie der Loire-Region stammte. Der Schlüssel lag jedoch in einer Stelle des lateinischen Obituariums des Paraklet-Klosters. Dieses enthielt als einziges Werk Angaben zu Heloïsas Mutter - nämlich den Namen und den Sterbetag. In zwei Totenbüchern aus Chartres fanden wir nach langer Suche korrespondierende Einträge - mit nahezu identischen Angaben:

Hier war die Rede von der ersten Priorin des berühmten Klosters Fontevraud - unweit von Cande an der Loire - welches um 1100 der Wanderprediger Robert von Arbrissel gegründet hatte. Ihr Name war lat. Hersendis de Campania, fr. Hersende de Champagne, dt. Hersendis von Champagne.

Die Recherche erbrachte weitere Hinweise zum Todestag dieser Frau. So hatte z.B. das alte Martyrologium der Abtei Fontevraud einen entsprechenden Eintrag für den 29. November enthalten. Die Ein-Tages-Abweichung 29. November - 1. Dezember sprach nicht gegen die Identität der Person, an welche hier erinnert wurde. Abweichungen von einem Tag für denselben Todestermin werden in den Totenbüchern des Frühmittelalters häufig angetroffen. Neben Ungenauigkeiten der Kalenderrechnung erklärt sich dies vor allem dadurch, dass die feierlichen Vigilien zu einem Todestermin nach altem Brauch am Vorabend, nach späterem Ritus vor der Morgenmesse des folgenden Tages gefeiert wurden. Viele der Totenbücher wurden in späterer Zeit transskribiert. Dabei wurden meistens die entsprechenden Veränderungen vorgenommen - mit der Folge der Ein-Tages-Abweichung.

Kam die am selben Tag verstorbene Nonne Fontevrauds als Mutter Heloïsas in Frage?

Wir ließen nicht locker und dehnten die Recherche aus. Sie erbrachte im Folgenden interessante und überraschende Einsichten in das faszinierende Leben dieser Dame, die aus dem angevinischen Hochadel stammte. Der Familienstammbaum konnte weitgehend rekonstruiert werden. Nach einiger Zeit war klar, dass bezüglich dieser Frau die gesamte Gündungsgeschichte Fontevrauds neu geschrieben werden muss. Es fanden sich in der Tat einige Hinweise dafür, dass Hersendis von Champagne die Mutter Heloïsas war. Beider Lebensgeschichten ergaben in vielen Punkten Parallelen und Übereinstimmungen. Auch zu Onkel Fulbert, zu seinem Weg nach Paris und seinen alten Tagen ließen sich Quellen finden. Die Geschichte von Heloïsa und Abaelard erscheint nun stellenweise in einem neuen Licht.

Wir haben schließlich die Resultate der mehrjährigen Recherche und Analyse in einer Übersichtarbeit zusammengestellt, die im Mai 2001 im Olzog Verlag München in Druckform erschien.

Die Auflage ist inzwischen vergriffen, einzelne Druckexemplare sind aber über den Antiquariats-Buchhandel noch erhältlich: Heloïsas Herkunft: Hersindis Mater - ISBN 3-7892-8070-4. Bestellmöglichkeiten bestehen z. B. bei [AMAZON] oder [ZVAB].

Seit Drucklegung 2001 haben sich etliche Zusatzinformationen ergeben, außerdem besteht immer noch Nachfrage nach dem Werk. Wir haben uns deshalb entschlossen, ab sofort das um die besagten Zusätze erweiterte druckfähige Manuskript unseren Lesern kostenfrei als PDF-Datei zur Verfügung zu stellen. Zum Download einfach auf das nebenstehende Bild klicken!

Die Arbeit richtet sich in erster Linie an den geschichtsinteressierten Leser, der bereits den berühmten Briefwechsel des Paares Heloïsa und Abaelard kennt und von der Sublimität der Gedanken und der Religiosität und Leidenschaftlichkeit einer vergangenen Welt fasziniert ist. Vielleicht will der Leser nun mehr wissen - über Heloïsa, Fulbert, ihre Familie und Herkunft. Das Buch spannt einen weiten Bogen, von der Mitte des 11. bis zur zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Neben neuen, bisher nicht veröffentlichen Erkenntnissen zur Familiengeschichte Heloïsas findet sich auch eine komplette Biographie der Hersendis de Campania und zahlreiche weitere Hintergrundinformationen zur Geschichte Heloïsas, Abaelards und des Paraklet-Klosters, die bislang nicht oder nicht in entsprechendem Zusammenhang publiziert wurden.
 


