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Die Weidenwanger Gluck-Tradition






Ende des 17. Jahrhunderts lebte in Weidenwang der "chelista" und "violinista" Mathias Scheigl, ein in der Kunst des Instrumentenbaus (Violoncello, Violine) bewanderter Mann.

Am 2. oder 4. Juni 1714 wurde dem im alten Petzel'schen Forsthaus in Weidenwang unter behelfsmäßigen Bedingungen lebenden Försterehepaar Alexander und Walburga Gluck der erste Sohn geboren. Dieser wurde am 4. Juli 1714 in der Kirche St. Willibald in Weidenwang auf die Taufnamen "Christoph" (Vorname des Taufpaten) und "Willibald" (Rufname) getauft. Es handelt sich bei diesem Neugeborenen um jenen berühmten Komponisten, der 50 Jahre später von Wien aus die Barockoper reformierte und damit in die Weltgeschichte einging.




Nur wenige Tage, nachdem Christoph Willibald Gluck im Forsthaus von Weidenwang geboren worden war, genau am 24. August 1714, entband die Schustergattin Elisabeth Albrecht im Nachbarhaus, das auf demselben Grundstück wie das Forsthaus stand, also nur wenige Meter von Glucks Geburtsort entfernt, von einem Sohn, dem sie den in Weidenwang damals sehr seltenen Vornamen "Bartholomäus" gab.

Da die Lebensbedingungen im alten Petzel'schen Forsthaus ungünstig waren, zog die Familie Gluck noch zum Ende des Jahres 1714 in das nahe Dorf Erasbach um und verließ drei Jahre später den oberpfälzischen Sulzgau endgültig.

Fünfzig Jahre nach seiner Geburt, genau am 11. und 12. April 1764, besuchte Christoph Willibald Gluck, nunmehr am Gipfel seines Erfolgs in Wien stehend, seine beiden Heimatdörfer im Sulzgau. Speziell am Mittwoch, den 11. April 1764, dürfte der bereits international frei beruflich tätige, meist aber in Diensten des österreichischen Kaiserhauses stehende Kapellmeister und Komponist seine im Umbau befindliche Taufkirche St. Willibald und sein Geburtshaus am Weidenwanger Holzweg besichtigt haben. Sehr wahrscheinlich gab er, da den Bauersleuten von Weidenwang das Sujet "Oper" fremd gewesen sein dürfte, am Abend des 11. April 1764 im örtlichen Gasthaus zur Linde, in dem er übernachtete, eine Kostprobe seines Könnens, vielleicht auf den Streichinstrumenten des Geigenbauers Mathias Scheigl. Gluck selbst hat jedenfalls gegen Ende seines Lebens bekannt, wie sehr er sich Zeit seines Lebens nach solch freien und spontanen Auftritten, die ihn an den Beginn seiner Musikerlaufbahn erinnerten, sehnte.




Ca. 60 Jahre nach diesem Ereignis, nachweislich in den Jahren 1822 und 1824, lag auf dem Geburtshaus Glucks der Hausname "Zum Forsterbarthl", der mit den vormaligen Förstern als Hausbesitzern nichts zu tun haben kann (Försterfamilie Dötzer mit den Leitnamen "Hans" und "Georg"). Es besteht der dringende Verdacht, dass diesem Hausnamen jenes Kind "Bartholomäus" von 1714 zugrunde liegt, das nahezu zeitgleich mit Christoph Willibald Gluck aud demselben Grundstück gezeugt und geboren wurde und das der Weidenwanger Dorfklatsch eventuell dem Föster Alexander Gluck als heimlichen Vater unterschob, so dass hieraus ein "Forsterbarthl"  wurde. Die Details lassen sich heute nicht mehr klären, der Ausdruck als solcher spricht jedoch bereits für eine frühe Gluck-Tradition zu diesem Haus, verbunden mit Gerüchten, die gerade zum Besuch Glucks im Jahr 1764 wieder hervorgeholt wurden.




Ca. 20 Jahre später, ab 1842, ist die Geburtstradition des Komponisten erstmals durch den Weidenwanger Pfarrer Caspar Ainmiller verbürgt, ab 1845/46 auch in schriftlicher Form. Notabene: Diese Geburt dokumentieren nicht nur die Taufmatrikel Weidenwangs, sondern auch die bereits von einer Großeltern- bis auf die Enkelgeneration übertragene mündliche Überlieferung, welche besagt, dass "in Weidenwang ein Gluck gewesen ist, der sich auf allen Instrumenten ungemein gut auskannte." Das ist die mündliche Gluck-Tradition von Weidenwang - und sie passt perfekt zu einer Musikvorführung Glucks im Jahr 1764!

