Vom Werden und Vergehen eines großen Mannes

Historische Holzstiche von Friedrich Trost zu Glucks Geburts- und Sterbeort


© Dr. Werner Robl, Berching, Februar 2015.

 

Das Buch für Alle - Illustrierte Familien-Zeitung - Chronik der Gegenwart

So hieß eine der ersten und erfolgreichsten Illustrierten, welche in Deutschland während der Kaiserzeit zwischen 1866 und 1918 erschien. Erstmalig herausgegeben wurde die beliebte Zeitschrift im Verlag Hermann Schönlein in Stuttgart, wobei sie vom Verleger Schönlein noch persönlich redigiert wurde. Ab 1889 erschien sie dann bei Schönlein's Nachfahren, ab 1890 in der Union Deutsche Verlagsgesellschaft. Die Untertitel des Familien- und Bildungsblattes wechselten mehrfach. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Zeitschrift noch eine Zeit lang weiterverlegt (bis 1935).

Im Jahr 1906 erschienen folgende Bildmotive des Nürnberger Lithographen und Holzstechers Friedrich Trost d. Ä.  (1844-1922) in Heft 22, versehen mit einem kurzen Kommentar zu Christoph Willibald Gluck, der hier nichts zur Sache tut. Es handelte sich damals um eine Zeit, in der derartige Stiche von der Redaktion der Illustrierten z. T. noch preisgünstiger beschafft und gedruckt werden konnten als Fotografien oder Gemälde-Reproduktionen.

Die Holzstiche haben nicht nur einen relativ hohen künstlerischen Anspruch, sondern sie entwickeln nach unserer Recherche von 2014/15 zu den Geburts- und Todesumständen Christoph Willibald Glucks ein neue, zuvor ungeahnte Aktualität. Aus diesem Grund werden sie hier vorgestellt.

Wer sich mit den Hintergründen unserer Recherche und ihrer Relevanz für diese Bilder näher beschäftigen will, sei auf unsere Schwerpunktarbeit verwiesen: [Link]

Durch Klick auf die jeweiligen Bilder bekommt man vergrößerte, druckfähige Versionen.

 

Das Forsthaus von Weidenwang aus dem Jahr 1724

Das hier abgebildete ehemalige "Forsthäusl" des Klosters Seligenporten am Südende des Ortes Weidenwang stammt aus dem Jahr 1724 und ist damit eines der ältesten Forsthäuser Bayerns. Es trug zu Zeiten des Königreichs Bayern die alte Hausnummer 42 (heute Weidenwang B 10) und stand im Areal des Anwesens Nr. 22 (heute Weidenwang F 11).

Weil eine Generation Weidenwanger Einwohner um 1850 ihre alte Dorftradition zur Geburt Christoph Willibald Glucks in diesem Anwesen dahingehend interpretiert hatte, dass der Komponist in diesem Gebäude Nr. 42 geboren sein müsse, wurde das reizende Köbler-Gütl mit seinem Hausgärtchen zum authentischen Geburtshaus Christoph Willibald Glucks erklärt. Christoph Willibald Gluck hatte im Jahr 1764 mit hoher Wahrscheinlichkeit Weidenwang und auch dieses Haus besucht und damit selbst zu diesem Mythos beigetragen. Als die Nachfrage von Bildungstouristen und Musikliebhabern entsprechend gestiegen war, verlegte man sich sogar darauf, in dieser Gedenkstätte die Stube mit dem Bett zu zeigen, in dem Glucks Mutter Walburga 1714 von ihrem berühmten Sohn entbunden worden war.

Damit schien man allerdings einem Irrtum aufgesessen zu sein, denn der Pfarrer Franz Xaver Buchner konnte 1915 mit Hilfe eines alten Aktes aus dem Forstamt Neumarkt nachweisen, dass das Haus in der gezeigten Konfiguration erst 10 Jahre nach der Geburt Glucks und 7 Jahre nach dem Weggang seiner Familie nach Böhmen entstanden war. Weidenwang wurde hierauf die Ehre des Geburtsortes ab- und dem Nachbarort Erasbach zugesprochen; das Forsthaus selbst geriet in Vergessenheit.

Heute wissen wir, dass Buchner seinerzeit einen kapitalen Bock geschossen hatte: Christoph Willibald Gluck wurde zwar nicht in diesem Haus des Jahres 1724 geboren, aber in einem kleineren Vorgängerbau an derselben Stelle, der vielleicht schon aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg stammte und von dem der noch 1820 gebräuchliche Hausname "Forsterbarthl" stammte. In diesem Häuschen hatte der unmittelbare Vorgänger Alexander Glucks, der Seligenportner Förster Stephan Petzel gelebt und gewirkt, ehe er kurz vor Ausbruch des Spanischen Erfolgekriegs, im Jahr 1701, verstarb. Nach Jahren des Leerstandes und teilweisen Verfalls scheint dann dieses Haus im Jahr 1711 für Glucks Vater, den Unterförster Alexander Gluck, wieder notdürftig hergerichtet und von diesem als Dienstsitz übernommen worden zu sein.

Dieser Vorgängerbau ist in Schriftquellen allenfalls indirekt angedeutet und nicht expressis verbis vermerkt, aber wir konnten inzwischen sein Substrat mit bauarchäologischen Methoden zweifelsfrei nachweisen und damit unseren früheren Verdacht bestätigen: Es hat sich bis heute von diesem früheren Haus nicht nur ein Felsenkeller und die aufgehenden Mauern eines darüber liegenden Wohnraums erhalten, sondern auch der gesamte Ostgiebel und Wandteile mit zugesetztem Durchgang im beigestellten kleinen Forstbüro.

