Die kurbayerische Landesdefensionslinie zwischen Donau und Altmühl

Von der Donau zwischen Neuburg und Ingolstadt bis nach Denkendorf

© Dr. Werner Robl, Berching, Januar 2015

 

Die historische Ausgangslage

Für diesen Abschnitt nahe der Landesfestung Ingolstadt zeigen wir zunächst eine historische Karte von 1704, die im Jahr 1878 vom k. k. Kriegsarchiv Wien erstmals publiziert und von H. Kerscher in einer Arbeit über die kurbayerische Landesdefensionslinie erneut wiedergegeben wurde. [1] Eingezeichnet ist hier nicht nur das Tracé der Defensionslinie, die damals in der französischen Militärsprache auch retranchement genannt wurde (in der Karte verschrieben), sondern auch die Gefechtsstellungen vor der Festung Ingolstadt im August 1704. Gut erkennbar hier das sogenannte "Schutter-Moos", das damals nicht verhauen werden musste, sowie die Waldverhaue nördlich Dünzlau, Lenting und Hepberg.

Die Schanzlinie ist in folgender Abbildung aus Gründen der Erkennbarkeit farblich hervorgehoben, die ganze Karte selbst, welche leider nicht maßstabsgetreu angefertigt wurde, aus Gründen der geographischen Korrektheit um 90° gedreht. Für den Erhalt der originalen Kartenausrichtung bitte mit der Maus auf das Bild klicken!

Karte aus dem k. k. Kriegsarchiv Wien, von 1704.

 

Die Schanzen von der Donau-Niederung bis Dünzlau

Interessante Punkte der kurbayerischen Landesdefensionslinie von 1702/03
Die Landesdefensionslinie von der Donau bis nach Duenzlau. Blaue Linie= Grenze zwischen Kurbayern und Pfalz-Neuburg sowie dem Hochstift Eichstätt, nach K. Röttel. Graue Punkte = erhaltene historische Grenzsteine nach K. Röttel. Rote durchgehende Linie = gesicherte Abschnitte der Landesdefensionslinie. Gelbe Punkte: Schanzwerke oder Linienabschnitte der Defensionslinie.

 

Die Schanzen der Donau-Niederung

Die Tour entlang der kurbayerischen Landesdefensionslinie beginnt zwischen Ingolstadt und Neuburg an der Donau an den inzwischen trockengelegten Armen der alten Donau - und mit einer faustdicken Überraschung:

Hierin den Auwäldern der Donau östlich der Gemarkungen Fischerholz und Tirolerholz hat sich auf einer Strecke von fast 1 Kilometer die historische Linienverschanzung in toto erhalten, von Süd nach Nord gesäumt von einer westwärts anliegenden Viereckschanze, dann von einem Spiron, zuletzt von einem geflügelten Spiron.

Im Gerolfinger Eichenwald zeigt die Linie Unterbrechungen. Dennoch lässt sie sich im Bereich eines prähistorisches Grabhügelfeldes nochmals ein kurzes Stück verfolgen, anschließend zog sie in einiger Distanz am Hoheloheberg mit seinem "Dreiländerstein" vorbei, d. h. an jenem Punkt, wo zwischen 1505 bis 1803 die Territorien von Eichstätt, Kurbayern und Pfalz-Neuburg aufeinander stießen. Im Weiteren lässt sich die Linie fast bis zur Staatstraße 2214 zwischen Dünzlau und Bergheim verfolgen - z. T. durch Vertiefungen im Laserbild, z. T. durch Bewuchsmerkmale.

Es folgt zunächst die Gesamtdarstellung dieser malerischen Strecke im Laser-Scan.

Der Laser-Scan von 2015 macht Höhenunterscheide des Mutterbodens von unter 20 cm deutlich.

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Die Linie an den Hügelgräbern

Die beiden folgenden Aufnahmen dienen der Detaildarstellung knapp südlich des genannten Grabhügelfeldes. Gruppiert stehen hier in einem lockeren Eichenhain 18 größere und kleinere Tumuli, von denen einige im Laserbild die typischen zentralen Exkavationen aufweisen, welche von Grabplünderungen herrühren. Kleinere Gräber scheinen noch intakt zu sein, weitere sind inzwischen durch die Feldkultur eingeebnet. Die Defensionslinie kommt von Südwesten an dieses Gräberfeld heraqn und schneidet es am unteren östlichen Rand in Richtung Nordosten. In den Luftaufnahmen lassen sich die dunkleren Gräser des einstigen Grabens gut ausmachen.

Bewuchsstreifen des Schanzgrabens südlich der Grabhügelgruppe.

Satellitenbild von 2015 und Laser-Scan im Vergleich.

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In Nähe des Dreiländersteins

Der historischen Dreiländerstein von 1696 wurde nur 6 Jahre vor dem Schanzwinter 1702 skulpiert und aufgestellt und gehört als Grenzmarke und Zeichen friedlicher Koexistenz vor 1700 quasi als Kontrapunkt zur Defensionslinie. [Link] K. Röttel nennt diesen markanten Stein am Hohenloheberg auch "Dreiherrenstein" und erzäht die alte Lokalsage, dass hier die Fürsten der drei Staaten einst zusammenkamen, damit ein jeder von seinem Pferd aus in sein Land hineinblickte. Die Defensionslinie passiert den markanten Stein östlich in einer ungefähren Distanz von 350 Metern, um wenig später nach Nordosten in Richtung Dünzlau abzubiegen.