Wenig später wurde der Hausname "Zum Forsterbarthl" aufgegeben, wahrscheinlich weil er doch etwas zu anrüchig war, und durch den weitaus weniger belasteten Hausnamen "Zum Schimpl" ersetzt, der den Familiennamen der Hausbesitzer des 19. Jahrhunderts wiedergibt.




In dieser Zeit, genau aufgrund eines Antrags des Pfarrers Ainmiller vom 25. November 1859, entstand der Plan, Glucks Geburtshaus mit einer Gedenktafel zu versehen. Dieses Vorhaben wurde allerdings bis zum Jahr 1871 nicht in die Tat umgesetzt.

Im Mai 1860 überprüfte der Beilngrieser Landrichter Anton Stadlbauer gemeinsam mit dem Weidenwanger Pfarrer Caspar Ainmiller ein zwischenzeitlich aufgekommenes Gerücht, das Forsthaus von Weidenwang sei 1792 durch einen Neubau ersetzt worden. Vermutlich handelte es sich hier um die Verwechslung der Renovierung von 1723/24 mit einer der zahlreichen Ausbesserungsphasen des späten 18. Jahrhunderts. Bei der Augenscheinnahme des Landrichters wurde festgestellt, dass die Annahme eines Neubaus von 1792 falsch sei, und dass das geschwärzte Gebälk des Hauses (siehe Bild: verkohlter Rauchfangbalken aus dem alten Haus) und ein dort aufgefundener alter Hirschfänger ein weitaus höheres Alter des Hauses belegten.




In den Jahren zwischen 1867 und 1871 wurden durch den neuen Beilngrieser Bezirksamtmann Wilhelm Fischer und ein Weidenwanger Organisationskomitee mittels zahlreicher Spendenaufrufe 2828 Gulden gesammelt, mit denen man jenes Gluckdenkmal mit einer ehernen Büste aus der Hand des k. b. Bildhauers Prof. Conrad Knoll finanzierte, welches den Ort bis heute ziert. Die Enthüllung des Denkmals erfolgte am 4. Juli 1871, am 157. Geburtstag Christoph Willibald Glucks. Zeitgleich wurde am Geburtshaus Glucks eine Gedenktafel aus Carraramarmor enthüllt, die Prof. Knoll für diesen Tag spendiert hatte.




Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Verehrung Glucks in Weidenwang auf dem Höhepunkt; Bilder des Denkmals und des Geburtshauses gingen um die Welt. Innerhalb des renovierten Hauses zeigte man, wie eine Stuttgarter Xerographie nach den Skizzen von F. Trost aus der Zeit um 1860 belegt, das (eher doch hypothetische) Geburtsbett Glucks. Damit hatte sich in Weidenwang eine schon aus dem Jahr 1764 herrührende, stabile Tradition zur Geburt Glucks in diesem Ort etabliert, welche über 150 Jahre Bestand hatte, ohne dass in dieser Zeit irgendjemand dagegen Protest eingelegt hätte.




Zum 200. Geburtstag Glucks am 4. Juli 1914 legte der Sulzbürger Pfarrherr und Hobbyhistoriker Franz Xaver Buchner die Ergebnisse seiner vorherigen Archivrecherche vor und behauptete in einer 1915 publizierten Arbeit, dass 1. die Familie Gluck schon im Jahr 1713 Weidenwang in Richtung Erasbach verlassen hätte, dass 2. eine Tradition zur Geburt Gluck in Weidenwang sich nicht habe entwickeln können und deshalb einer geschickten Fälschung der Weidenwanger entspräche, und dass 3. das Forsthaus von Weidenwang erst 1724 entstanden sei und vorher kein anderes Haus an seiner Stelle gestanden hätte.




Da man hinterher diese Arbeit als sauber recherchiert und den wissenschaftlichen Ansprüchen genügend einschätzte, war der Geburt Gluck in Weidenwang der Todesstoß versetzt und dem Geburtshaus Glucks jegliche Wertschätzung entzogen. Dass sämtliche Rückschlüsse und Behauptungen Buchners in Wahrheit aus der Luft gegriffen und lediglich das Resultat einer äußerst oberflächlichen und irreführenden Recherche waren, wird in einer Zusammenfassung innerhalb dieser Seiten [Argumente] und durch unsere umfangreichen Arbeiten zum Thema, wie unten aufgeführt, dargestellt.