Franz Xaver Buchner war also auch in diesem ganz entscheidenden Punkt einem fundamentalen Irrtum aufgesessen, und es stimmte mitnichten, was er in seiner Arbeit von 1915 behauptet hatte:

Gluck ist in diesen Hause nicht geboren worden, weil dieses Haus damals (1724) noch nicht existiert hat, auch kein anderes an dieser Stelle."

Zu diesem früheren Forsthaus und seiner Berechtigung als Glucks wahrer Geburtsstätte wird nach Abschluss der Renovierung eine weitere Arbeit erscheinen. Wer sich einstweilen mit weiteren Argumenten zur Richtigkeit der Weidenwanger Gluck-Tradition beschäftigen will, findet zahlreiche Hinweise in oben verlinkter Arbeit.

Doch zurück zu Trosts Stich zu diesem Haus, dessen Aspekt sich in diversen anderen Darstellungen bis nach Paris und New York verbreitete. Dem Graveur sind seinerzeit kleinere Fehler unterlaufen, da er nach dem Gedächtnis bzw. nach einer Skizze arbeitete, die er schon geraume Zeit zuvor bei einem Besuch in Weidenwang angefertigt hatte: So wurde z. B. ein hinter dem Haus stehendes, strohgedecktes Gebäude zu einem Stallanbau, der jedoch so nie existiert hat. Glücklicherweise hat sich in einer Ausgabe der Zeitschrift "Die Oberfalz" (Jahrgang 1914, Seite 139) der authentischere Entwurf Friedrich Trosts erhalten, so dass der Leser nun selbst Vergleiche anstellen kann.

 

Das Wohn- und Sterbehaus Christoph W. Glucks in der Wiedener Hauptstraße 32 in Wien

Im Jahr 1785 wechselte der Mönch Fortunat Durich, eine Experte für biblische Sprachen und Altslavisch, von Prag nach Wien, in das dortige Ordenshaus der Paulaner, nachdem diese den Standort Prag hatten aufgeben müssen. Im Jahr 1796 wurde auch dieses Kloster "auf der Wieden" aufgelöst, und Durich kehrte in seine Vaterstadt Turnau zurück. Wenn Fortunat Durich in den 11 Jahren seines Wiener Aufenthaltes von seinem Studierzimmer aus auf die Altwiedener Straße blickte, erschloss sich ihm exakt der Aspekt des obigen Stichs von Trost: Er sah direkt auf das Wohnhaus des Komponisten Gluck, welches auf der anderen Seite der Straße lag. Nur in einem Punkt unterschied sich das Gluck'sche Anwesen von der obigen Abbildung: Wie das Nachbarhaus zur Linken war es zur Zeit, als die Glucks hier lebten (1784 - 1787/91), nicht mit drei, sondern nur mit zwei Stockwerken versehen. Hier also verbrachte Christoph Willibald Gluck die letzten Jahre seines Lebens. [Link]

Es ist selbstverständlich, dass sich der Gelehrte Durich und das Ehepaar Gluck als unmittelbare Nachbarn kannten und womöglich in anhaltendem, vertrautem Kontakt standen, schließlich gehörte man derselben Wiener Bildungsschicht an. Zwei Jahre, nachdem Christoph Willibald Gluck in diesem Haus an den Folgen einer schweren Herzschwäche verstorben war (am 15. November 1787), erhielt Fortunat Durich aus der Hand der verwitweten Marianne Gluck, welche nach wie vor in ihrem Anwesen wohnte, den originalen Taufschein Glucks zur Ansicht. Durich fertigte eine genaue Kopie desselben an und schickte diese seinem Freund, dem Gelehrten Jan Bohumir Dlabač, Bibliothekar des Klosters Strahov in Prag. Dlabač übernahm 1794 die Information dieser Taufscheinkopie in eine Facharbeit und übertrug sie dann 1815 buchstabengetreu in sein berühmtes "Künstler-Lexikon für Böhmen".

Das Original des Taufscheins ging später durch einen Brand im Haus des Gluck'schen Universalerben Dr. Carl von Gluck verloren, die Prager Abschrift überlebte in Form der genannten Veröffentlichungen. Dieses vom Weidenwanger Pfarrer Joseph Michael Beck zwischen 1736 und 1743 ausgestellte Dokument enthielt Informationen, welche damals vor Ort noch greifbar waren, u. a. den Taufeintrag im Kirchenbuch. Im Gegensatz zu den Taufmatrikeln wies der Taufschein als gemeinsames Geburts- und Taufdatum den 4. Juli 1714 und als Geburts- und Taufort eindeutig den Ort Weidenwang aus. Seit mehr als 150 Jahren läuft der Versuch, erst das eine, dann das andere in Abrede zu stellen, unsere Archiv-Recherche von 2014/15 hat aber diese Angaben aufgrund zahlreicher, recht eindeutiger Indizien eindrucksvoll untermauern können.

Demnach gilt die alte Weidenwanger Tradition, seit nunmehr 300 Jahren ungebrochen:

Christoph Willbald Gluck wurde am 4. Juli 1714 in Weidenwang geboren und getauft!

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