Das Dreiländereck in der Homann'schen Karte Kurbayerns: Blassgrün das Territorium der "jungen" Pfalz Neuburg. Blassgelb das Kurfürstentum Bayern, weiß das Hochstift Eichstätt. Rechts eine ältere Abbildung des dreikantigen Dreiländersteins mit Wappendarstellung.

Pfeil links unten: Standort des Dreiländersteins. Pfeil rechts oben: Verlauf der Defensionslinie, die hier stark nach Nordosten abbiegt.

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Vor Dünzlau

Glücklicherweise gibt eine Satellitenaufnahme von 2015 den weiteren Verlauf der Linie in Richtung Dünzlau wieder. Gut erkennbar der Graben einer Viereckschanze.

Die Felder sügwestlich von Dünzlau. Die Linie knickt an der Schanze ein wenig ab.

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Die Schanzen zwischen Duenzlau und dem "Rauhen Buckel" bei Hepberg

Die weiteren 10 Kilometer Schanzenlinie sind heute bis auch ganz geringe Ausnahmen nicht mehr an der Oberflächengestalt des Landes auszumachen. Die intensive Landwirtschaft und die dichte Besiedelung im Großraum Ingolstadt mit den zahlreichen neuen Verkehrswegen stellen das größte Hindernis dar, die Linie noch per Bild nachzuvollziehen.

Interessante Punkte der kurbayerischen Landesdefensionslinie von 1702/03
Die Landesdefensionslinie zwischen Dünzlau und em Köschinger Forst. Blaue Linie= Grenze zwischen Kurbayern und dem Hochstift Eichstätt, nach K. Röttel. Graue Punkte = erhaltene historische Grenzsteine nach K. Röttel. Rote gestrichelte Linie = anzunehmender Landesdefensionslinie. Grüne gestrichelte Linie = Waldverhau im Birket bzw. Gabelholz. Gelbe Punkte: Reste der Defensionslinie.

Der hier wiedergegebene Linienverlauf basiert also im Wesentlichen nicht auf erkennbaren Resten der Linie, sondern auf obiger Karte und der Beschreibung Otto Kleemanns von 1885. [2] Das breite Schutter-Moos zwischen Dünzlau und Gaimersheim und das nachfolgende Gabelholz machten eine Linearschanze gänzlich überflüssig, insofern sind hier auch keine Überreste zu erwarten. Erst nördlich von Etting und zwischen Wettstetten und Hepberg lassen sich erneut rudimentäre Reste eines Lineargeabens nachweisen und bestätigen den projektierten Verlauf. Hierzu bitte auf die gelben Punkte recht oben in der Übersichtskarte klicken oder dem weiteren Verlauf dieser Seite folgen!

Es folgt zunächst die Darstellung von Otto Kleemann:

Auszug aus Otto Kleemann Defensionslinienarbeit von 1885.

 

Am Fuß des Adlmannsberg bei Wettstetten

Bewuchsmerkmale der Linie südlich des Adlmannsberges bei Wettstetten.

Der Verlauf der Linie am Adlmannsberg in Richtung Nordosten belegt, dass die Bistumsgrenze im Weiteren ein wenig geschnitten wird, wenn die Grenzdarstellung von K. Röttel richtig ist. Vermutlich ging es damals darum, auf möglichst kurzem Weg den "Rauhen Buckel" zwischen Wettstetten und Hepberg zu erreichen. Heute ist das dazwischen liegende Terrain durch eine Umgehungsstraße und die ICE-Trasse stark artfiziell verändert.

Im Bereich des Wäldchens ist die Linie auch im Laser Scan sichtbar.

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Auf der "Platte" am "Hallerschlag"

Westlich der Ruine des historischen Forts V am Südende des Ingolstädter Standort-Übungsplatzes befindet sich ein kleines Wäldchen namens Hallerschlag. An dessen Südwestrand findet sich im Laser Scan ein kurzer Grabenabschnitt, welcher u. U. der Landesdefensionslinie zugeordnet werden kann. Östlich schließt sich ein unterirdisches Bauwerk (Tiefgarage?) an.

Grabenstück auf der "Platte" am "Hallerschlag".

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Am "Rauhen Buckel"

Im Rahmen des Ausbaus der Ingolstädter Landesfestung mit Vorwerken besichtigte der Ingenieur-Offizier Carl Brug (später Carl Ritter von Brug; 1855-1923) im Jahr 1880 das Terrain beim geplanten Fort V westlich von Hepberg und entdeckte dabei auf dem "Rauhen Buckel" Schanzen des Spanischen Erbfolgekriegs. Brug entschloss sich, die Schanzen exakt zu vermessen, ihren Verlauf aufzuzeichnen und in einem Bericht Otto Kleemann und der Nachwelt zu übergeben. Es folgt der Brug'sche Bericht im Original, aus einem Artikel von Ernst Aichner. [3] Der Umbruch ist von uns geringfügig verändert.