 

Im Jahr 2004 erschien unter der Herausgeberschaft von Ursula Niggli und unter Mitwirkung namhafter deutschspachiger Wissenschaftler im renommierten Herder-Verlag/Freiburg als Nr. 4 der "Forschungen zur europäischen Geistesgeschichte" der Sammelband: Peter Abaelard - Leben, Werk, Wirkung - ISBN 3-451-28172-4.

Auszug aus der Buchwerbung:

Abaelard (1079-1142) gilt als philosophisch-theologisches Genie des 12. Jahrhunderts. Für die Mediävistik, inzwischen das Vorzeigefach der integrierten Kulturwissenschaft, ist er eines der interessantesten Forschungsobjekte überhaupt. Der vorliegende Band ebnet den Weg zu Abaelards Leben und Werk, erschließt Abaelards Gedankenwelt, führt in die Hauptwerke des zweimal als Ketzer Verurteilten ein und analysiert seine Wirkung auf die Zeitgenossen. Der Band enthält zahlreiche Illustrationen und eine systematische Abaelard-Bibliographie ab 1988.

Die Herausgeberin: Ursula Niggli, Dr. phil., Studium der Philosophie, Theologie und Mediävistik in Zürich, Heidelberg, Toronto. Autoren: Hans-Wolfgang Krautz + (Frankfurt), Hans-Jürgen Müller (Frankfurt), Ursula Niggli (Zürich), Rolf Peppermüller (Bochum), Matthias Perkams (Jena), Werner Robl (Neustadt/WN).

Aus dem Inhalt:

In diesem Sammelwerk von insgesamt 432 Seiten erschienen also 3 Artikel unserseits, darunter auch eine Neuzusammenfassung unserer Forschungen zu Heloisas Mutter Hersindis von Champagne, ergänzt um Ausblicke auf die Familiengeschichte Peter Abaelards. Da auch dieses Werk von 2004 heute vergriffen und als Gebraucht-Exemplar nur zu horrenden Preisen zu erstehen ist, stellen wir hiermit unseren Hersendis-Beitrag für Interessenten zum Download zur Verfügung. Hierzu einfach auf das obige Bild mit der Umschlagseite klicken!
 


 

Constant Mews, Professor "of Medieval Thought" und Direktor im "Centre for Studies in Religion and Theology", Monash University in Melbourne, ist der wohl bekannteste Abaelardist unserer Zeit. Prof. Mews ist obendrein einer der wenigen Wissenschaftler der internationalen Mediävisten-Szene, dem es aufgrund seiner sprachlichen Kenntnisse mühelos möglich ist, an deutschspachigen Publikationen zu Peter Abaelard und Heloisa teilzuhaben.

Aus der offenkundigen Erkenntnis heraus, dass unsere Herkunfts-Theorie zu Heloisas Mutter ernst zu nehmen und einer weiteren Verbreitung zuzuführen ist, aber den meisten Fachleuten aus dem angloamerikanischen Sprachraum womöglich verschlossen bleibt, griff Prof. Mews ohne unser Zutun die Thematik "Heloisa und Hersendis" in einem Fachartikel in der wohl wichtigsten mediävistischen Zeitschrift der Welt auf. Es handelt sich um das 4-mal im Jahr erscheinende Fachjournal "Viator", welches vom "Center for Medieval and Renaissance Studies" der University of California in Los Angeles herausgegeben wird.

Prof Mews' Artikel zum Thema trägt den Titel: "Negotiating the boundaries of gender in religious life: Robert of Arbrissel and Hersende, Abelard and Heloise" und erschien in Band 37, Jahrgang 2006, der Zeitschrift "Viator". Innerhalb seiner Ausführungen verwies der namhafte Autor mehrfach auf unsere Arbeit. Für diesen wohl verstandenen Einsatz danken wir ihm herzlich! Wer sich nun näher mit den Inhalten von Prof. Mews' Publikation bekannt machen will, kann das mit einer Widmung versehene, uns zugesandte Ansichtsexemplar ebenfalls zur Lektüre herunterlanden. Herzu erneut auf das Bild mit dem Viator-Sammelband oben klicken!
 


 

Wir schließen mit einem Link zu dem von uns erarbeiteten Stammbaum der Hersendis von Champagne, unter Einbeziehung der Genealogien verwandter und bekannter Adelsfamilien Frankreichs.


Der Stammbaum der Hersendis von Champagne

Hierzu bitte auf das Bild klicken!

Dieser Stammbaum umfasst in etwa die Zeit zwischen 1000 und 1150 und insgesamt 486 Personen, überwiegend aus dem Anjou und der Bretagne

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