Nichtsdestotrotz konnten sich in der Folge die Buchner'schen Hypothesen und damit der Geburtsort Glucks in Erasbach allgemein durchsetzen, da bis zum Jahr 2015 eine Gegenprobe unterblieb und selbst namhafte Gluck-Forscher und Gluck-Biographen wie Rudolf Gerber oder Gerhard Croll die Buchner'schen Angaben ungeprüft übernommen hatten.

Aber auch eine entsprechende Gegendarstellung der Weidenwanger Dorfbevölkerung blieb aus, da zeitgleich mit der Bekanntgabe der Hypothesen Buchners der 1. Weltkrieg ausgebrochen war und die Weidenwanger Männer in einen Krieg hatten ziehen müssen, aus dem etliche nicht zurückkehrten.

Auch hinterher fehlten den Weidenwangern die Mittel, sich gegen die Falschbehauptungen externer "Fachleute" und auch mancher Erasbacher Nachbarn durchzusetzen. Im Jahr 1941 verbrannte der damalige Besitzer Johann Schimpl versehentlich ein ganzes Dossier an Dokumenten zur Hausgeschichte und zur Geburt Glucks, das bis dahin im alten Forsthaus von Weidenwang aufbewahrt worden war.

Im Dorf selbst blieb allerdings die Weidenwanger Gluck-Tradition bis zum heutigen Tag vital:

Als der im Buchner'schen Irrtumsjahr geborene Karl Rupp, der Bruder des einstigen Weidenwanger Bürgermeisters Alois Rupp, um 1980 eine Weidenwanger Chronik niederschrieb [Link], mahnte er ungeachtet aller gegenläufigen Meinungen im Vorwort:

"Die (besondere) Note der Weidenwanger Geschichte ist die Geburt des großen Meisters der Tonkünste und Musik Christoph Willibald, Ritter von Gluck. Im vorgenannten Fall geht es mir darum, den in der neuesten Zeit aufgetauchten Irrtümern, hinsichtlich des Geburtsortes von Gluck, durch Zusammenfassung aller einschlägigen Dokumente entgegenzuwirken. Anton Schmid, Custos der k. k. Hofbibliothek in Wien, beschrieb das Leben und Wirken von Christoph Willibald, Ritter von Gluck. Er schrieb unter anderem, warum will man die Wahrheit von dem Throne stoßen und dafür den Irrtum an anderer Stelle setzen? Doch: 'Das eben ist des Irrtums Fluch, dass er, fortzeugend, neuen Irrtum muss gebären!'"

Deutlicher ging es nimmer! Karl Rupp verstarb am 15. September 1988 in Feldkirchen bei München.

Doch auch 30 Jahre später hatte sich an der Überzeugung der Weidenwanger nichts geändert. So unterrichteten auch uns die ältesten Dorfbewohner, allen voran die am 23. August 1924 geborene Walburga Roauer, die bis zu ihrem Tode am 6. Mai 2020 ein phänomenales Gedächtnis besaß und zusammen mit der Generation ihrer Mutter fast 150 Jahre Weidenwanger Vergangenheit überblickte, davon, dass es im Ort bezüglich der Geburt Glucks in Weidenwang nie die geringsten Zweifel gegeben habe, auch nicht nach der verheerenden Veröffentlichung Buchners. Und noch am 5. November 2000, als die Internationale Gluckgesellschaft aus Salzburg, die sich ebenfalls ungeprüft den Thesen Buchners von 1914 angeschlossen hatte, das Gluck-Denkmal in Weidenwang besuchte, war Frau Roauer mutig mitten in die Besuchergruppe getreten und hatte laut bemerkt: "Meine Herren, an ihren Ausführungen stimmt etwas nicht." [Vgl. Artikel Neumarkter Tagblatt vom 6.11.2000]

Vor allem die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber auch noch die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts, waren durch z. T. heftige Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Erasbacher und Weidenwanger Bevölkerung bezüglich der Prärogative der Geburt Glucks geprägt, zumal auf Erasbacher Seite ortsfremde, aber umso publikumswirksamere "Experten" wie der Erlanger Fledermausforscher Prof. Dr. Anton Kolb und der Neumarkter Geistliche Herbert Lang mit ihren Aktivitäten reichlich Öl ins Feuer gossen. Hierzu liegt uns ein ganzes Bündel an Zeitungsartikeln, Briefen und Notizen vor, dessen Veröffentlichung und kritische Wertung ein ganzes Buch füllen würden, das wir aber an dieser Stelle unveröffentlicht und unkommentiert lassen, zumal dadurch einige Zeitgenossen, die heute noch unter uns weilen, erheblich kompromittiert würden.