Auszug aus Brug's Bericht von 1890. Aichner, a.a.O.

Carl Brug als junder und älterer Offizier, seine Schanzenskizzen von 1890.

Zum Vergleich folgt ein Auszug aus dem Urkataster von ca. 1820, der den von Brug als "Schanze B" bezeichneten, einfachen Spiron mit anschließendem Graben als ein unbebaut gebliebenes Geländestück mit zwei gegenläufigen spitzen Dreiecken erkennen lässt (im Ausschnitt durch den eingezeichneten Linienverlauf etwas verdeckt). Auch das Urpositionsblatt von 1869 kennt diesen Schanzenteil (siehe oben).

Ausschnitt aus dem königlich-bayerischen Urkataster von ca. 1820, daneben vergleichsweise der Brug'sche Plan.

Obwohl heute das ganze Terrain durch den Truppenübungsplatz mit seinen Schieß- und Sprengplätzen stark verändert ist, lässt sich der nördliche Spiron "B" und ein Teil des eingeebneten Walls noch gut im Gelände ausmachen. Der südliche, geflügelte Spiron "A" ist heute überbaut; er wurde von Aichner etwas irreführend "Lünette" genannt - ein Begriff, der eher einer gemauerten Bastion als einer Erdschanze angemessen ist. [Link]

Laser Scan 2015.Gut erkennbar auch die erhaltenen Gräben des ruinösen Fort V.

Besonders eindrucksvoll zeigt eine aus zwei Satellitenbilder von 2015 zusammengesetzte Luftaufnahme noch weitere Teile des einstigen Linienverlaufs - an Hand von Bewuchszeichen. Dabei erkennt man einen weiteren geflügelten Spiron, aber auch einen etwas nach Nordost abknickenden Linienverlauf. Dadurch ist auch belegt, dass der von Brug entdeckte Graben "C" nichts mit der Defensionslinie zu tun hat. Brug scheint dies aber seinerzeit intuitiv gespürt zu haben, sonst hätte er auch dieses Bodendenkmal zeichnerisch erfasst.

Zwei Satellitenfotos des "Rauhen Buckel" von 2013, mit unterschiedlichem Stand der Vegetation, positionsgerecht zusammengesetzt.

Weitere Schanzwerke des kurbayerischen Landesdefension von 1702/03 haben sich im Ingolstädter Raum nicht erhalten.

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Vom "Rauhen Buckel" bei Hepberg durch den Köschinger Forst bis nach Schönbrunn und Zandt

Im Ingolstädter Standortübungsplatz träfe man, wenn der Zutritt gestattet wäre, auf heute nicht erhaltene Schanzen, die jedoch in Wort und Bild historisch genau überliefert sind. Mit diesen Schanzen endete 1702/03 die Linearverschanzung der Donauniederung und ging in einen langstreckigen Waldverhau quer durch den Köschinger Forst über, um sich erst südwestlich von Denkendorf wieder als Wall-Graben in Richtung Schönbrunn fortzusetzen. Aufgrund geringfügig erhaltener Linienreste südlich von Westerhofen bei Stammham und am Fuße des Hierbergs (siehe Bild) wissen wir ziemlich genau, dass sich die Linie relativ knapp am Altweg von Denkendorf nach Hepberg hielt, was taktische Vorteile hatte, da man so die Linie relativ einfach visitieren und überwachen konnte. Beim sog. "Schmalhäusel" hart an der Eichstättischen Grenze muss eine große Redoute mit Schlagbäumen gewesen sein.

Interessante Punkte der kurbayerischen Landesdefensionslinie von 1702/03
Der weitere Linienverlauf in der Topographischen Karte Bayern (Überprojektion mit dem ALS-gestützen Bodenprofil).

 

Damit endet dieser Abschnitt der kurbayerischen Landesdefensionslinie zwischen Donau und Altmühl.

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Über den weiteren Verlauf der Defensionslinie bis zur Altmühl wird an anderer Stelle ausführlich berichtet. [Link]


Fußnote:

[1]Hermann Kerscher: Die "kurbayerischen Landesdefensionslinien" aus den Jahren 1702/03 zwischen Donau und Altmühl, in: Das Archäologische Jahr in Bayern 1993, Stuttgart 1994, S. 176.

[2] Otto Kleemann (Generalmajor und Direktor der Kriegsakademie): Die Grenzbefestigungen im Kurfürstenthume Bayern zur Zeit des spanischen Erbfolge=Krieges, in: Oberbayerisches Archiv für Vaterländische Geschichte, Band 42, Jahrgang 1885, Seiten 274ff.

[3] Ernst Aichner: Alte Schanzen zwischen Hepberg und Wettstetten - eine Entdeckung des bayerischen Ingenieuroffiziers Carl (Ritter von) Brug aus dem Jahre 1880, veröffentlicht im Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt, Jahrgang 87, Ingolstadt 1978, S. 284ff.

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