Grundprinzip dieser Zeit war jedoch, dass sich für die Weidenwanger Seite so gut wie keine externe Persönlichkeit von Rang und Namen einsetzte, wenn man vom verstorbenen Rektor und Heimatpfleger von Berg, Josef Breinl, absieht. Mit Breinls Hinterlassenschaft sind uns eine Reihe von Schreiben zugunsten Weidenwangs überlassen worden, die jedoch ausnahmslos nicht gehört wurden.




Wir selbst waren von all diesen Auseinandersetzungen nicht betroffen und sozusagen ein unbeschriebenes Blatt, als wir im Jahr 2009 von der Nordoberpfalz nach Berching zogen. Trotz unserer grundsätzlich neutralen Haltung beiden Orten gegenüber, die mit Glucks früher Kindheit im Sulzgau zu tun haben, wurde uns nach eigenener Recherche relativ rasch klar, dass Christoph Willibald Gluck und dem Ort Weidenwang seit 1914 durch oberflächliche Einschätzung großes Unrecht angetan worden war:

  • So stellten wir schon in einer Vorarbeit des Jahres 1913 klar, dass die Buchner'sche Arbeit wegen großer methodischer Mängel keinesfalls weiter als Referenz herangezogen werden dürfe: [Gluck wurde doch in Weidenwang geboren...].

  • Nach einer vertieften Recherche im Diözesanarchiv Eichstätt und im Staatsarchiv Amberg während des Jahres 2015 wurde uns nicht nur klar, dass Buchner etliche Dokumente zur Geburt Glucks und zur Situation seiner Eltern in Weidenwang und Erasbach entweder übersehen oder falsch ausgewertet hatte, sondern auch, dass der Komponist auf dem Areal der Weidenwanger Anwesen F 11 und B 10 (einst ein einheitliches Grundstück) geboren sein musste. Ungeklärt blieb lediglich die Frage, ob an der Stelle des Weidenwanger Forsthauses von 1723/24 (roter Pfeil) bereits im Jahr 1714 ein Vorgängerbau existiert hatte, in dem dann Christoph Willibald Gluck geboren worden war, oder ob der Komponist mangels eines solchen Hauses im Nachbarhaus, in der alten Seligenportner Gastwirtschaft und im nachmaligen Haus des Schusters Ulrich Albrecht (heute Weidenwang F 11; grüner Pfeil), geboren wurde: [Auf den Spuren der Försterfamilie Gluck in den Dörfern Weidenwang und Erasbach...]




  • Nach Kauf und denkmalgerechter Renovierung des Hauses Weidenwang B 10, des alten Forsthauses von Weidenwang, in den Jahren 2019 und 2020 steht nun fest, dass zu Glucks Zeit tatsächlich an der Stelle des Forsthauses von 1723/24 ein Vorgängerbau, das Haus des Försters Stephan Petzel (1671-1702) stand, dass Glucks Vater Alexander Gluck im Jahr 1711 das Haus nach Jahren des kriegsbedingten Leerstandes in beschädigtem Zustand übernahm und dass Christoph Willibald Gluck am 2. oder 4. Juli 1714 in diesem Haus geboren wurde: [Das Forsthaus von Weidenwang, auch Gluckhaus genannt]



  • Damit ist die Buchner'sche Hypothese auch im allerletzten, entscheidenden Punkt widerlegt, nämlich in der Behauptung, dass im Jahr 1714 ein Forsthaus in Weidenwang gar nicht existiert habe.

    In der Konsequenz ist die alte, nunmehr seit mehr als 250 Jahren bestehende Tradition zur Geburt Glucks im Forsthaus von Weidenwang in ihre einstige Bedeutung und Würde wieder einzusetzen!




    Sämtliche Informationen und Referenzen zu dieser Aufstellung sind in unseren oben genannten Arbeiten der Jahre 2013, 2015 und 2021 nachzulesen [Link], darüber hinaus war in manchen Punkten eine Arbeit von H. Rosenbeck hilfreich: Christoph Willibald Gluck und Berching, URL: [https://www.berching.de/gluck-wanderweg/weidenwang-denkmal]